Es gibt diese Momente, da wünscht man sich, Politik würde einfach mal still sein und liefern. Keine Maskottchen, keine Plüsch-Metaphern, kein "Wir müssen" im Präsens Futur II. Heute: Internationaler Männertag.
Bayern sagt: "Tschüss Rollenmonster." Ein Wesen, das offenbar in unseren Köpfen hockt und uns einflüstert, was "Mann" zu tun hat. Die Ministerin vertreibt es auf einem Foto. Hach. Wenn’s so leicht wäre, hätte ich schon längst 'nen Besen genommen und den ganzen Keller der Klischees geputzt.
Natürlich sind Stereotype ein Problem. Natürlich dreschen sie auf alle ein: Männer, die keine Schwäche zeigen dürfen. Frauen, die gefälligst nett zu sein haben. Eltern, die sich zwischen Erwerb und Fürsorge zerrieben fühlen. Jugendliche, die sich die Welt über Filter zusammenklicken, während das echte Leben ungefiltert reinrauscht. Aber Rollenbilder sind kein Kuscheltier, das drollig dreinschaut. Sie sind in Lohnlisten, Betreuungszeiten, Dienstplänen, Tarifverträgen, in Gerichten, Vereinen, Familiengewohnheiten. In Strukturen, nicht in Monstercomics.
Für Gleichstellung braucht es strukturelle Änderungen
Wenn ein Ministerium ernsthaft Gleichstellung will, dann braucht es weniger Stofftiere und mehr Schraubenschlüssel. Drehen wir doch einmal die Schrauben, die wirklich festgerostet sind:
1. Erwerbsarbeit vs. Sorgearbeit. Ein paar Wochen Vaterschaftsurlaub sind nett. Eine Kultur, in der Männer selbstverständlich monatelang in Teilzeit gehen, ohne Karriereabsturz, wäre besser. Arbeitgeberförderung mit echten Anreizen wäre besser. Wer Partnerschaftlichkeit will, muss die Kosten der Fürsorge nicht privat auf die Familie abladen, sondern öffentlich abfedern. Sonst bleibt der Appell "Gestaltet euer Leben, wie es euch glücklich macht" der freundlichste Euphemismus für "Regelt das Gefälle bitte selbst".
2. Öffnungszeiten. Jeder Erwebstätiger kennt es: Unser System tut so, als endeten Kinder um 13 Uhr, Pflegebedürftige um 17 Uhr und die Welt um 18 Uhr. Rollenmonster? Nein. Das ist Rollenarchitektur. Nachmittagsbetreuung flächendeckend, verlässlich, bezahlbar, mit guter Qualität. Ganztag, der den Namen verdient. Pflegeangebote, die nicht bei Exceltabellem stagnieren.
3. Männergesundheit. Hier wird es still, sobald die Fotos weg sind. Suizidprävention, psychische Gesundheit, Suchthilfe, Präventionsarbeit in Betrieben, an Berufsschulen, in Vereinen. Männer sterben früher, suchen später Hilfe, fallen häufiger durch die Raster. Wer ernst macht, baut niedrigschwellige Zugänge, digitale und analoge, mit Leuten, die männliche Lebenslagen kennen und ernst nehmen. Nicht: "Hab Mut zur Veränderung." Sondern: "Hier gibt’s Hilfe."
4. Gewalt. Ja, auch Männer werden Opfer. In Beziehungen, im Netz, am Arbeitsplatz, in Heimen. Schutzangebote sind nicht "Frauenthema" oder "Männerthema", sondern Menschenthema. Mehr Plätze, mehr Beratungen, weniger Stigma. Und gleichzeitig eine klare, konsequente Täterarbeit. Nicht nur Slogans, sondern Kurse, Sanktionen, Nachsorge.
5. Schule und Berufsorientierung. Wer mit 14 nur zwei berufliche Bilder kennt, bekommt später keinen bunten Arbeitsmarkt, sondern eine enge Schleuse. Handwerk für Mädchen? Pflege für Jungs? Ja, bitte. Und zwar ohne rosa Helm oder blaue Schwesternhaube als Gag, sondern mit Praktika, Vorbildern, Lehrkräften, die mehr sehen als Noten. Rollen bröseln dort, wo Alternativen sichtbar und erreichbar sind.
Und jetzt, wenn ich schon mal dabei bin, die bayerische Pointe: Kampagne hier, Pilotprojekt da, Riesenschild an der Staatskanzlei. Aber wenn eine Kita die Öffnungszeiten verlängern will, fehlen Fachkräfte. Wenn ein Betrieb echte Teilzeitkarrieren baut, fehlt die Förderung. Wenn ein Jugendtreff einen Jungenabend anbietet, fehlt die verlässliche Finanzierung. Sag mir, wie du dein Budget verplanst, und ich sage dir, welches Monster du wirklich bekämpfst.
Männertag hat gute Ziele
Der Internationale Männertag hat Ziele, die ich unterschreiben kann: Gesundheit, Beziehungen, Gleichberechtigung. Da ist nichts Lächerliches dran. Lächerlich wird es, wenn wir ausgerechnet die Dinge auslassen, die weh tun, weil sie Geld, Macht oder Gewohnheiten kosten. Das echte Rollenmonster sitzt weder auf Instagram noch im Pressetext. Es sitzt in der Excel-Tabelle "Personalnebenkosten", in der Stellenschlüsselverordnung, im Zielvereinbarungsgespräch, im Mythos vom "immer verfügbaren Idealmitarbeiter", in Sitzungen, die um 18.30 Uhr beginnen, weil "da alle können", nur die, die für jemanden kochen, baden, trösten oder zum Fußball fahren, nicht.
Und noch etwas: Das Rollenmonster füttern wir selbst. Mit den kleinen Sätzen: "Na, wer ist denn hier der starke Mann?" "Du bist doch so organisiert, kannst du das bitte übernehmen?" "Echter Einsatz sieht man nicht, den merkt man." Diese Sätze sind wie Zuckerstückchen: kurz süß, langfristig Karies.
Jetzt ernsthaft, ich will die Kampagne nicht verdammen. Humor kann Türen öffnen. Bilder wirken. Aber lasst die Bilder nicht alleine laufen. Schickt Budgets hinterher. Schickt Gesetze, Verordnungen, Vereinbarungen, die es ernst meinen. Sonst bleibt’s beim netten Selfie mit Monster und dem leisen Gefühl, dass wir wieder eine Gelegenheit verpasst haben, erwachsen zu werden.
Und wenn wir schon bei Bayern sind: Sagen wir "Grüß Gott" zu einer Gleichstellungspolitik, die nicht in Werbeagenturen endet, sondern in Werkshallen, Lehrerzimmern, Amtstuben, Vereinsheimen. Eine, die an die Schichtpläne geht, an die Lehrpläne, an die Zeitbudgets. Eine, die es normal macht, dass der Kollege um 15 Uhr zum Elternsprechtag geht und am nächsten Tag nicht als "Teilzeit-Held" belächelt wird. Eine, die Pflegezeiten als Qualifikation liest, nicht als Karriereknick. Eine, die Jugendlichen erlaubt, zu probieren, statt zu sortieren.
Glück braucht Strukturen
"Das Wichtigste ist, sein eigenes Leben so zu gestalten, dass es glücklich macht", sagt die Ministerin. Einverstanden. Dann sorgt dafür, dass dieses eigene Leben nicht ständig gegen institutionelle Gegenwinde anrudern muss. Glück ist kein Individualprojekt. Es braucht Strukturen, die es nicht sofort wieder wegschieben.
Zum Schluss zwei kleine Wortspiele, weil man sie selten ganz loswird: Wer Rollen nur spielt, verändert sie nicht. Und wer Monster nur malt, hält sie am Leben.
Der Rest ist Arbeit. Wenn die irgendwann erledigt ist, sag ich gern mit: "Tschüss Rollenmonster." Bis dahin wäre mir lieber: "Servus, Realität."