Ein Mann sitzt im Winter an einer Bushaltestelle. Minus zehn Grad. Keine Schuhe. Nur Socken an den Füßen. Früher, sagt Volker Sommerfeldt, hätten viele wahrscheinlich gehofft, dass sich schon irgendjemand kümmert. Diesmal greift jemand zum Telefon.

"Ich bringe jetzt gleich mal euch einen Obdachlosen vorbei. Ihr seid doch der Ort, wo man hingehen kann", habe es geheißen, erzählt der Leiter der Bayreuther Stadtmission – einer evangelischen Hilfseinrichtung, die obdachlose und arme Menschen in der oberfränkischen Stadt betreut. Für Sommerfeldt ist diese Szene eine der deutlichsten Folgen des Dokumentarfilms "Obdachlos in Bayreuth". Der Film hat nicht nur Menschen berührt. Er hat nach Einschätzung der Beteiligten etwas verschoben: den Blick, die Reaktion, manchmal sogar den Weg zur Hilfe.

Ein Jahr nach seiner Premiere zog das Filmteam nun Bilanz – gemeinsam mit Vertreterinnen der Stadt und zwei Protagonisten des Films.

Der Film und seine Reichweite

"Obdachlos in Bayreuth" ist ein rund 20-minütiger Dokumentarfilm, gedreht von Günter Saalfrank und Gunter Becker, Kamera: Andreas Harbach. Er entstand ehrenamtlich und zeigt Menschen, die in Bayreuth ohne Wohnung leben oder gelebt haben – mit ihren eigenen Stimmen, ohne Kommentator, ohne erklärende Distanz.

Nach Angaben der Filmemacher haben ihn bei Vorführungen mehr als 1000 Menschen gesehen – in Bayreuth selbst, in den umliegenden Gemeinden Himmelkron und Goldkronach, in Schulklassen, Männer-, Frauen- und Seniorenkreisen, bei Gottesdiensten und Fortbildungen. Dazu kommen nach eigener Zählung mehr als 3700 Abrufe im Internet. Fast nach jeder Vorführung wurde gesprochen: über Armut, über Scham, über den richtigen Umgang mit Menschen ohne Wohnung.

Religionslehrkräfte setzen den Film im Unterricht ein. Eine Lehrkraft aus einer anderen oberfränkischen Stadt nahm die Idee mit, ein ähnliches Projekt mit Schülerinnen und Schülern zu prüfen.

Mehr Anrufe, mehr Spenden, fünf Wohnungen

Sommerfeldt berichtet, dass sich das Verhalten mancher Bayreutherinnen und Bayreuther erkennbar verändert habe. Menschen riefen an, wenn sie jemanden auf der Straße sähen. Sie fragten nach. Sie meldeten sich. "Plötzlich ist eine gewisse Betroffenheit da, dass es hier in Bayreuth obdachlose und arme Menschen gibt", sagt er. Noch wichtiger sei: Die Menschen wüssten nun eher, wohin sie sich wenden könnten.

Auch materiell habe der Film Wirkung gezeigt. Es kämen weitaus mehr Sachspenden als zuvor: warme Socken, Kleidung, Schuhe. Sommerfeldt nennt das einen "fantastischen Effekt".

Noch überraschender ist für ihn ein anderes Ergebnis: Zum ersten Mal seien ihm Wohnungen angeboten worden. Fünf insgesamt. Vier habe er weitervermittelt, eine konnte direkt belegt werden. "Das hatten wir vorher nicht so", sagt er nüchtern. Am Ende geht es bei Obdachlosigkeit nicht um warme Kleidung und gutes Gewissen. Es geht um Wohnraum.

Die Stadt spürt die Aufmerksamkeit

Nancy Kamprad von den Sozialen Diensten der Stadt Bayreuth bestätigt den Eindruck: Der Film habe das Thema sichtbarer gemacht – auch für Menschen, die Obdachlosigkeit bisher nicht als städtisches Problem wahrgenommen hatten. Bayreuth gilt gemeinhin als wohlhabende Festspielstadt, nicht als sozialer Brennpunkt. Der Film habe daran etwas geändert.

"Vielleicht sind die Leute jetzt einfach ein bisschen aufmerksamer", sagt Kamprad. Auch die Stadt sei häufig auf den Film angesprochen worden. Menschen hätten gefragt, wie sie helfen könnten. Die Stadt verweise dann an die Stadtmission oder an das Haus Cosima – die kommunale Obdachlosenunterkunft, die gemeinsam mit der Diakonie betrieben wird.

Auch dort seien mehr gezielte Spenden eingegangen. Für Kamprad ist das der wichtigste Effekt: Das Thema ist schwerer ausblendbar geworden.

Was Sichtbarkeit kostet

Roland Hanisch weiß, was es heißt, plötzlich wiedererkannt zu werden. Seine Geschichte ist Teil des Films. "Ich bin oft angesprochen worden", erzählt er. Manchmal sei ihm das fast peinlich gewesen. Gleichzeitig beschreibt er, dass ihm Respekt entgegengebracht wurde – Worte bei Filmgesprächen, die ihm Mut gemacht haben.

Sichtbarkeit hat zwei Seiten. Sie kann Würde zurückgeben. Sie macht aber auch verletzlich. Wer öffentlich über den eigenen Absturz spricht, stellt nicht irgendeine Geschichte zur Verfügung, sondern das eigene Leben – mit Scham, Brüchen und Erinnerungen, die sich nicht wegmoderieren lassen. Hanisch spricht von seinem "Absturz" ohne Beschönigung. Deshalb bewirkt er bei den Zuschauern auch etwas.

Frauen brauchen andere Schutzräume

Auch Sylvia Meier war obdachlos, auch sie ist Protagonistin im Film. Und sie macht deutlich, was in der öffentlichen Debatte über Wohnungslosigkeit oft fehlt: Frauen trifft es anders.

Viele Frauen trauen sich nicht, offen darüber zu sprechen, sagt Meier. Aus Scham. Aus Angst. "Frauen sind verletzlicher, finde ich, als Männer." Dann erzählt sie von ihrer eigenen Zeit in einer Unterkunft – in einem Zimmer mit mehreren Menschen, umgeben von Männern, von Alkohol- und Drogenproblemen. "Ich hätte zu dem Zeitpunkt noch Ruhe gebraucht und keine Männer um mich herum."

Diese Sätze benennen ein strukturelles Problem, das über Bayreuth hinaus gilt: Gemischte Unterkünfte sind für Frauen in psychischen Ausnahmesituationen oft keine sichere Umgebung. Ein Bett ist wichtig. Aber ein Bett allein ist noch keine Perspektive.

Meier wünscht sich für Bayreuth mehr Angebote ausschließlich für Frauen – Zimmer oder Pensionen, in denen sie zur Ruhe kommen können, mit psychologischer Begleitung, wenn nötig. "Ich frage mich heute noch, wie ich das da ausgehalten habe", sagt sie über die drei, vier Monate in der Unterkunft.

Kamprad bestätigt, dass an Frauenunterkünften gearbeitet werde. Die Stadt verfüge inzwischen über 24 Verfügungswohnungen für verschiedene Bedarfslagen: Familien, Frauen, Schwangere. Das Haus Cosima sei im vergangenen Jahr zeitweise deutlich stärker belegt gewesen als vorgesehen; man habe gegengesteuert und verschiedene Unterkünfte ausgebaut.

Ein Film als Gesprächsanlass

Günter Saalfrank, einer der Filmemacher, zieht nach einem Jahr ein klares Fazit: Der Film habe geholfen, für die Situation obdachloser Menschen zu sensibilisieren sowie Vorurteile abzubauen. Er habe Unsicherheit im Umgang abgebaut und Menschen ermutigt, nicht wegzusehen.

Das klingt schlicht. Aber vielleicht ist genau das die eigentliche Funktion dieses Films: nicht fertige Antworten zu liefern, sondern Menschen so nah zu zeigen, dass man sich nicht mehr hinter allgemeinen Sätzen verstecken kann.

Die Distanz ist kleiner geworden

Ein Jahr nach "Obdachlos in Bayreuth" bleibt die Bilanz gemischt. Mehr als 1000 Zuschauerinnen und Zuschauer bei Vorführungen, tausende Abrufe im Netz, mehr Spenden, mehr Gespräche, fünf angebotene Wohnungen. Und zugleich offene Fragen: Wie gut sind Frauen in der Wohnungslosenhilfe geschützt? Wie viel braucht ein Mensch, bis aus einem Schlafplatz wieder ein Zuhause werden kann?

Der Film hat Obdachlosigkeit in Bayreuth nicht beendet. Er ersetzt keine Sozialarbeit, baut keine Wohnungen und nimmt niemandem die Scham.

Aber er hat etwas getan, das selten genug passiert: Er hat Menschen nähergebracht, die sonst nur am Rand wahrgenommen werden. Er hat Namen, Gesichter und Stimmen gezeigt. Er hat dafür gesorgt, dass Menschen anrufen, spenden, fragen, zuhören – und Wohnungen anbieten.

Die Probleme sind nicht verschwunden. Aber die Distanz ist kleiner geworden.