Kirche in Bayern
In seinen ersten Monaten im neuen Amt muss der neue kirchliche Finanzchef Patrick de La Lanne eine ganze Reihe von Problemen schultern, wie die finanzielle Bewältigung der Corona-Krise und die Konsolidierung des Haushalts für 2022. In einem Redaktionsgespräch mit dem Evangelischen Presseverband (EPV) erläutert de La Lanne, wieso die Kirche trotz zurückgehender Ressourcen finanziell handlungsfähig bleibt.
Patrick De La Lanne
Der kirchliche Finanzchef Patrick de La Lanne.

Die Landeskirche hat das Ziel, nach den Turbulenzen der Corona-Krise wieder zu einem ausgeglichenen Haushalt zu kommen. Können Sie den der Landessynode zur Abstimmung vorlegen?

de La Lanne: Nach unserer Finanzplanung sollte diese nicht einfache Aufgabe gelingen. Der Haushaltsentwurf für 2022 geht von 962 Millionen an Einnahmen aus, denen nur 927 Millionen Euro an Ausgaben gegenüberstehen. Wir haben also mit einem Überschuss von über 35 Millionen Euro wieder ein positives Delta.

Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?

de La Lanne: Durch die gute konjunkturelle Entwicklung steigen die Kirchensteuern, von 728 Millionen Euro in 2021 auf 779 Millionen in 2022. Allerdings haben wir dann immer noch nicht das Niveau von 2019 mit 799 Millionen Euro Kirchensteuern erreicht. Dazu kommen ganz erhebliche Einsparungen in Höhe von elf Millionen Euro - 7,3 Millionen Euro im Personalbereich und 3,7 Millionen Euro bei den Zuschüssen, davon eine Million im Bereich der Diakonie. Diese Kürzungen haben natürlich weh getan, sind aber unbedingt nötig, um nach den Belastungen durch Corona wieder in ein ruhiges Fahrwasser zu kommen.

Welche Auswirkungen durch Corona mussten Sie auffangen und ausgleichen?

de La Lanne: Corona war auch finanziell ein tiefer Einschnitt für die Kirche. Wir haben mit zusätzlichen Belastungen, wie dem Rettungsschirm für kirchliche Einrichtungen, und Einnahmeausfällen in Höhe von insgesamt 130 Millionen Euro gerechnet. Unter dem Strich kam es dann glücklicherweise zu einem Fehlbetrag von 66 Millionen Euro, was vor allem daran lag, dass die Kirchensteuer durch die Corona-Auswirkungen wie beispielsweise Kurzarbeit nicht so stark gesunken ist wie befürchtet.

Mit welchen strategischen Zielen und Prognosen gehen Sie in die nächsten Jahre?

de La Lanne: Zunächst habe ich die große Hoffnung, dass die gestiegene Inflation kein Dauerzustand wird und dass der positive konjunkturelle Trend anhält, also keine neuen zusätzlichen Belastungen entstehen. Trotzdem bleibt es ein Gesetz der Marktwirtschaft, dass die nächste Krise bestimmt kommen wird. Deshalb müssen wir die Kirche mit einer mittelfristigen Finanzplanung wetterfest gegen zukünftige Kalamitäten machen. Das sehe ich als wichtigste Aufgabe für mein Team und mich. Eine Voraussetzung dafür ist natürlich eine Konsolidierung der Finanzen, also ein ausgeglichener Haushalt nicht nur für das nächste Jahr, sondern auch für alle folgenden.

Ein wesentlicher Faktor für die Kirche sind die Personalkosten. Wie kann die Kirche in einem Spagat verlässliche Arbeitgeberin bleiben und trotzdem Handlungsspielräume für neue Entwicklungen und aktuelle Herausforderungen haben?

de La Lanne: Wegen ihrer seelsorgerlichen und sozialen Aufgaben wird die Kirche immer personalintensiv sein. Für die Verkündigung und unseren theologischen Anspruch brauchen wir Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakone und Religionspädagoginnen und andere Berufsgruppen. Selbst wenn die Zahlen der Mitarbeitenden analog zu den sinkenden Mitgliederzahlen zurückgehen werden, führt das nicht sofort zu einer finanziellen Entlastung. Denn es muss einen Inflationsausgleich geben, Mitarbeitende steigen in höhere Gehaltsklassen auf, Fortbildung wird eine größere Rolle spielen. Weil ich von Kündigungen nichts halte, müssen wir neben einer vorausschauenden, soliden Finanzplanung Prioritären setzen und dafür an anderen Stellen einsparen, umstrukturieren, neue Kooperationsmöglichkeiten finden und neue Finanzquellen erschließen.

Wo sehen Sie da Chancen?

de La Lanne: Kooperationen sehe ich vor allem im Immobilienbereich. Gemeindehäuser könnten von mehreren - auch katholischen - Gemeinden genutzt werden. Außerdem müssen wir unser Fundraising und die Akquise von Fördermitteln verstärken. Natürlich sind die Zeiten, in denen viele Spenden nahezu automatisch an die Kirche gegeben wurden, längst vorbei. Wir haben aber auch für die gesamte Gesellschaft spannende Themen und Projekte, die wir noch viel intensiver bewerben können. Bereits jetzt haben wir das Fundraising, das sehr gute Arbeit leistet. Das könnten wir ausbauen.

Eine bleibende Belastung sind aber immer noch die hohen Versorgungsleistungen für die kirchlichen Mitarbeitenden im Beamtenstatus, wie etwa die Pfarrerinnen und Pfarrer. Auch deswegen schleppt die Landeskirche einen bilanziellen Fehlbetrag in Höhe von 674 Millionen Euro mit.

de La Lanne: Dieser in der Bilanz ausgewiesene Fehlbetrag kommt auch durch Neubewertungen zustande, außerdem haben wir noch stille Reserven. Die Kirche ist also dadurch nicht gefährdet. Aber in der Tat müssen wir das Thema Versorgungsleistungen dringend ansprechen und wie wir unsere Gehalts- und Beschäftigungssysteme entwickeln können.

Erste zaghafte Versuche in dieser Richtung waren aber nicht erfolgreich und sind am Widerstand der Betroffenen gescheitert.

de La Lanne: In der Kirche können Planungen in diesen Bereichen nie gegen die Betroffenen, sondern nur gemeinsam gehen. Statt die Dinge übers Knie zu brechen, sollten wir viel Zeit investieren, um am Ende des Tages einvernehmliche Lösungen zu finden. Allerdings müssen wir uns der Frage stellen, ob weiterhin so viele Positionen wie bisher von Personen mit öffentlich-rechtlichen Anstellungsverhältnissen ausgefüllt werden müssen. Denn unser gemeinsames Ziel muss es doch sein, dass die Kirche auch in Zukunft handlungsfähig bleibt.

Ein weiteres Konfliktfeld sind die Immobilien, insbesondere, wenn Gebäude oder Einrichtungen aufgegeben werden sollen.

de La Lanne: Bei den vielen kirchlichen Immobilien besteht ein großes Einsparpotential - durch andere Nutzung, Kooperationen und Verkäufe. Der Landeskirchenrat hat deshalb eine Analyse der Tagungs- und Übernachtungshäuser beschlossen. Dabei müssen neben den inhaltlichen Angeboten auch betriebswirtschaftliche Daten eine Rolle spielen. Klar ist aber auch, dass dabei nicht allein betriebswirtschaftliche Kriterien, sondern ebenfalls der jeweilige kirchliche und ethische Auftrag berücksichtigt werden muss.

Das wird aber deshalb wohl ein schwieriger Weg.

de La Lanne: Da habe ich überhaupt keine Illusionen. Wie die Diskussionen um das Wildbad Rothenburg gezeigt haben, gibt es sofort Kritik, wenn über einen Verkauf nachgedacht wird. Was ja menschlich völlig nachvollziehbar ist. Da ist eine große Überzeugungsarbeit nötig, weil am Ende eine Mehrheitsentscheidung stehen muss. Ein entscheidender Punkt wird sein, dass diese Tagungshäuser wieder mehr nachgefragt werden - für Freizeiten, Konfi-Wochenenden oder Veranstaltungen.

Ist das Großprojekt "Evangelischer Campus Nürnberg" (ECN) durch die finanzielle Situation gefährdet?

de La Lanne: Nein, überhaupt nicht. Der ECN ist ein großartiges Leuchtturmprojekt, das uns als Kirche insgesamt voranbringt und ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Für dieses größte Kirchenbauprojekt der letzten 100 Jahre hat die Landessynode 178 Millionen Euro bewilligt. Wir tun alles, um eine Punktlandung hinzubekommen - trotz gestiegener Baustoffpreise, wie beispielsweise bei Holz. Ein ganz wichtiges Instrument ist dabei der Projektlenkungsausschuss und die Projektsteuerung, die sofort aktiv werden, wenn einzelne Gewerke teurer werden sollten.

Welchen Einfluss haben Sie als Finanzchef bei Planungen und Prozessen?

de La Lanne: Aus guten Gründen ist die Kirche nach dem Prinzip der Kollegialität und der "Gewaltenteilung" in verschiedenen kirchenleitenden Organen organisiert, weil die Kirche nicht primär ein Wirtschaftsbetrieb ist, sondern einen Verkündigungsauftrag hat. Deshalb sehe ich mich nicht als "Chef", sondern in erster Linie als Team-Player, Crew-Mitglied und Moderator. Mein Team und ich haben die strategische Aufgabe, eine zuverlässige mittelfristige Finanzplanung aufzustellen, die es der Kirche ermöglicht, auch in Zukunft ihrem Auftrag gerecht zu werden und nötige inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Denn in der Kirche ist Verwaltung kein Selbstzweck, sondern muss wie alles andere auch Verkündigung und Seelsorge dienen.

Meine spezielle Aufgabe in der Verwaltung sehe ich darin, bei den Mitarbeitenden ein gegenseitiges Verständnis zwischen Wirtschaft und Kirche zu schaffen. Denn mich treibt sehr die große Fluktuation in der kirchlichen Verwaltung um, dass uns beispielsweise ein Referatsleiter bereits schon in der Probezeit wieder verlässt. Die Leute, die aus der Wirtschaft zu uns kommen, sind schnelle Entscheidungen gewohnt. In der Kirche arbeitet die Verwaltung jedoch ganz anders, weil viele Gremien wie die Synode ganz wesentlich in Entscheidungen eingebunden sind, statt eines Top-Down-Systems von oben nach unten die Entscheidungen in einer kollegialen Struktur gefunden werden müssen. Dieses System mag schwerfällig sein, entspricht aber unserem Grundsatz eines "Priestertums aller Getauften", das sich natürlich auch in der Verwaltung widerspiegeln muss.

Sie sind aber doch maßgeblich an der Aufstellung des Haushalts beteiligt, was ja in der Kirche eine "Theologie in Zahlen" ist und haben dadurch auch Gestaltungsmöglichkeiten. Wo liegen Ihre Schwerpunkte?

de La Lanne: Die Prioritäten sind ganz klar Konsolidierung der Finanzen und dadurch Perspektiven für die Kirche. Die inhaltlichen Schwerpunkte gibt dabei der Reformprozess "Profil und Konzentration" vor, den ich ganz hervorragend finde. Jetzt müssen wir die PS auch auf die Straße bekommen. Dafür will ich meinen Beitrag leisten.

Sie haben ihre Funktion als Finanzchef in einer schwierigen Zeit angetreten. Bereuen Sie manchmal Ihre Entscheidung?

de La Lanne: Dieser Gedanke ist mir überhaupt noch nicht gekommen. Ich sehe meine Funktion und die damit verbundenen Probleme nicht als Belastung, sondern als Herausforderung, die ich spannend finde. Neue Aufgaben und Regionen haben mich schon früher sehr gereizt. Nach meinem juristischen Referendariat in Berlin bin ich nach Indien gegangen als Geschäftsführer der deutsch-indischen Handelskammer, in der posttraumatischen Wendezeit zwischen 1995 und 1999 war ich beruflich in Rostock, danach in Emden, einer völlig anderen Region, und schließlich als Oberbürgermeister in Delmenhorst. Außerdem war ich ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert, wie zum Beispiel als Synodaler in Oldenburg. Bei der kommenden Landessynode bin ich sehr gespannt auf den Seitenwechsel, wenn ich dann bei den Oberkirchenräten, also der Exekutive, sitzen werde.

Wie haben Sie den Wechsel vom Norden Deutschlands ganz in Süden empfunden?

de La Lanne: Ich brauche nur "Guten Tag" zu sagen, dann weiß jeder, dass ich aus dem Norden komme. Dennoch fühlen wir uns hier sehr wohl, weil wir sehr freundlich aufgenommen worden sind. Bei der Wirtshaus-Wiesn wurden beispielsweise meine Frau und ich inmitten von Damen und Herren in Tracht platziert, die alle super nett mit uns sind.

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