28.04.2017
Krieg und Frieden

Friedensforscherin Bake: "Harmonie wird überschätzt"

Julika Bake ist Friedens- und Konfliktforscherin und arbeitet als Referentin für politische Bildung im evangelischen Studienzentrum Josefstal. Beim 50. Ökumenischen Studienkurs hält sie einen Vortrag über die Erfolgsfaktoren von Versöhnung.
Friedensforscherin Julika Bake
Friedensforscherin Julika Bake.

Was sind die entscheidenden Faktoren, damit Versöhnung gelingt?

Julika Bake: Versöhnung bedeutet, nach eskalierten Konflikten Beziehungen wiederherzustellen. Begegnungen sind deshalb essentiell – sei es auf dem Schulhof oder im Supermarkt, auf Reisen oder Konferenzen. Es gilt, sich einander zuzuwenden und die Wahrheiten der jeweils anderen auf die Welt und die Vergangenheit kennenzulernen. Es braucht Mut, diese Vielfalt und Widersprüche auszuhalten. Dazu gehört, die eigene Schuld anzuerkennen und ihr einen Platz zu geben – öffentlich oder individuell.

 

Welche Faktoren werden am häufigsten vergessen oder unterschätzt?

Julika Bake: Rechtliche und politische Konsequenzen aus vergangenem Unrecht dürfen nicht vergessen werden. Das "drüber reden" bei Begegnungen ist wichtig, aber Worthülsen allein führen zu Verbitterung und Misstrauen. Wer sich versöhnen will, muss bereit sein, auch die "harten" Fakten anzugehen. Überschätzt hingegen wird der Stellenwert von Harmonie und Vergebung. Versöhnung heißt, mit widerstreitenden Gefühlen und widersprüchlichen Perspektiven auf ein Ereignis umzugehen, mit dem eigenen Schmerz und dem anderer zu leben. Deshalb ist Versöhnung auch so anstrengend.

 

Kann man aus der Konfliktforschung auch was mitnehmen für den üblichen Alltagsstreit in Familien oder am Arbeitsplatz?

Julika Bake: Wichtig ist es, wieder ins Gespräch zu kommen bzw. im Gespräch zu bleiben. Manchmal sind dafür bestimmte Regeln hilfreich, zum Beispiel abwechselnd zu sprechen und in dieser Zeit dem jeweils anderen tatsächlich aufmerksam zuzuhören und seine Perspektive nachzuvollziehen. Das kann schwierig sein. Dennoch soll man das Gemeinsame im Blick behalten und darauf vertrauen: Der andere handelt nicht aus bösem Willen.

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Das evangelische Studienzentrum in Josefstal
Im oberbayerischen Josefstal findet derzeit der 50. Ökumenische Studienkurs der bayerischen Landeskirche statt. Vertreter von 27 christlichen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen aus 15 Ländern von Island bis Rumänien, von Russland bis Österreich sprechen über Gemeinsamkeiten und offene Baustellen im gegenseitigen Verständnis. Die Begegnung findet seit 1967 jedes Jahr statt – ebenso lang ist Josefstal Mitglied in der friedensstiftenden Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry. Das Tagungsmotto zum 50. Geburtstag des Studienkurses lautet "Versöhnung". Ein Gespräch mit Oberkirchenrat Michael Martin über Europa, Versöhnung und den Frieden.