Meral Akkent arbeitete in Fürth in der Dynamit Nobel Fabrik und lernte in zwei Jahren an der FAU Erlangen die deutsche Sprache.  Das kalte Deutschland mit den misstrauischen Ausländerbehörden und die eingeborenen Franken waren erst einmal gewöhnungsbedürftig. Dazu die politische Stimmung.

"In den 80er Jahren war das Thema des Landes das Kopftuch der türkischen Frau."

Warum Türkinnen sich verhüllen, und dass das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung sei. Akkent, selbst keine Kopftuchträgerin, traf nun auf dem Nürnberger Hauptmarkt deutsche Kopftuchfrauen – die fränkischen Bäuerinnen in Tracht. Und sie forschte in Interviews mit türkischen und fränkischen Frauen über die Hintergründe.

"Und wir haben viele Ähnlichkeiten gefunden, und dass das Kopftuch aus mehreren Gründen getragen wird: aus Gewohnheit, aus Tradition, aus Kultur und aus religiösen Gründen."

Daraus entstanden ein Buch und die Ausstellung: "Das Kopftuch. Ein Stück Stoff in Geschichte und Gegenwart". Meral Akkent forschte weiter in den gängigen Vorurteilen und Alltagsproblemen des fränkischen Alltags. Gängige Meinung damals war, dass junge türkische Mütter ihre Kinder in Deutschland nicht erziehen können, weil sie aus der Großfamilie herausgerissen sind. Akkent beobachtete drei Jahre lang die jungen Mütter und fand heraus: Die Frauen hatten Probleme, aber nicht wie sie ihre Kinder erziehen, sondern weil sie diskriminiert und ausgegrenzt wurden als Ausländerinnen. 
Akkent wollte helfen, als Wissenschaftlerin. Und integrierte in ihren Forschungsauftrag einfach ein Beratungszentrum mit einem neuen Konzept:

Forschung, Beratung und Bildung 

Das kam so gut an, dass die Stadt Nürnberg die Finanzierung übernahm, weil viele Frauen die Kurse mit voller Überzeugung besuchten, und sich im Verein engagierten. Es gab Auszeichnungen, bis heute ist das Internationale Frauen- und Mädchenzentrum IFMZ in Nürnberg Gostenhof eine Marke. 
Meral Akkent zog weiter und trug die innovative Frauenforschung zurück zu ihren türkischen Wurzeln nach Instanbul.

"Weil wir in der Türkei auch ein multikulturelles Land sind. Im Gegensatz zu Deutschland sind diese Teile der Geschichte nicht aufgearbeitet und ich wollte Frauengeschichte mit einem neuen Konzept präsentieren." 

Sie initiierte eine Ausstellung aller Frauen, die zum kulturellen Leben von Istanbul beitrugen - seit der Gründung vor über 1200 Jahren als Byzanz. Die Quellenlage allerdings war sehr dünn. Der Besuch beim Direktor des jüdischen Museums in Istanbul illustriert die Lage. Sie fragte nach jüdischen Frauen, die Wegbereiterinnen in Kunst und Kultur der letzten 500 Jahre waren. Er sagte, die gab es nicht.

"Da habe ich selbst recherchiert und natürlich sehr viele jüdische Frauen gefunden, die Wegbereiterin waren als Schriftstellerin, Musikerin oder Bildhauerin.

Der Direktor sah es ein, bedankte sich und machte selbst eine Ausstellung dazu. Meral Akkents "Women’s Museum Istanbul" gibt es seit 2012 online und immer wieder in Ausstellungen vor Ort in Istanbul. Der nächste logische Schritt war für sie, die Frauenforschung zu erweitern auf Gender-Forschung, weil sie in der Türkei mit vielen Morden an Trans-Personen konfrontiert war. Und auch hier hatte sie ein bahnbrechendes Konzept, nämlich LGBTQIA+-Personen und ihrer Lebenswelt in der Normalität zu begegnen. Folgerichtig machte Akkent keine Ausstellungen über sie, sondern mit ihnen. Inklusiv und partizipativ sollte die Arbeit auch noch sein. Ein Beispiel: Meral Akkent suchte für ein Projekt per Aufruf möglichst viele Künstler*innen und katalogisiert sie nach Wohnort, eigener Geschlechtszuschreibung, Behinderung, Bildung, Alter, Religion, das ganze Spektrum. 

Ein bunt gemischtes Team und eine außergewöhnliche Ausstellung in Istanbul

Dieses buntgemischte Museums-Team hatte dann die Aufgabe, Sprüche der türkischen Frauenbewegung künstlerisch zu verarbeiten. Und die Sprüche zu übersetzen in 30 Sprachen, die in der Türkei früher zuhause waren, aber jetzt unerwünscht sind: kurdisch, armenisch, ladinisch, georgisch, usw. Dann wurden die Kunstwerke ins ganze Land verschickt mit der Bitte: „Liebe Stadtverwaltung, plakatiert das bitte umsonst auf den städtischen Litfaßsäulen.“
Die Sorge: Die Sprüche werden nicht aufgehängt oder sofort abgerissen. Die Reaktionen in Mails und auf Social Media:

"Menschen haben vor den Plakaten geweint, weil sie plötzlich ihre eigene Sprache an einer Plakatwand gesehen haben.

Ein dreifacher Lerneffekt: Die feministischen Slogans, die totgeschwiegenen Sprachen und die Lernerfahrung der buntgemischten Museums-Teams. Meral Akkent beherrscht die hohe Kunst, Menschen nicht zu belehren, sondern sie zusammen zu bringen, dass sie voneinander lernen – unabhängig von Geschlecht, Geld und Religion. 
Das ganze Interview mit noch mehr Beispielen hört ihr hier im Podcast MitMensch“ und auf den üblichen Plattformen. 
Das Istanbul Gender Museum ist mit der Ausstellung „Wir waren, sind und werden sein – Frauen kämpfen um Gleichberechtigung in der Gewerkschaft“ derzeit in Nürnberg in der Villa Leon. Die Ausstellung auf Deutsch, Kurdisch und Türkisch läuft bis zum 8.5.. Höhepunkt ist eine Podiumsdiskussion am 12.3. um 19