4.04.2020
Unterricht und Corona

"Größte digitale Fortbildung Bayerns": Welche Probleme und Chancen die Corona-Krise für Schulen birgt

Bayerische Lehrkräfte sehen sich während der Corona-Krise mit ungekannten Herausforderungen konfrontiert. Doch welche Chancen ergeben sich durch das Unterrichten aus der Ferne? Ist die digitale Form womöglich sogar die effektivere? Wie der Schulalltag aktuell gemeistert wird und welche besondere Rolle der Religionsunterricht dabei einnimmt, hat Sonntagsblatt.de im Gespräch mit der Würzburger Schulbeauftragten und einem Gymnasiallehrer herausgefunden.
Matthias-Grünewald-Gymnasium Würzburg Tür Spiegelung
Wie überall in Deutschland stehen Schüler und Schülerinnen am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Würzburg momentan vor verschlossenen Türen.

Statt zu unterrichten und sich unmittelbar mit Schülern auszutauschen, sitzen Lehrerinnen und Lehrer aktuell in ihren eigenen vier Wänden.

Wie bei vielen, die nun aus dem Homeoffice heraus arbeiten, stehen auch bei ihnen Videokonferenzen, Telefonate, E-Mails und die Kommunikation über Online-Plattformen auf der Agenda, wie Sebastian Singer, Studiendirektor am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Würzburg, Sonntagsblatt.de erklärt.

Um trotz der andauernden Schulschließungen einen Unterricht zuhause zu ermöglichen, müssen Lehrkräfte nun erfinderisch werden.

Besondere Rolle des Religionsunterrichts in der Krise

Seit den Schulschließungen am 16. März ist also nichts mehr, wie es war. Oder? "Eigentlich war der 16. März ein Termin, der alles wieder zurechtgerückt hat", findet die Schulbeauftragte des Dekanats Würzburg, Pfarrerin Susanne Wildfeuer. Die Sorgen und Unsicherheiten im Schulalltag in Zeiten von Corona hätten sich durch die behördliche Vorgabe aufgelöst.

Manche Lehrer hätten sich zu dem Zeitpunkt sowieso schon in Quarantäne befunden und bei den Schülern habe die Verbreitung von COVID-19 zu Verunsicherung geführt. Viele hätten sich Gedanken über Verantwortung für andere und das Thema Tod und Sterben gemacht.

In den Wochen seit den ersten Meldungen über Corona-Erkrankungen habe der Religionsunterricht deshalb "eine besondere Aufgabe" gehabt, verdeutlicht Wildfeuer: "Wann sonst denkt man in der Schule über diese Dinge nach - oder über Werte wie Nächstenliebe?"

Großer Respekt vor Schülern und Lehrern

Natürlich bedeutet die Umstellung von persönlichem Schulunterricht zu "Homeschooling" nun eine digitale und pädagogische Herausforderung – und zwar für alle am Schulalltag Beteiligten.

Der 44-jährige Singer spricht aus Lehrersicht gar von der "größten digitalen Fortbildung Bayerns". Auch wenn Online-Lernplattformen für viele fortgebildete Kollegen und Kolleginnen kein Neuland seien, müssten nun weitere Möglichkeiten gesucht werden, um "das Lernen zu Hause attraktiv zu halten".

Er habe zudem "riesigen Respekt für die Art, wie unsere Schüler und deren Eltern die Herausforderungen bisher meistern", besonders, wenn Eltern Kinder an verschiedenen Schulen hätten.

Technische Probleme und das Thema Datenschutz

Beim Aufbauen einer digitalen Version von Unterricht stoßen Lehrkräfte vor allem aber auf technische Hindernisse: Nicht nur das berühmte Versagen der überlasteten Lernplattform Mebis am ersten Montag nach Verkündigung der Schulschließungen in Bayern, auch "die Frage der Hardwareausstattung zuhause" stelle alle vor Probleme, so Singer.

Im Hinblick auf diverse Netzwerke, die momentan zum Austausch zwischen Lehrern und Schülern genutzt werden, gelte laut Singer die Devise:

"Die besten Lösungen sind die, bei denen die Schüler sich nicht bei einem Anbieter registrieren müssen und möglichst wenige Daten von sich preisgeben."

Speziell für den Religionsunterricht weist Wildfeuer auf die Medienstelle des Evangelischen Schulreferats Würzburg hin, die eine Reihe digitaler Medien für das Unterrichten biete.

Am Matthias-Grünewald-Gymnasium sind zudem Offenheit und Experimentierfreude der Lehrkräfte gefragt. Für Singer steht fest: "Insbesondere, wenn neue Themen oder Unterrichtsinhalte vermittelt werden, kann dies nicht nachhaltig durch das Zusenden von Arbeitsblättern geschehen." Deshalb würden Lehrerinnen und Lehrer nun auch Erklärvideos drehen.

Matthias-Grünewald-Gymnasium Würzburg Fenster
Alles dicht: Schulen bleiben wegen der Infektionsgefahr durch Corona weiter geschlossen.

Überwiegend positives Feedback trotz Schwächen des digitalen Unterrichts

Derweil hat sich bei vielen Lehrkräften eine Art Wochenplan etabliert: Lehrer und Lehrerinnen schicken einmal wöchentlich – per Mail oder über Online-Plattformen – Aufgaben an ihre Schützlinge, die diese in den darauffolgenden Tagen bearbeiten und ihre Lösungen zurücksenden.

Wildfeuer sieht es als Vorteil gegenüber dem Präsenzunterricht, dass bei einem solchen Unterrichtsformat "niemand mehr untertauchen" könne.

Auch Singer hat vorwiegend positives Feedback von Eltern und Schülern erhalten. Trotzdem unterstreichen Wildfeuer und Singer, dass der digitale Unterricht seine Schwächen hat:

"Das Unterrichtsgespräch und die Interaktion mit den Mitschülern und Lehrkräften können nicht durch das digitale Lernen ersetzt werden", sagt Singer. Denn digitales Lernen funktioniere "am Besten in Kombination mit Präsenzunterricht."

Hoffnung: Positive Auswirkungen auf Unterricht der Zukunft

Nichtsdestotrotz erhoffen sich Singer, der Englisch und Geographie unterrichtet, und die Schulbeauftragte positive Effekte für die Zukunft: Nicht nur, dass die Akzeptanz von Online-Angeboten auf Lehrer- und Schülerseite steige und so längerfristig auch den "normalen" Unterricht bereichern könne; auch, "dass diese Krise alle wachrüttelt und uns und auch den Schülerinnen und Schülern hilft, das wirklich Wichtige vom weniger Wichtigen und Unwichtigen zu unterscheiden", wünscht sich Wildfeuer.

So lautet das Fazit Singers und Wildfeuers einstimmig: Durch die Corona-Krise ergeben sich viele Chancen für den Unterricht der Zukunft. Den essenziellen persönlichen Lehrer-Schüler-Kontakt könnten digitalisierte Unterrichtsformen aber nicht ersetzen.

Alternative Durchführung des Abiturs denkbar

Offiziell sollen die Schulen nach jetzigem Stand am 20. April wiedereröffnen. Die Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände, Walburga Krefting, betonte am Montag, die Schule eigne sich "nicht als Testfeld im Bereich der Pandemiebekämpfung" und erteilte damit den Plänen einer Herdenimmunisierung durch eine möglichst zügige Wiederaufnahme des Schulbetriebs, die manche Virologen ins Auge fassen, eine klare Absage.

Auch wenn die Abiturprüfungen offiziell ab dem 20. Mai stattfinden sollen, halten sich Singer und Wildfeuer mit konkreten Aussagen zum Thema Abitur zurück. Während der Würzburger Lehrer auf Geduld der Abiturienten und eine "länderübergreifende einheitliche Linie" hofft, zieht die Schulbeauftrage Wildfeuer auch eine andere, derzeit heiß diskutierte Option in Betracht: Die bisherigen Noten aus der Oberstufe als Abiturnoten zu übernehmen.

Wildfeuer befürchtet, dass die Prüfungen sonst "unter einem enormen Druck abgehalten oder immer wieder verschoben werden" könnten. Sie bezweifelt, dass eine erwünschte Notenverbesserung im Abitur unter diesen Bedingungen möglich sei.

Im Hinblick auf die nächsten Wochen wünscht sich Pfarrerin Wildfeuer, "dass es unseren Lehrerinnen und Lehrern gelingt, Vertrauen und Hoffnung zu vermitteln und dass es Ostern werden kann, ein Fest, an dem wir das Leben feiern."

Die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände hat am Montag zugesagt, dass es auch in den Osterferien eine Notbetreuung für Kinder von "Eltern in systemrelevanten Berufen" geben soll.

Am 13. März hatte das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege bekannt gegeben, dass alle bayerischen Schulen vom 16. März bis einschließlich 19. April geschlossen bleiben. Durch die Maßnahme soll die weitere Verbreitung von COVID-19 verhindert werden.

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