Am 8. Dezember 2024 wurde in Syrien Diktator Bashar Al-Assad gestürzt. Seitdem sucht das Land, das von 13 Jahren Bürgerkrieg und vom schweren Erdbeben 2023 tief gezeichnet ist, einen Weg aus der Krise. Wie schwer das ist, zeigen nicht nur die anhaltende Not im Land, sondern auch Gewaltausbrüche zwischen Volksgruppen und religiösen Minderheiten. Mehr internationale Hilfe ist notwendig, um das Land wieder aufzurichten.
Noch einen Monat später sind die Schäden an der griechisch-orthodoxen Mar Elias Kirche im Herzen von Damaskus deutlich sichtbar. Ein Loch im Boden zeugt von der gewaltigen Explosion einer Bombe, die ein Selbstmordattentäter des IS am 22. Juni am Eingang der Kirche zündete. 25 Menschen starben, viele wurden verletzt. Unzählige Splitterlöcher und Blutspuren an den Wänden werden langsam und vorsichtig von Bauarbeitern beseitigt.
Zerstörung und Gewalt: Syrien bleibt ein zerrissenes Land
"Es war schrecklich, was an diesem Tag hier geschehen ist", sagt Archimandrite Meletius Shattahi, der nach der Explosion aus seinem Büro in die Kirche eilte, um zu helfen. "Wir haben in den Tagen danach viel Solidarität und Beileidsbekundungen erhalten, vor allem auch von muslimischen Mitbürgern", berichtet Meletius. Dies sei wichtig und ermutigend, weil viele Menschen in Syrien schmerzlich begreifen, dass das friedliche Zusammenleben zwischen religiösen Gruppen ständig gefährdet ist. "Wir müssen alle gemeinsam an einem Syrien arbeiten. Jede politische oder religiöse Zugehörigkeit ist in diesem Moment zweitrangig", appelliert Meletius, der auch GOPA-DERD, eine syrische Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe, leitet.
In den vergangenen Monaten hatten bereits mehrfach Gewaltausbrüche und Massaker entlang verschiedener Volksgruppen stattgefunden. Im Juli forderten Kämpfe zwischen Drusen und Beduinen im Süden Syriens Hunderte Tote, im März entlud sich der aufgestaute Hass sunnitischer Gruppen gegen Alawiten, die vor allem die Assad-Diktatur unterstützt hatten und einen Aufstand gegen die neue islamistisch geprägte Regierung versuchten. Syrien ist ein Flickenteppich an Interessen, Macht und Konfessionen.
"Es wird ein Drahtseilakt, diese Spannungen in den kommenden Monaten abzubauen, damit die Hoffnungen der Menschen auf Veränderungen nicht in Resignation und Frust umschlagen", sagt Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Er war Ende Juli vor allem im Nordwesten Syriens unterwegs, um sich von der humanitären Lage ein Bild zu machen und die Hilfsprojekte von zwei Partnerorganisationen zu besuchen.
"Was Syrien jetzt am dringendsten benötigt, ist eine gesellschaftlich-soziale Transition, die alle Menschen berücksichtigt und Grundlagen schafft, um sicher zusammenzuleben und wieder etwas aufbauen zu können", sagt Keßler.
Hoffnung in Trümmern: Hilfe für Rückkehrer und Wiederaufbau
Bis heute ist von einem großflächigen Wiederaufbau wenig zu sehen. Die Großstadt Aleppo, die wie keine andere für den blutigen Bürgerkrieg steht, ist in weiten Teilen zerstört. Nur für wenige Stunden täglich gibt es Strom und Wasser. Ganze Stadtteile und Vororte liegen in Schutt und Asche und sind kilometerweit unbewohnt. Dasselbe gilt für die Stadt Idlib weiter südlich.
Dort hat der Partner GOPA-DERD begonnen, 200 beschädigte Wohnungen und Häuser wieder zu sanieren. Der Bedarf ist enorm, denn viele Syrerinnen und Syrer kehren trotz der Herausforderungen freiwillig zurück: Laut den Vereinten Nationen rund 1,5 Millionen intern Vertriebene sowie 700.000 Geflüchtete aus dem Ausland – vor allem dem Libanon und der Türkei.
"Am dringendsten brauchen die Menschen ein Dach über dem Kopf und sichere vier Wände für die Familie. Einschusslöcher müssen repariert und zerstörte Dächer abgedichtet werden. Zudem sollten Anschlüsse für Wasser und Strom zur Verfügung stehen. Ist das gewährleistet, ist ein erster Schritt getan. Das unterstützen wir", sagt Martin Keßler.
Um die Folgen von Inflation und anhaltender Wirtschaftskrise abzumildern, benötigen die Menschen zudem Unterstützung beim Lebensunterhalt. In Atarib, einem Vorort von Idlib, geben Mitarbeitende der Partnerorganisation BAHAR vor allem jungen Leuten einen Crash-Kurs in Betriebswirtschaft. In wenigen Tagen lernen sie, wie sie ihre bereits laufenden Geschäfte wie Nähereien, Bauernhöfe oder Lebensmittelläden wirtschaftlicher leiten. Wenn sie den Kurs erfolgreich durchgeführt haben, erhalten sie am Ende eine Bargeldhilfe von rund 750 Euro, um sich Waren oder Material davon zu kaufen.
Die 21-jährige Muneera Hisham Al-Sayed Yahya ist eine von insgesamt 120 Teilnehmenden. "Zusammen mit meinen fünf Schwestern und meiner Mutter stellen wir Käse her. Täglich verkaufen wir rund zwei Kilo davon, was zu wenig ist", weiß sie. Es fehle vor allem an Kunden. Von einst 20.000 Einwohnern leben nur noch ein Drittel in dem Ort. Nur langsam steigt die Einwohnerzahl wieder an. "Als das Land befreit wurde, hofften wir auf eine Verbesserung unserer Lage. Aber unser Land leidet Schmerzen und benötigt Unterstützung von anderen Ländern", sagt die junge Frau.
Was Syrien jetzt braucht: Solidarität, Geduld und globale Unterstützung
Auch weiter nordwestlich in den Bergen nahe der Grenze zur Türkei sind die Menschen dankbar, dass sie von BAHAR Hilfe erhalten. Während die Sommersonne mit mehr als 40 Grad Hitze auf den kahlen und ausgedörrten Boden hinabbrennt, schult ein Mitarbeiter von BAHAR eine kleine Gruppe Bauern im Schatten eines Olivenbaums darin, wie sie ihre Bäume ressourcenschonend bewässern.
"Alle Familien haben Olivenbäume und jeder weiß, wem sie gehören", sagt Nidal Hassan Ali, Ortsvorsteher vom Ort Rajo. Der 51-jährige Kurde sagt, dass sich seit dem Ende des Bürgerkriegs zumindest die Sicherheitslage verbessert habe, aber die Dürre ihnen sehr zu schaffen mache, die das Land neben all den Umwälzungen zusätzlich herausfordert. Umso kostbarer ist die Ressource Wasser, die sie nur mit viel Aufwand und über ein Schlauchsystem auf die Hänge bringen, um das Überleben ihrer Bäume zu sichern. Sie stehen sinnbildlich für das Land und seine Menschen.
Noch immer sind mehr als 16 Millionen Menschen in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Weltbank schätzt die Kosten für den Wiederaufbau des Landes auf mindestens 400 Milliarden US-Dollar.
"Diese Bürde kann das Land nicht allein stemmen. Syrien benötigt auf so vielen Ebenen dringend internationale Unterstützung und multikonfessionelle Solidarität innerhalb des Landes, um aus der Krise herauszukommen und nicht erneut Konfliktherd zu werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Lage im Land kippt und wollen weiter unseren Beitrag dazu leisten", sagt Martin Keßler.
Spenden
Die Diakonie Katastrophenhilfe hat am 7. August ihre Bilanz des Jahres 2024 vorgestellt. Im vergangenen Jahr erhielt das Hilfswerk der evangelischen Kirchen 30 Millionen Euro an Spenden, die vor allem für die Menschen im Krieg in der Ukraine, Betroffene des Hochwassers in Deutschland und Europa sowie Notleidende in Gaza gespendet wurden.
Zusammen mit 98 lokalen, nationalen und internationalen Partnerorganisationen konnten im vergangenen Jahr 79,7 Millionen Euro in der Programmarbeit eingesetzt werden. 89 Projekte wurden in fast 40 Ländern neu gestartet oder verlängert.
In Syrien hilft die Diakonie Katastrophenhilfe derzeit im Umfang von knapp 6,5 Millionen Euro und bittet um Spenden, um die Hilfe in der betroffenen Region auszuweiten:
Diakonie Katastrophenhilfe, Berlin
Evangelische Bank
IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02
BIC: GENODEF1EK1
Stichwort: Nahost-Konflikt