Evakuierungen aus Afghanistan enden bald
Die Lage in der afghanischen Hauptstadt Kabul spitzt sich zu. Offenbar will Deutschland schon am heutigen Donnerstag die Evakuierungsflüge aus Afghanistan beenden. Ein junger Afghane aus Straubing steckt immer noch dort fest – und berichtet, warum er kaum noch Hoffnung hat.
Ein junger afghanischer Mann, im Hintergrund eine Frau mit Burka
Ein junger afghanischer Mann. (Symbolbild)

Seitdem die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, kommt es auf dem Flughafen der Hauptstadt Kabul zu chaotischen Szenen. Tausende Afghan*innen versuchen, das Land zu verlassen. Viele haben Angst vor der Rache der Taliban. Im Gedränge vor dem Flughafen sind bereits mehrere Menschen getötet worden.

Und nun schließt sich bald das Zeitfenster, in dem westliche Staaten wie Deutschland, die USA und Frankreich eigene Bürger*innen, aber auch Afghan*innen aus dem kriegsversehrten Land evakuieren. Nur noch bis 31. August ist dies überhaupt möglich, US-Präsident Biden hat einer Verlängerung kürzlich eine klare Absage erteilt. Laut übereinstimmenden Medienberichten will die Bundesregierung schon am Donnerstag, also fünf Tage vorher, den letzten Flug organisieren.

Junger Afghane steckt immer noch in Kabul fest – und verzweifelt

Doch noch immer sind unzählige Menschen in Afghanistan, die nach Deutschland oder in ein anderes sicheres Land wollen. Unter ihnen ist auch Israfeel Kohistani (Name von der Redaktion geändert, Anm.). Der junge Mann lebte bis vor kurzem in Straubing. Er ließ sich auf eine sogenannte freiwillige Ausreise ein, weil er demnächst seine Ausbildung in Bayern beginnen wollte. Dafür hat er auch das nötige Visum – es liegt nur bei deutschen Botschaft in Islamabad (Pakistan), weil die Botschaft in Kabul bereits seit längerem geschlossen ist. 

Bereits kürzlich hatte Kohistani uns seine dramatische, verzweifelte Lage in einem Augenzeugenbericht geschildert. Nun erzählt er, wie es ihm seitdem ergangen ist und ob er noch Hoffnung hat, nach Deutschland zurückkehren zu können. Spoiler: Viel Positives hat er leider nicht zu berichten.

Der Augenzeugenbericht des jungen Afghanen

Als ich in Afghanistan ankam, war die Zeit zu knapp, um alle Dokumente zusammenzubringen und den Termin für ein Arbeitsvisum am 18. August 2021 einzuhalten. Deshalb habe ich für meine elektronische Tazkira, den Ausweis, 6000 Afghani (umgerechnet ca. 60 Euro, Anm.) Schmiergeld gezahlt, damit ich sie in drei Tagen erhalte.

Ich habe tatsächlich in drei Tagen den elektronischen Ausweis erhalten. Ich hatte schon letztes Jahr einen Reisepass in Afghanistan bekommen, aber da hat man meinen Namen und mein Größe falsch eingetragen, deshalb habe ich mit jemandem eine Abmachung gemacht, dass er mir für 500 Dollar einen neuen Pass ohne Fehler holen wird. 

Zuerst habe ich ihm 300 Dollar gegeben. Er meinte, den Rest will er haben, wenn er mir den Pass gibt. Am gleichen Tag wurde ich bei der Behörde identifiziert und musste nur für die Abholung zur Post. Das war aber unmöglich, weil nachdem die Taliban in die Stadt gekommen waren, fast alle Angestellten geflohen sind. Jetzt sind auch die Banken zu, trotz Versprechen der Taliban, das alles gut wird. 

Daher habe ich seit 13 Tagen gar kein Geld mehr im Geldbeutel, mit dem ich mich ernähren kann. 

Meine Ausbildung als Kraftfahrzeug -Mechatroniker fängt am 1. September 2021 an.  Der Chef meinte, es wäre in Ordnung, wenn ich eine Woche später damit anfange. Ich habe den alten Pass noch, er ist aber nicht mehr gültig. Ich habe auch das Dokument, dass ich den neuen Pass schon beantragt habe. Es wäre nett, wenn die Bundeswehr mich aufnehmen und  nach Deutschland bringen würde. Dort hätte ich die Möglichkeit, den Pass per Post zu erhalten, durch meinen Cousin, der auch hier in Kabul lebt. Ich könnte auch beim afghanischen Generalkonsulat in München einen neuen Pass beantragen.

Ich kann es wirklich nicht solange aushalten, bis eine neue Regierung von den Taliban präsentiert wird! Ich werde das nicht überleben.

Vor ein paar Tagen war ich zum zweiten Mal am Flughafen Kabul. Es waren sehr viele Menschen dort und fast jeder hatte irgendeine Einladung aus Europa oder Amerika und es standen Soldaten von verschiedenen Ländern dort. Natürlich hatte ich Angst, dass irgendeine Bombe explodiert. 

Drei Stunden lang stand ich dort. Ich habe mich einem Engländer vorgestellt und nach deutschen Soldaten gefragt. Er sagte, bleib' hier sitzen, wenn sie kommen, werde ich dir Bescheid sagen. Das tat ich, und endlich kamen die Deutschen. Ich war sehr glücklich, dass ich mit denen auf Deutsch kommunizieren werde. Sie gingen aber bei mir vorbei und wollten gar kein Wort sprechen. 

Das war ein sehr trauriger Moment für mich und hat mich sehr gewundert.

Später brachte der Engländer einen Deutschen zu mir und ich habe ihn begrüßt. Dann zeigte ich ihm die Vorabzustimmung vom Landratsamt Regensburg und die Einladung zur deutschen Botschaft. Er hat aber gar kein Wort gesagt und ist plötzlich weggegangen.  Ich hatte die einzige Chance verpasst und echt keine Hoffnung mehr.

Ich habe mir selbst versprochen, dass ich nie wieder zum Flughafen fahre, bis alles ganz klar wird. Das ist alles – ich kann auch nicht zurück zu meiner Familie in den Iran fahren, denn ich habe keinen Ausweis im Iran und will das auch nicht. Lieber bringe ich mich stattdessen selbst um.

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