"Drag Queen Vicky Voyage mit Drag King Eric BigClit und die trans* Jungautorin Julana Gleisenberg nehmen euch mit in farbenfrohe Welten, die unabhängig vom Geschlecht zeigen, was das Leben für euch bereithält und dass wir alles tun können, wenn wir an unseren Träumen festhalten", beschreibt die Münchner Stadtbibliothek eine Draglesung unter dem Titel "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" für Kinder ab vier Jahren, die am 13. Juni im Stadtteil Bogenhausen stattfindet.

Drag-Lesung in München

Weiter heißt es auf der Webseite: "Sie lesen aus Bilderbüchern vor, die von den unterschiedlichsten Held:innen erzählen: Jungs in Kleidern, Prinzessinnen mit ihrem eigenen Willen, den Farben Blau und Rosa, von Kaninchen und Füchsinnen, dem Entdecken der eigenen Freiheit und vielem mehr."

In den vergangenen Wochen äußerten sich zahlreiche Politiker teils kritisch, teils unreflektiert und hetzerisch zu der Veranstaltung. Hubert Aiwanger von den Freien Wählern, stellvertretender Ministerpräsident Bayerns, sprach von Kindeswohlgefährdung, ohne diese zu konkretisieren und plädierte dafür, das Jugendamt einzuschalten.

Politiker schießen gegen Veranstaltung

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter von der SPD kritisierte die Veranstaltung zunächst und betonte, er würde mit seinen Enkeln nicht hingehen, wenig später ruderte er zurück und entschuldigte sich.

Wiederholt kam zudem der Vorwurf der "Frühsexualisierung" auf, obwohl es bei der Lesung inhaltlich überhaupt nicht um Sexualität gehe, so die Drag Queen Vicky Voyage im Gespräch mit der "Bild"-Zeitung

"Uns geht es nicht um Sexualität, sondern um Identität und Diversität. Es geht darum, dass jedes Kind so sein soll, wie es sein möchte. Wir gestalten ein kindergerechtes Programm und gehen dabei mit Kindern und deren Eltern mithilfe von Büchern in den Austausch."

Lesungen wie diese gibt es laut "queer.de" regelmäßig und in vielen Ländern, Ziel sei es, Kindern zu zeigen, dass queere Menschen existieren. 

Plakataktion der AfD überschreitet Grenze

In München ging die Partei AfD mit einer Plakataktion nun so weit, dass sich sogar der katholische Priester Wolfgang Rothe einschaltete und Strafanzeige wegen Volksverhetzung stellte.

Sonntagsblatt.de sagte er:

"Als die Plakate in der Öffentlichkeit auftauchten, war mir sofort klar, dass ich Anzeige erstatten muss und erstatten werde. Darauf zu sehen ist nämlich eine queere Person, näherhin eine Dragqueen, die sich in offenkundig übergriffiger Absicht einem männlichen Kind von hinten nähert. Insofern dadurch queere Menschen bzw. Dragqueens pauschal als (potenzielle) Missbrauchstäter und damit zugleich als (potenzielle) Straftäter verunglimpft werden, ist die Grenze zur Volksverhetzung damit meines Erachtens deutlich überschritten."

Die AfD habe mit der Gestaltung dieser Plakate laut Rothe, der seit 2008 als Seelsorger in München arbeitet, "ungeniert und tief in die propagandistische Mottenkiste der Nazis gegriffen." Der 56-Jährige appelliert an alle demokratischen Kräfte, sich dieser Grenzüberschreitung entgegenzustellen. 

Die katholische Kirche und Queerfeindlichkeit

Auch die katholische Kirche nimmt Rothe in die Pflicht: "Die katholische Kirche ist in der Tat nicht gerade als queerfreundlich bekannt. Die derzeitige lehramtliche Sexualmoral der katholischen Kirche ist aber sowohl humanwissenschaftlich als auch theologisch überholt - mehr noch: Sie ist gefährlich!"

Die Sexualmoral der Kirche stelle erwiesenermaßen eine Ermöglichungsbedingung für sexuellen Missbrauch dar. Nur wenn die Sexualmoral auf den Prüfstand gestellt und reformiert würde, könne sexueller Missbrauch beseitigt oder zumindest eingedämmt werden. 

Strafanzeige 

Mit seiner Strafanzeige wird Rothe vor der Lesung am Dienstagnachmittag kein Verbot der Plakate mehr erreichen: "Das kann alles dauern. Die Staatsanwaltschaft wird meine Anzeige dahingehend prüfen, ob ein Anfangsverdacht vorliegt. Bejaht sie diesen, wird sie ein Ermittlungsverfahren einleiten. Wenn sie am Ende des Ermittlungsverfahrens zur Einschätzung gelangt, dass eine Verurteilung wahrscheinlich ist, wird sie Anklage erheben."

Umso wichtiger sei deshalb der "gesellschaftliche und mediale Aufschrei angesichts des menschenverachtenden Plakats der AfD".

Solidaritätsdemo vor Stadtbibliothek

Im Zuge ihrer Plakataktion kündigte die AfD eine Protestkundgebung vor der Stadtbibliothek an. Das Bündnis "München ist bunt", ein Verein für Toleranz und gegen Rassismus, hält dagegen und organisierte eine Solidaritätsdemo: "Wir fordern ein Ende der Hetzkampagne gegen die geplante Drag-Lesung in München", schrieb das Bündnis auf seiner Webseite

Seit Bekanntgabe der Lesung werde von Freien Wähler, AfD und CSU massiv gegen die Veranstaltung geschossen: "Es wird rechte Rhetorik benutzt, um Ängste und Vorurteile zu schüren." Micky Wenngatz, Vorsitzender von "München ist bunt!", sagte:

"Es geht bei dieser Lesung ganz klar darum, Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass queere Menschen völlig selbstverständlich Teil unserer Gesellschaft sind. Die mit Sexualisierungen und queerfeindlichen Aussagen befeuerte Hetzkampagne Rechter ist unsäglich."

Auch Wolfgang Rothe will bei der Solidaritätsdemo am Dienstagnachmittag vor Ort sein: "Ja, ich werde dort sein. Wir werden ein starkes Zeichen gegen Hass, Hetze und Queerfeindflichkeit setzen!"

Einlassvorbehalt der Münchner Stadtbibliothek

Die Münchner Stadtbibliothek positioniert sich auf ihrer Webseite klar: "Einlassvorbehalt: Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische, sexistische, LGBTIQ*-feindliche oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, sind von der Veranstaltung ausgeschlossen."

Begriffserklärung

Drag Queen

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beschreibt Drag Queens als Personen, denen meist "bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, und die unter anderem im Rahmen von künstlerischen Performances Weiblichkeit(-en) darstellen beziehungsweise parodieren." Ziel dabei sei häufig, die Konstruiertheit von Geschlecht aufzuzeigen, aber auch die eigene Identität auszudrücken.

Drag King

Als Drag King werden laut bpb dementsprechend meist Personen bezeichnet, denen bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und die wiederum Männlichkeit darstellen/parodieren. 

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