An diesem Donnerstag (30. April) ist Tag der gewaltfreien Erziehung. Das ist ein verbrieftes Kinderrecht - und trotzdem finden offenbar noch immer mehr als 40 Prozent der Menschen in Deutschland den "Klaps auf den Po" in Ordnung. Wie Eltern auch in stressigen Gemengelagen möglichst gewaltfrei erziehen und was man bei Verdacht auf übergriffiges und gewalttätiges Verhalten als Nachbar oder Freund tun kann, sagt Expertin Barbara Mühlenhoff-Wirth, die Leiterin der Stabsstelle Kinder- und Betreutenschutz des Vereins SOS-Kinderdorf.
Die meisten Eltern wissen, dass Gewalt in der Erziehung nichts zu suchen hat. Wieso braucht es dennoch so einen offiziellen Tag, der die gewaltfreie Erziehung ins Bewusstsein holt?
Mühlenhoff-Wirth: Das ist eine gute Frage. Ich hoffe natürlich auch, dass Eltern grundsätzlich wissen, dass Gewalt in der Erziehung nichts zu suchen hat. Dennoch kommt man im menschlichen Miteinander im Alltag immer wieder an Grenzen. Es ist in der Regel keine bewusste Entscheidung, gewalttätig zu sein. Gewalt fängt schon im Kleinen an. Dagegen ist Gewaltfreiheit eine ganz bewusste Entscheidung, nicht zu verletzen und keine rigiden Erziehungsstrukturen durchzusetzen. Gewaltfreie Erziehung ist ein Kinderrecht, das soll bewusster werden!
"Gewaltfrei heißt: Das tue ich nicht"
Was bedeutet "gewaltfreie Erziehung" genau? Es geht dabei schließlich nicht nur um körperliche, sondern auch um psychische und emotionale Gewalt. Können Sie das kurz umreißen?
Es gibt nicht die eine Definition in der Pädagogik oder Psychologie. Wenn ich es definieren dürfte, würde ich sagen: Es ist der bewusste Verzicht darauf, ein Kind mit verletzenden Verhaltensweisen grenzüberschreitend zu erziehen. Gewaltfrei heißt: Das tue ich nicht. Man kann konsequent sein, ohne zu verletzen. Es gibt natürlich auch rechtliche Definitionen, ab wann etwas eine Straftat ist.
Ist gute Erziehung dann also, wenn sie frei von Machtausübung und Hierarchie ist?
Das klingt schnell so, als dürfte das Kind alles tun und die Eltern reagierten immer mit paradiesischer Gelassenheit. Aber nein, gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht, dass sie frei von Leitung oder Anleitung ist. Diese Anleitung funktioniert jedoch nicht über Macht und Grenzüberschreitung. Es braucht Klarheit und vor allem Beziehung. Gewalt macht Beziehung kaputt. Verbundenheit kann nicht von Gewalt geprägt sein. Es bedeutet auch nicht, dass das Kind alles entscheidet - ich bin immer noch der Erwachsene.
Was, wenn das Kind nicht ins Bett will?
Können Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen, etwa wenn ein Kind abends nicht ins Bett will?
Man kann ein Kind einfach ins Bett stecken, es mit seinen Ängsten vor Monstern alleine lassen und sagen: "Feierabend, du bleibst jetzt da." Das ist bereits eine Form von Übergriffigkeit. Alternativ kann man es begleiten, Grenzen setzen und sagen: "Es ist jetzt Schlafenszeit, aber ich begleite dich, du bist nicht alleine." Es ist nicht alles nur Schwarz-Weiß. Man setzt sich nicht durch, indem man lauter wird.
Nehmen wir eine andere alltägliche Situation: Ein Kind soll Hausaufgaben machen, ein anderes quengelt und man selbst ist erschöpft? Wie geht man damit gut um, ohne dass es einem egal wird?
Durchsetzung, Klarheit und Beziehung sind kein Widerspruch. Man kann Grenzen aufgrund einer tragfähigen Beziehung setzen. Wenn ich müde bin, muss ich dennoch versuchen, mit Klarheit zu erklären, was gerade passiert. Der Ton macht die Musik. Wenn ich das Kind abwerte oder beschimpfe - "Bist du blöd?" -, verletze ich die Beziehung. Wenn die Beziehung tragfähig ist, kann ich dem einen Kind sagen: "Setz dich bitte hin, ich komme gleich zu dir." Eindeutigkeit und Verlässlichkeit sind hier die ersten wichtigen Schritte.
Betrifft das Thema Gewalt in der Erziehung alle Bevölkerungsschichten oder gibt es Bereiche, die besonders betroffen sind? Ist es auch ein Gender-Thema?
Es ist kein Randphänomen und keine Frage eines einzelnen Milieus. Studien zeigen, dass Grenzüberschreitungen in allen Familienkontexten vorkommen. Eine Studie aus dem Jahr 2020 besagt sogar, dass immer noch knapp 43 Prozent der Deutschen einen Klaps auf den Hintern für akzeptabel halten - das ist fast die Hälfte der Menschen. Die mitunter noch vorzufindende Ansicht "Das hat mir auch nicht geschadet" ist aber grundfalsch. Etwas, was ich selbst erlebt habe, darf nicht der Maßstab sein für das, was ich weitergebe. Es gibt natürlich Familien mit höheren Belastungsgraden, zum Beispiel durch Pflegesituationen oder wenn man alleinerziehend ist oder mehrere Jobs zum Überleben braucht. In solchen Belastungssituationen fehlen oft die "Körner", um besonnen zu reagieren. Da braucht es verstärkt Unterstützungsangebote.
In Grenzsituationen durchatmen oder etwas Kaltes trinken
Was soll man tun, wenn man merkt, dass man emotional an seine Grenze kommt? Gerade Alleinerziehende können nicht einfach mal eine halbe Stunde um den Block gehen...
Wenn man merkt, dass es zu viel wird, ist das schon mal gut. In Stressmomenten schaltet das Gehirn nämlich oft den Teil ab, der noch reflektiert entscheiden kann. Man muss sich klarmachen: Das ist mein Job als Erwachsener, ich kann die Verantwortung nicht dem Kind übertragen. Hilfreich können kurze Stopps sein: Je nach Alter des Kindes in einen anderen Raum gehen, tief atmen, etwas Kaltes trinken oder sogar ein sehr saures Bonbon essen, um sich zurückzuholen. Man muss akzeptieren, dass man Mensch ist und mal aus seinem Toleranzfenster fällt, aber man muss lernen, damit umzugehen.
Und wenn es doch passiert ist, man etwa eine abwertende Bemerkung gemacht oder doch einen Klaps gegeben hat? Wie geht man danach korrekt damit um?
Es gibt für solche Fehltritte keine einfache Bedienungsanleitung, aber der erste Schritt ist, Verantwortung zu übernehmen. Man muss ehrlich zu sich selbst sein und darf nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Eine Entschuldigung ist ein Weg, muss aber altersgerecht sein. Wichtig ist, die Sicherheit und Verlässlichkeit wiederherzustellen und zu signalisieren, dass das eigene Verhalten nicht okay war. Es darf nicht bei einer lapidaren Entschuldigung bleiben; man muss die Beziehungsebene wieder stärken. Wenn so etwas jedoch wiederholt passiert, sollte man sich unbedingt Hilfe holen.
Wo finden Betroffene diese Hilfe?
Es gibt Erziehungsberatungsstellen in fast jeder größeren Stadt. Das Thema ist zwar nach wie vor schambesetzt, aber deshalb sind diese Angebote oft sehr niederschwellig. Man kann sich auch anonym an Hilfetelefone wenden. Zudem können pädagogisch geschulte Personen wie Lehrkräfte Ansprechpartner sein, die wissen, wohin man sich wenden kann.
Kinder sind nie schuld an erfahrener Gewalt
Was ist Ihr Tipp für Kinder und Jugendliche, die merken, dass bei ihnen zu Hause etwas schiefläuft?
Sie sollten versuchen, sich jemandem anzuvertrauen und darüber zu sprechen, auch wenn die Hürde groß ist. Es muss Vertrauenspersonen geben - Lehrer, Erzieher oder Trainer im Sportverein. Wichtig ist die Botschaft: Kinder oder Jugendliche sind niemals schuld an der Gewalt, die sie erfahren.
Und was tun, wenn man als Außenstehender, etwa als Nachbar, merkt, dass es in einer Familie Gewalt gibt? Die Hürde, sich einzumischen, ist oft sehr hoch.
Wenn man etwas mitbekommt, kann man sich ans Jugendamt wenden, auch anonym. Das Jugendamt muss darauf reagieren. In Notfällen, etwa wenn ein Kind sichtlich verletzt ist, steht der Schutz an erster Stelle. Das ist eine schwierige Situation, die bis in den strafrechtlichen Bereich gehen kann. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung gilt übrigens überall: im Elternhaus, in der Schule, in der Kita und im Sportverein.
Wie sieht es mit emotionaler und psychischer Gewalt in Einrichtungen und Vereinen aus? Wie wird dort präventiv vorgegangen?
Heute gibt es Schutzkonzepte, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Diese beinhalten Prävention, Beschwerdewege und Notfallpläne. Aber ein Konzept im Ordner nützt nichts, wenn es nicht gelebt wird. Fachkräfte müssen geschult sein und eine "Kultur der Achtsamkeit" entwickeln. Kinderschutz ist eine Frage der Haltung und der gelebten Praxis - das aber erfordert Zeit, Geld und Wissen.