Die Drusen sind eine kleine, traditionsreiche Glaubensgemeinschaft – und geraten in Syrien zunehmend zwischen die Fronten. In Suweida eskalierte 2025 die Gewalt. Israel, Iran und regionale Gruppen versuchen, Einfluss auf die Minderheit zu nehmen.

Wer aber sind diese Drusen, die trotz ihrer geringen Zahl eine so große strategische Bedeutung haben? Sie leben meist im Verborgenen, doch ihre Rolle ist von enormer Bedeutung: Die Drusen sind eine religiöse Minderheit mit rund einer Million Mitgliedern, die vor allem in Syrien, im Libanon, in Israel und Jordanien beheimatet ist. In Syrien machen sie etwa drei Prozent der Bevölkerung aus. Ihre Hochburgen sind die Provinz Suweida im Süden des Landes und die Ortschaft Jaramana bei Damaskus.

Ursprünglich entstand die drusische Religion im 11. Jahrhundert aus einer Abspaltung vom ismailitischen Schiitentum. Der Name "Drusen" leitet sich zwar vom frühzeitigen Prediger Muhammad ad-Darazi ab – doch ironischerweise wird dieser von den Gläubigen selbst als Häretiker abgelehnt. Lieber nennen sie sich "al-Muwahhidun" – die Monotheisten.

Eine geheimnisvolle Glaubensgemeinschaft

Der Glaube der Drusen ist ebenso vielschichtig wie verschlossen. Im Mittelpunkt steht die absolute Einheit Gottes, die menschlichem Verständnis letztlich entzogen bleibt. Die religiöse Lehre speist sich aus dem Islam, der griechischen Philosophie, dem Neuplatonismus, buddhistischen Ideen und weiteren mystischen Strömungen.

Ein zentrales Element ist der Glaube an die Reinkarnation: Nach dem Tod wandert die Seele direkt in einen neuen menschlichen Körper. Ihre heiligen Schriften sind nur Eingeweihten zugänglich, Missionierung ist ausgeschlossen – nur wer als Druse geboren wird, kann Teil der Glaubensgemeinschaft werden. Diese teilt sich in zwei Gruppen: spirituell Eingeweihte, die das religiöse Geheimwissen bewahren, und Unwissende, die zwar glauben, aber keinen Zugang zu den inneren Lehren erhalten.

Trotz ihrer Exklusivität zeichnet sich die drusische Gemeinschaft durch einen ausgeprägten Respekt gegenüber anderen Religionen aus. Diskriminierung Andersgläubiger lehnt sie entschieden ab. Im Alltag zeigt sich diese Offenheit etwa darin, dass drusische Kinder auch christliche Musikschulen besuchen.

In Israel: Anerkennung und Integration

In Israel leben heute etwa 150.000 Drusen – vor allem in Galiläa, auf dem Karmel und auf den annektierten Golanhöhen, die völkerrechtlich zu Syrien gehören. Anders als andere arabische Minderheiten gelten sie dort als voll integrierte Staatsbürger.

Sie haben das Recht – und vielfach auch die Pflicht –, in der israelischen Armee zu dienen, viele tun dies sogar in Eliteeinheiten. Bereits 1957 erkannte Israel die Drusen als eigenständige Religionsgemeinschaft an. Dennoch bleiben die familiären und religiösen Verbindungen nach Syrien für viele Drusen bedeutsam.

In Syrien: Loyalität zum Land – nicht zur Religion

Etwa 700.000 Drusen leben in Syrien, insbesondere in Suweida und Jaramana. Seit jeher konzentriert sich die Gemeinschaft auf den Schutz ihrer eigenen Gebiete, die meist in schwer zugänglichen Bergregionen liegen.

Politisch sind die Drusen in Syrien allerdings kein monolithischer Block: Während sich einige Gruppen loyal zur Regierung in Damaskus zeigen, stehen andere – etwa um den prominenten Scheich Hikmat Salman al-Hijri – der neuen Interimsregierung kritisch gegenüber. Diese Spannungen werden durch teils widersprüchliche Verbindungen zu Israel und Iran zusätzlich verschärft.

Bemerkenswert ist: Für syrische Drusen steht die Loyalität zur Nation, in der sie leben, über der zu ihrer Religionsgemeinschaft. Im Fall eines militärischen Konflikts würden sie beispielsweise auch gegen drusische Soldaten aus Israel kämpfen, falls deren Interessen den syrischen widersprechen sollten – genauso umgekehrt.

Konflikte im Süden Syriens: Die Drusen im Kreuzfeuer

Der syrische Süden, vornehmlich die Region Suweida, wurde 2025 erneut Schauplatz eskalierender Gewalt. Der Auslöser war im Mai ein Video, in dem angeblich ein syrischer Druse den muslimischen Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Es führte zu massiven Ausschreitungen zwischen drusischen Bewohnern und sunnitischen Beduinen. Historische Rivalitäten und der Wettbewerb um knappe Ressourcen haben die Spannungen zusätzlich verschärft.

Im Juli soll es dann einen Raubüberfall in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegeben haben, das Opfer ein Druse, die Täter wohl Beduinen. Daraufhin sollen die Angehörigen des Überfallenen acht Beduinen entführt haben. Das alles mündete letztlich in einen größeren Gewaltausbruch.

In diesem ohnehin fragilen Umfeld sind die Drusen zunehmend Spielball externer Interessen. Israel hat wiederholt militärisch in Syrien interveniert – offiziell mit dem Ziel, die Drusen zu schützen. Gleichzeitig geht es auch um strategische Kontrolle über die Golanhöhen und Einfluss in der Region: Die israelische Präsenz reicht mittlerweile bis ins syrische Landesinnere.

Zwischen Einfluss und Instrumentalisierung

Der Machtkampf im Süden Syriens wird zusätzlich durch rivalisierende Gruppen wie kurdische Milizen, alawitische Anhänger des gestürzten Assad-Regimes und islamistische Gruppierungen befeuert. Häufig wird dabei gezielt Spaltung geschürt, um eigene Machtinteressen durchzusetzen. Auch Desinformationskampagnen – etwa Videos mit angeblicher Prophetenbeleidigung – zielen darauf ab, Unruhe und Spaltung zu erzeugen.

Die Drusen geraten so zunehmend in eine prekäre Lage. Für viele Regionalmächte gelten sie als möglicher Puffer – oder als taktischer Sündenbock.

Immer wieder kursieren Szenarien über ein mögliches "Drusistan", also einen autonomen drusischen Staat im Süden Syriens. Die Mehrheit der syrischen Drusen jedoch lehnt eine solche Separierung wohl ab.

Quellen

Bundeszentrale für politische Bildung: Drusen

Gesellschaft für bedrohte Völker: Drusen

Der Spiegel: Warum in Suwaida die Gewalt eskaliert

Domradio: Warum die Drusen in Syrien zwischen die Fronten geraten