Deutschland braucht mehr Soldat:innen – wirklich? Diese Behauptung gilt in Politik und Medien inzwischen fast als Konsens.
Gestritten wird nur noch darum, welcher Weg der beste ist, um dieses Ziel zu erreichen. Freiwilligkeit oder Pflicht? Finanzielle Anreize oder reicht das gute alte Vaterland als Motivation? Braucht Deutschland eine schlagkräftige Berufsarmee oder eine flexible Wehrdienstarmee?
Braucht Deutschland mehr Soldat:innen?
Doch bevor wir uns in Modellen verlieren, sollten wir die Grundfrage stellen: Braucht Deutschland überhaupt mehr Soldat:innen? Bedeutet eine größere Armee automatisch mehr Sicherheit? Oder gilt Schopenhauers Aussage, dass Patriotismus das letzte Mittel eines "erbärmlichen Tropfs, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte", nach wie vor?
Die "Zeitenwende" wird mit Putins Krieg gegen die Ukraine begründet. Militärexpert:innen warnen, Europa habe nur fünf Jahre, um sich auf einen Angriff Russlands vorzubereiten.
Aber ist das wirklich überzeugend? Seit dreieinhalb Jahren sehen wir, dass es der russischen Armee nicht gelingt, die Ukraine zu besiegen – trotz zahlenmäßiger Überlegenheit.
Das liegt natürlich vor allem daran, dass die Ukraine von den USA und der EU mit Geld und Waffen unterstützt wird. Aus diesem zähen Stellungskrieg abzuleiten, Russland könnte bald weitaus stärkere und atomar bewaffnete Nato-Staaten angreifen, erscheint jedoch wenig plausibel.
Putin und das imperiale Denken
Das Bild vom unberechenbaren Irren im Kreml mag gängige, liebgewonnene Feindbilder bedienen, trägt aber wenig zur Analyse bei. Putin handelt brutal, aber kalkulierend. Sein Nein zu einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine folgt imperialer Logik – nicht unähnlich der Politik einer anderen Großmacht, den USA, zum Beispiel in Vietnam, Chile, Irak oder Afghanistan.
Selbst für den wirklich unwahrscheinlichen Fall, dass Putin die Absicht hat, die EU oder die Nato anzugreifen, stellt sich die Frage: Wie würde ein solcher Angriff aussehen? Vermutlich wäre die Zahl der Soldat:innen nicht der entscheidende Faktor.
Moderne Kriege werden vor allem mit Raketen und Drohnen geführt, nicht mit Panzern und Schützengräben. Es braucht nur wenige, sehr gut ausgebildete Spezialist:innen, um diese zu bedienen.
Willst du Frieden, bereite den Krieg vor
Nun könnte man sagen: "Okay, vielleicht wird die Bedrohungslage etwas übertrieben. Aber mehr Soldat:innen und mehr Waffen erhöhen doch unsere Sicherheit, oder?" Befürworter der Aufrüstung zitieren gern die Römer: "Si vis pacem, para bellum". ("Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.")
Doch was verstanden die Römer, also das Römische Reich, denn unter Frieden? Die Pax Romana bedeutete in der Praxis nichts anderes als die militärische Unterwerfung anderer Völker, die dauerhafte Besetzung ihrer Länder sowie teilweise auch Vertreibungen und die Auslöschung ganzer Kulturen.
Mit anderen Worten: Hier wird Frieden mit Dominanz gleichgesetzt.
Echter Frieden, echte Sicherheit
Wir müssen gar nicht bis in die Antike zurückgehen. Ein Blick in die jüngere Vergangenheit reicht. Der Erste Weltkrieg hat gezeigt, was passiert, wenn alle gleichzeitig aufrüsten und glauben, damit den Frieden (im Sinne von Dominanz) zu erlangen.
Was also tun? Weiter aufrüsten – oder endlich lernen, Frieden zu schaffen? Auch wenn es im gegenwärtigen Diskurs unzeitgemäß oder gar weltfremd klingen mag: Wir brauchen weder mehr Soldat:innen noch mehr Waffen. Sie werden uns weder echten Frieden noch echte Sicherheit bringen.
Krieg und Frieden
Bereiten wir uns auf den nächsten Krieg vor – oder endlich auf den Frieden?
Frieden vorbereiten heißt: Konflikte entschärfen, bevor sie eskalieren. Dazu braucht es starke Diplomatie, internationale Zusammenarbeit und Institutionen wie UNO und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die das Streben einzelner Staaten nach Dominanz begrenzen.
Es heißt auch: Gesellschaften resilient zu machen – gegen Desinformation, gegen wirtschaftliche Schocks, gegen den Verfall von Vertrauen.
Und es heißt schließlich, globale Gerechtigkeit endlich ernst zu nehmen: Hunger, Armut und Klimakrise sind Brandbeschleuniger künftiger Konflikte.
So unzeitgemäß es manchen klingen mag: Wenn du Frieden willst, dann bereite den Frieden vor. Deshalb braucht Deutschland keinen neuen Wehrdienst – und erst recht keine Wehrpflicht.