Afghanistan
Stephan Schmid ist Militär-Pfarrer, bis Juni war er bei Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. Im Gespräch mit sonntagsblatt.de erklärt er, warum ihn der Vormarsch der Taliban nicht überrascht – und was er für die Zukunft des zentralasiatischen Landes erwartet.
Afghanistan
Landkarte von Afghanistan.

Herr Schmid, wie nehmen Sie die aktuellen Nachrichten aus Afghanistan wahr?

Stephan Schmid: Diese Entwicklung, dass die Taliban jetzt auf dem Vormarsch sind, ist für die Bundeswehr-Soldaten nichts Neues. Das war schon 2011 so.

Wie meinen Sie das?

Stephan Schmid: Ich erinnere mich gut, da war ich mit Soldaten aus Munster stationiert. Die waren sechs Monate im Einsatz und hatten den Auftrag, in der Gegend von Kundus eine Kleinstadt von den Taliban zu befreien. Zusammen mit afghanischen und internationalen Kräften haben sie es in monatelanger Arbeit geschafft, die Aufständischen dort zurückzudrängen. Die Leute haben sich gefreut, dass sie wieder frei sind. Und die Soldaten waren stolz. Ohne Verluste haben sie die Sache hingekriegt. Aber ein halbes Jahr später war diese Kleinstadt wieder im Griff der Taliban. Also die Entwicklung jetzt ist natürlich extrem. Aber es ist im Grunde genommen für die Bundeswehrsoldaten nichts Neues. Diese Erfahrung machen die schon seit Jahren. Das ist frustrierend.

Das heißt, im Prinzip war die jetzige Entwicklung absehbar, als der Beschluss kam, dass alle westlichen Truppen aus Afghanistan abgezogen werden?

Stephan Schmid: Richtig. Nachdem Trump das Abkommen mit dem Taliban in Doha geschlossen hatte, haben diese ja versprochen, sie greifen ab jetzt keine internationalen Truppen mehr an – was sie auch durchgehalten haben. Aber sie haben weiterhin gegen afghanische Streitkräfte gekämpft. Und schon Monate, bevor der Abzug der Truppen beschlossen wurde, haben die Taliban vor allen Dingen die ländlichen Gebiete Stück für Stück unter ihre Kontrolle gebracht. Aber die Welt wollte davon nichts wissen. Davon wurde nichts berichtet.

"Die Darstellung, dass das jetzt etwas ganz Neues ist, plötzlich kommen die Taliban aus ihren Löchern, die ist völlig falsch"

Trotzdem ist die Entwicklung jetzt nochmal dramatischer, oder?

Stephan Schmid: Ja, natürlich. Jetzt, nachdem die internationalen Truppen weg sind, geht das Ganze etwas schneller. Jetzt wagen sich die Taliban auch in städtische Gebiete vor. Aber es ist im Grunde genommen für Afghanistan mit Blick auf die letzten Jahre nichts so ganz Neues. Die Taliban waren auch vor zehn Jahren schon in vielen ländlichen Gebieten auf dem Vormarsch und wurden dann wieder zurückgeschlagen. Und dann kamen sie wieder und haben ein Dorf eingenommen und dann haben die internationalen Truppen ein bisschen zurückgeschlagen und sie wieder zurückgedrängt. Der Krieg da tobt da eigentlich schon seit zehn, 15 Jahren auf dieselbe Art und Weise. Die Darstellung, dass das jetzt etwas ganz Neues ist, plötzlich kommen die Taliban aus ihren Löchern, die ist völlig falsch.

Wir sehen jetzt also nur die Spitze des Eisbergs?

Stephan Schmid:  Genau, so könnte man sagen. Es ist jetzt natürlich etwas anderes, wenn die Taliban Kundus einnehmen. Das ist natürlich eine äußerst wichtige Stadt im Norden Afghanistans. Und natürlich hat die Präsenz internationaler Truppen dort bisher dafür gesorgt, dass die Taliban nicht in die Stadt einrücken konnten. Aber im Umkreis von 20, 25 Kilometern rund um Kundus tobte der Krieg in den letzten Monaten schon, als ich von März bis Juni da war. Da sind täglich Menschen gestorben, rund um Kundus und rund um Masar-e-Sharif.

Also hat sich außer des gestiegenen Interesses der Weltöffentlichkeit eigentlich kaum etwas geändert?

Stephan Schmid: Naja, gut, da lehne ich mich persönlich weit aus dem Fenster, aber die Bundeswehr und auch generell die internationale Gemeinschaft hat die Sache immer etwas schöngeredet. Sie hat immer darauf hingewiesen, dass sich im Grundsatz einiges geändert hat. Während der letzten 20 Jahre sind eben einiges an Schulen entstanden und die Entwicklung war so, dass mehr Kinder, vor allen Dingen mehr Mädchen in die Schulen gehen konnten. Und das hat sicherlich mit der Präsenz internationaler Gruppen zu tun. Aber im Großen und Ganzen betrachtet: Wenn man sich überlegt, wieviel Geld da reingeflossen ist, wieviele Milliarden, und wieviel Leid bei Soldaten und ihren Familien geschaffen wurde, durch Tod, Verwundung oder posttraumatische Belastungsstörungen – da hat sich eben nichts getan.

"Keine Ahnung, warum diese Regierung ständig unterstützt wurde, obwohl man doch sah, dass die ja nix taugt"

Nichts ist gut in Afghanistan, wie Margot Käßmann es ausgedrückt hat?

Stephan Schmid: Ja, im großen Ganzen betrachtet hat Frau Käßmann recht. Mit den vielen Milliarden hätte man was ganz anderes machen können. Und ich ganz persönlich ärgere mich am meisten über diese korrupte Regierung, die es in den letzten 20 Jahren nicht hingekriegt hat, irgendetwas zu verändern. Auch, dass da die internationale Gemeinschaft nicht mehr Druck gemacht hat.

Warum, glauben Sie, hat sie das nicht?

Stephan Schmid: Keine Ahnung, warum diese Regierung ständig unterstützt wurde, obwohl man doch sah, dass die ja nix taugt. Ich habe das nicht begriffen.

"Die Soldaten sind das gewohnt. Für die ist das nichts Neues"

Wie sind denn die deutschen Soldaten mit dieser sehr frustrierenden Situation umgegangen?

Stephan Schmid: Ich würde sagen, die meisten haben ähnliche Gefühle, wie sie sie schon die letzten zehn, 15 Jahren haben. Nur dass alles jetzt ein bisschen extremer ist. Die Soldaten sind das gewohnt. Für die ist das nichts Neues.

Wie beurteilen Sie die die Lage der Einheimischen, die für die Bundeswehr gearbeitet haben, zum Beispiel als Übersetzer? Wird für die genug getan?

Stephan Schmid: Da muss man auch differenzieren. Denn etwa dieses Lager Marmal bei Masar-e-Sharif ist riesengroß. Es wird geleitet von der Bundeswehr. Dort sind allerdings auch verschiedene internationale Firmen tätig. Und all diese Firmen, die dort im Camp tätig waren, hatten natürlich auch afghanische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Also kann jeder Mitarbeiter dieser internationalen Firmen natürlich auch sagen: ‚Ich habe für die Deutschen gearbeitet‘.

Und was ist mit denen, die direkt bei der Bundeswehr angestellt waren?

Stephan Schmid: Um die hat sich die Bundeswehr schon besser gekümmert als noch vor fünf Jahren. Seinerzeit musste etwa ein Übersetzer, der sich bedroht fühlte, noch nachweisen, dass er bedroht wird. Sonst hat ihm die Bundeswehr in Deutschland kein Visum garantiert. Jetzt weiß ich, da reichte es, wenn einer kam und sagte: ‚Ich bin bedroht‘.

Für die Taliban werden die anderen, die im deutschen Camp waren, aber vermutlich auch Verräter sein, oder?

Stephan Schmid: Sicherlich, auch für die gibt's eine reale Bedrohungslage, ganz gewiss. Wobei man auch bei den Taliban sagen muss: Taliban ist nicht gleich Taliban. Es gibt die Moderateren und die Extremeren. Es gab auch schon als ich da war Stimmen von den Taliban, die gesagt haben: ‚Die Leute, die sich jetzt mit uns gut stellen, brauchen nichts zu befürchten. Die sagen: Okay, warum sollen wir jetzt alle abschlachten? Wenn die sich jetzt auf unsere Seite stellen, dann lassen wir die Ruhe.

Wie, denken Sie, wird es in Afghanistan jetzt weitergehen?

Stephan Schmid: Was soll man sagen? Bestenfalls geht es in die Richtung, wie der Iran jetzt regiert wird. Dass man als Taliban sagt: Wir wollen eine gewisse internationale Anerkennung. Aber das heißt, dann dürfen wir den Menschen nicht einfach die Köpfe abschlagen.

Also gewisse Mindeststandards einhalten, um an der Macht zu bleiben?

Stephan Schmid: Genau. Der Iran lässt ja auf der einen Seite recht viel an Freiheit zu, was zum Beispiel Bildung angeht. 60 Prozent der Studierenden im Iran sind Frauen. Aber hinterher? Dieser akademische Erfolg setzt sich in der Gesellschaft nicht fort. Vielleicht ist es ja das, worauf es in Afghanistan auch hinausläuft. Dann hat man ein extremistisches, islamistisches Regime, das aber eben nicht ganz so martialisch und brutal regiert, dass sie den Leuten da die Hände oder die Köpfe abschlagen.

Pfarrer Stephan Schmid

Stephan Schmid ist ein erfahrener evangelischer Militärseelsorger: Von März bis Juni war der 60-Jährige mit der Bundeswehr in Afghanistan. 2011 und 2014 war er bereits für je vier Monate dort. Außerdem begleitete er als Pastor Soldaten in Mali, Jordanien, im Kosovo und in der Türkei.

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