Man muss sich das nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Vor gerade einmal vier Jahren wollte der Westen mit den Taliban nichts zu tun haben. Die brutale Unterdrückung von Frauen und Mädchen, die Missachtung jeder Form von Menschenrechten, die gezielte Zerschlagung von Bildung und Freiheit – all das galt als unüberwindbare rote Linie.

Aber heute wird diese Linie von Berlin aus offenbar mit Bleistift nachgezeichnet, damit man sie leichter wegradieren kann.

Nicht Menschenrechte, sondern Abschiebungen

Denn der neue deutsche Pragmatismus hat einen erstaunlich banalen Grund: Abschiebungen. Nicht etwa Frieden, nicht Menschenrechte, nicht humanitäre Hilfe – nein, es geht darum, afghanische Menschen "zurückzuführen". (Die AfD nennt sowas übrigens Remigration).

Dafür lädt man Taliban-Vertreter nach Berlin, akkreditiert sie offiziell in der Botschaft, bricht diplomatisches Eis – und verschafft damit einem Regime internationale Legitimität, das Frauen systematisch aus dem öffentlichen Leben tilgt. Unfassbar. 

Die Formel lautet: Zwei Gesandte gegen 81 Abgeschobene. Das ist eine moralische Bankrotterklärung in Reinform. Denn weder werden diese Abschiebungen Afghanistan freier machen noch Deutschland sicherer. Sie sind politisches Theater, das eine harte Migrationspolitik vorgaukeln soll – wozu auch immer. Am Ende nützt das niemand, es schadet nur denen, die ins Visier der Taliban geraten.

Geschenk an die Taliban

Wer so tut, als ließen sich die Taliban durch solche Geschenke auch nur einen Deut von ihrem menschenverachtenden Kurs abbringen, verdreht die Realität. Das Gegenteil ist der Fall: Sie gewinnen an internationaler Anerkennung, während der Westen seine eigenen Werte mal wieder an der Garderobe der sogenannten Realpolitik abgibt.

Der Preis? Menschenrechte als Verhandlungsmasse. Und das nur, um eine symbolträchtige Zahl an Abgeschobenen zu präsentieren. So macht man sich nachhaltig unglaubwürdig.

Deutschland verkauft Prinzipien für eine Politik, die nichts löst – aber Menschenleben zerstört. Das ist nicht pragmatisch. Das ist zynisch.