Kissing, Augsburg (epd). Herzlichkeit gepaart mit Humor: So könnte man Hans-Jürgen Pflügel (81) beschreiben. Sein Lebensmotto lautet, die eigene Freude in der Freude des anderen zu finden. "Zu sehen, dass man anderen eine Freude bereitet, ist für mich das größte Geschenk", sagt Pflügel. Mehr als 60 Jahre lang war er ehrenamtlich als Lektor aktiv, den Großteil davon in der evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde Kissing (Landkreis Augsburg). Damit dürfte er einer der dienstältesten Lektoren, wenn nicht gar der dienstälteste, in der bayerischen Landeskirche sein. Eine offizielle Statistik gibt es laut Landeskirche nicht.
Eine so lange Dienstzeit sei jedenfalls sehr außergewöhnlich und ein riesiges Geschenk für eine Gemeinde, sagt der Kissinger Pfarrer Christoph Burger. Ende September hat er Pflügel mit einem Segnungsgottesdienst offiziell von seinem Amt entpflichtet. Mit an seiner Seite war auch Pflügels Frau Bärbel. "Das war mir wichtig", sagt Pflügel. "Ohne sie hätte ich dieses Ehrenamt nie so lange machen können."
Die Kirche war bei Pflügels Abschied voll, sogar Dankesbriefe hat er bekommen. "Ich verneige mich vor Dir und ziehe meinen Hut vor Deinem gelebten Glauben", schreibt eine Frau. Sie würdigt, dass Pflügel den Kontakt mit unzähligen Menschen gesucht habe - zu Konfirmanden, Senioren oder Bewohnern im Pflegeheim. "Du hast nach vorne geschaut und selten zurück, und wenn, dann um aus Vergangenem zu lernen, und dabei ist etwas Wunderbares entstanden - nämlich eine großartige Gemeinde", heißt es weiter. Pflügel ist sichtlich gerührt, als er die Zeilen liest. "Ein schöneres Kompliment kann man doch nicht bekommen."
Miterlebt, dass der Pfarrer bei der Beerdigung ins Grab stolperte
Seiner evangelischen Kirche war Pflügel schon von Kindesbeinen an verbunden. In so vielen Jahren konnte er daher einige skurrile Begebenheiten miterleben, etwa als jugendlicher Kreuzträger bei Beerdigungen. "Der Pfarrer war einmal etwas zappelig und konnte nicht stillstehen. Irgendwann ist er rückwärts ins Erdloch auf den Sarg gefallen", erinnert sich Pflügel grinsend. "Die Leute haben sich zum Lachen hinterm Grabstein versteckt." Einmal sei ihm auf dem Weg zu einer Beerdigung auf dem Motorrad das Kreuz abgebrochen, beim Stolpern auf der Kirchentreppe das tragbare Harmonium aus den Händen gefallen, und als Lektor habe er einmal sein Predigtmanuskript vergessen. "Da muss man improvisieren und braucht einen Plan B", sagt Pflügel.
Die Ausbildung zum Lektor begann er 1965 mit gerade mal 19 Jahren. Lektorinnen und Lektoren dürfen laut Landeskirchenangaben eigenständig und eigenverantwortlich Gottesdienste und Lesepredigten vorbereiten und halten. Bayernweit gibt es aktuell 1.048 von ihnen. Für Pflügel nahm das Ehrenamt neben seiner Arbeit als Angestellter in einer Druckerei viel Zeit in Anspruch. Dazu kamen 54 Jahre im Kirchenvorstand. "Die einen stehen auf dem Fußballplatz, ich in der Kirche." Seine Frau und die beiden Söhne hätten ihn dabei immer unterstützt.
Der "Herr Pfarrer" wollte er nie sein
Als Lektor hat Pflügel viele Menschen durch "Höhen und Tiefen" begleitet. Anfangs ging es noch häufig um Krieg, Flucht und vermisste Angehörige. Besonders am Herzen lag ihm die Arbeit mit jungen Menschen, vor allem mit Konfirmanden. "Was bewegt sie, was sind ihre Themen? Das hat mich immer interessiert." Als ihm ein 13-Jähriger einmal erzählte, dass er von seinen Eltern noch nie umarmt worden sei, "verdrückt man schon eine Träne". So viele Gottesdienste und Gespräche hat Pflügel geführt, dass er gelegentlich auch als "Herr Pfarrer" angesprochen wurde. "Der wollte ich aber nie sein. Die ganze Verwaltung wäre mir zu viel."
Auch mit dem bevorstehenden Abschied von seiner Emmauskirche geht Pflügel gelassen um. Dort hat er seine Frau Bärbel in den 1960er-Jahren geheiratet. In den kommenden Jahren soll die Kirche abgerissen werden, weil der Unterhalt für die Gemeinde finanziell nicht mehr zu stemmen sei, sagt Pfarrer Burger. Für Pflügel kein Grund zur Trauer: "Wir müssen nach vorne denken und Neues wagen. Kirche lebt doch von Veränderung." Eine Gemeinschaft hänge nicht vom Kirchenraum ab. Für die Emmausgemeinde sei ein Treffpunkt mit Küche viel wichtiger. "Die besten Ideen kommen beim gemeinsamen Essen."
Ganz vorbei ist die ehrenamtliche Arbeit für Pflügel ohnehin noch nicht. In der Emmausgemeinde will der Kissinger Ehrenbürger weiterhin das Seniorenfrühstück anbieten. In dem Seniorenheim, in dem er und seine Frau im betreuten Wohnen leben, wird er außerdem Andachten halten. Und sonntags wird er auch weiterhin in der Kirche zu finden sein - dann aber vor allem als Gottesdienstbesucher.