Die Nachfrage nach Suchtberatung wächst. "Auch bei uns”, sagt Thomas Reichert vom Blaukreuz-Zentrum in Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen. Eigentlich soll jeder, der hier anruft, spätestens in der Folgewoche einen Termin erhalten. Doch wegen des großen Bedarfs klappe das oft nicht mehr, sagt der Suchttherapeut.
Damit trifft er den Nerv des bundesweiten "Aktionstages Suchtberatung" am 13. November unter dem Motto "Sucht betrifft uns alle - Hilfe auch!". "Fast zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einer Abhängigkeitserkrankung, quer durch alle Altersgruppen und Schichten", teilt die Deutsche Hauptstelle Sucht (DHS) zum Aktionstag mit und macht so darauf aufmerksam, dass Sucht eine alles andere als seltene Erkrankung ist.
Finanzielle Not: Beratungsstellen kämpfen ums Überleben
Das Problem für die Träger ist, dass das große Sparen begonnen hat. Und das bekommen vor allem die Suchtberatungsstellen zu spüren. Nicht wenige sind bereits akut von Schließung bedroht. Darauf macht aktuell eine Online-Petition der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) in Unterfranken aufmerksam.
Die Unterzeichner fordern einen gesetzlich verbürgten Anspruch auf Suchtberatung - und genügend Geld zur sicheren Finanzierung der örtlichen Beratungsstellen.
Sucht als gesellschaftliches Problem: "Betroffen sind wir alle"
Wie wichtig das ist, erläutert Karin Schramm vom Verein "Plan B - Alternativen schaffen für Menschen mit psychischer Erkrankung" aus Schweinfurt, die sich im PSAG-Vorstand engagiert. Auch wenn es in ihrem Verein hauptsächlich um die Bedürfnisse von Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung geht, spiele Sucht im Arbeitsalltag von "Plan B" eine große Rolle.
"Etwa zwei Drittel unserer Klientinnen und Klienten sind neben ihrer Persönlichkeitsstörung von Sucht betroffen", sagt die Sozialpädagogin.
Therapie braucht Zeit – und verlässliche Unterstützung
Suchtberatung, die zum Erfolg führen soll, braucht Zeit. Konsumenten von legalem oder illegalem Rauschgift müssen meist viele Schritte tun, um der Abhängigkeit zu entrinnen. Das dauert.
Thomas Reichert berät beim Blaukreuz-Zentrum in Bad Salzuflen bereits seit einem Jahr einen jungen Mann, der von seinem Sportverein zur Suchtberatung geschickt wurde. In den Beratungsgesprächen werden Trinkpläne ausgetüftelt. Beim nächsten Treffen erzählt der junge Mann, wie er damit klarkam. Was geklappt hat. Und was nicht. Jährlich werden hier 400 Männer und Frauen beraten.
Corona, Krisen und Kontrollverlust: Warum die Zahlen steigen
Dass die Nachfrage nach professioneller Hilfe "aktuell sehr hoch" ist, führt Reichert auf die Krisen der vergangenen Jahre zurück. Sein Team berät Menschen, die während des Corona-Lockdowns begannen, bei der Arbeit im Homeoffice zu trinken.
Als Corona vorüber war, fanden sie nicht mehr in alte Muster zurück. Aber auch die verschlechterte Arbeitsmarktsituation könne ein Faktor sein, sagt Reichert.
Forderung nach Reform: Beratung gesetzlich absichern
Sich wieder ein suchtfreies Verhalten anzutrainieren, sei schwer, erzählt Johannes (Name geändert) aus Unterfranken. Als Azubi trank der heute 26-Jährige lediglich am Wochenende. Nach dem Tod seines Vaters 2020 rutschte er in den Alkoholismus. 2024 merkte er, dass der Alltag ohne Alkohol nicht mehr zu bewältigen war. Durch die Begleitung von Suchtberaterin Petra Müller von der Würzburger Caritas erkannte Johannes, dass er sein Verhalten ändern kann:
"Frau Müller war die erste Person, die mich verstanden hat, und sie hat es geschafft, mich zu knacken."
Rita Hansjürgens, Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, sieht die bestehenden Beratungsstrukturen finanziell bedroht. Und sie betont:
"Suchtberatungen sparen dem Sozial- und Gesundheitssektor hohe Folgekosten."
Aus diesem Grund hält auch sie eine gesetzliche Verankerung eines Anspruchs auf Beratung für notwendig.
Gesellschaftlicher Nutzen: Prävention spart Millionen
Christina Rummel, Geschäftsführerin der DHS, unterstreicht das. Beim "Aktionstag Suchtberatung" soll nach ihren Worten dafür sensibilisiert werden, wie wertvoll Suchtberatung für die gesamte Gesellschaft ist: Dreiviertel der rund 1.400 Suchtberatungsstellen in Deutschland hätten der DHS im vergangenen Jahr berichtet, dass ihre Finanzierung nicht kostendeckend war. Inzwischen gebe es auch Berichte über Schließungen.