28.06.2017
Gartenarbeit statt Gesprächskreis

Sozialpädagoge Daniel Wilms: Bessere Angebote für Väter von behinderten Kindern

Fünf Jahre lang hat Daniel Wilms mit seinem Team erforscht, welche Angebote für Väter von Kindern mit Behinderung interessant sind – und bei welchen nie jemand kommt. Das Fazit des Sozialpädagogen, der die vom bayerischen Familienministerium geförderte Fachstelle "Väter von Kindern mit Behinderung" in der Langau innehat: Wer Männer pädagogisch erreichen will, muss neue Wege betreten.
Vater und Sohn beobachten Sonnenuntergang

Warum brauchen Väter von behinderten Kindern ein eigenes pädagogisches Konzept?

Daniel Wilms: Weil sie sich von den klassischen Konzepten der Behindertenhilfe nicht angesprochen fühlen. Väter reden ungern, wenn Reden auf dem Programm steht. Sie reden gern nebenbei, beim Wandern oder Büsche schneiden. Männer wollen etwas tun und dabei ins Gespräch kommen. Dann kommen sie oft sehr schnell und unverblümt zur Sache, bringen auch Trauer, Frust, Ärger oder Freude zum Ausdruck und suchen den Austausch mit den Fachkräften. Und:

Väter wollen lieber den Blick auf Verbesserungsmöglichkeiten legen, als die Probleme zu diskutieren.

Worauf kommt es an, wenn Beratungsstellen Angebote für Väter entwickeln wollen?

Wilms: Es geht darum, das eigene Männerbild zu reflektieren. Da geht es um einfache Gestaltungsfragen: Schreibe ich in eine Einladung "Liebe Eltern" oder "liebe Mütter, liebe Väter"? Sind auf den Fotos in der Einrichtung auch Männer zu sehen? Was sind die Bedürfnisse der Väter in der Einrichtung? Welche Aktionen könnten sie interessieren? Da müssen die meist weiblichen Fachkräfte oft auch ihr Berufsbild reflektieren und neues, auch unbekanntes Terrain betreten. Zugleich müssen sie aushalten, dass man den pädagogischen Effekt von Väterarbeit nicht planen kann. Unsere Erfahrung zeigt aber: Auch bei einem Nachmittag gemeinsamer Gartenarbeit passiert etwas.

Grundsätzlich brauchen Angebote für Väter einen längeren Atem – aber wenn Väter kommen, bleiben sie auch.

Was bringen Angebote für Väter von Kindern mit Behinderung?

Wilms: Väter haben einen positiven Einfluss auf ihre Kinder, denn sie fördern ihr explorierendes Verhalten. Väterarbeit unterstützt und motiviert Männer bei der Findung ihrer Rolle. Das führt zur Entlastung der Mütter und verschiebt die Rollen, die gerade bei Familien mit behinderten Kindern oft traditionell sind. Im Jugendhilfebereich gibt es Väterangebote schon seit rund 25 Jahren – mit großem Erfolg. In der Behindertenhilfe spielen sie bislang keine Rolle. Das soll sich mit der Handreichung ändern.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Kommentar

Pflege krankes Kind
Autor
Bayern hat national wie international einen guten Ruf. Wir haben die höchsten Berge Deutschlands. Wir haben wenig Arbeitslosigkeit und eine gut funktionierende Wirtschaft. Doch wenn es um die Betreuung kranken Nachwuchses geht, ist Schluss mit dem Spitzesein - zumindest bei den Männern. Ein Kommentar von Ralf Schick.

Unterstützung von Ein-Eltern-Familien

Mutter Kind Mutter-Kind-Kur
Die bayerische Familien- und Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU) will, dass Alleinerziehenden mehr Hilfen zukommen. Der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bayern, Thomas Beyer, bezeichnete die Vorschläge als "gut und bitter nötig", die Staatsregierung sei endlich erwacht. Bisher seien Ein-Eltern-Familien die "Stiefkinder" der Politik in Bayern gewesen. Dagegen erklärten die Oppositionsparteien im Landtag, sie erwarteten von der Sozialministerin auch bayerische Lösungsansätze.
Sonntagsblatt