Es ist eine Geschichte, die verstört. Vor dem Landgericht Lüneburg muss sich ein 29-Jähriger aus Uelzen wegen 149-fachen Betrugs verantworten. Er soll – so berichtet die evangelische Nachrichtenagentur idea – einem Pastor aus Bienenbüttel (Landkreis Uelzen) mehr als 170 000 Euro abgenommen haben.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft lieh sich der Angeklagte über knapp drei Jahre hinweg immer wieder Bargeld vom Geistlichen – meist gegen Quittung unter dem Vermerk "Gerichts- und Anwaltskosten". Die Beträge stiegen mit der Zeit: Begonnen habe es mit 250 Euro, später seien Summen von bis zu 7800 Euro geflossen.

Der Pastor kannte die Familie des Angeklagten seit 25 Jahren. "Wir haben viele intensive Gespräche geführt. Er hat viel geweint und war am Boden zerstört", erinnerte sich der 74-Jährige im Zeugenstand. Auch Suiziddrohungen des jungen Mannes soll es gegeben haben, wie die Ehefrau des Pastors berichtete. Ihr Mann habe das als Seelsorger nicht verkraften können.

"Wir haben nur die Not gesehen"

Ein angebliches Schreiben des Oberlandesgerichts Braunschweig, das sich als Fälschung herausstellte, führte schließlich dazu, dass der Pastor Anzeige erstattete. Rückblickend räumt er ein: "Ich glaube, wir waren damals blind und haben nur die Not gesehen."

Was hier geschehen ist, lässt sich juristisch als Betrug fassen. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn sie erzählt auch von der Frage, was christliche Nächstenliebe ist.

Der Pastor handelte offenbar aus einem zutiefst seelsorgerlichen Impuls heraus. Er hörte die Verzweiflung, sah die Tränen, nahm die Drohungen ernst. "Ich war krank, und ihr habt mich besucht", heißt es im Matthäusevangelium (25, 36). Wer so hört, wer so handelt, folgt dem Kern des Evangeliums: sich dem Notleidenden zuzuwenden, ohne Vorbedingungen.

Gleichnis vom barmherzigen Samariter

Und doch steht am Ende eine bittere Einsicht des Pfarrers: "Ich glaube, wir waren damals blind und haben nur die Not gesehen." Dieser Satz berührt eine Spannung, die schon die Bibel kennt. Jesus fordert zur Barmherzigkeit auf – aber er spricht auch von Klugheit. "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben" (Matthäus 10, 16). Beides gehört zusammen: das offene Herz und der wache Verstand.

Die Geschichte erinnert an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10). Der Samariter hilft dem Überfallenen, ohne zu zögern. Aber er handelt nicht grenzenlos: Er bringt ihn in eine Herberge, zahlt einen überschaubaren Betrag und vertraut ihn dann anderen an. Seine Hilfe ist konkret – und zugleich begrenzt. Darin liegt die Mahnung: Auch Nächstenliebe braucht Formen, die nicht zur Selbstaufgabe führen.

Christliche Barmherzigkeit darf nicht naiv sein. Sie braucht Grenzen, Klarheit, manchmal auch das Nein. Nicht um das Gute zu verweigern, sondern um es zu schützen.