"Von Biologie zu evangelischer Theologie? Das ist ja eine 180-Grad-Wende!"

So oder ähnlich klingen ein Großteil der Reaktionen, wenn ich vom Wechsel meines Studiengangs erzähle. Was sich für mich nie wie eine drastische Wende angefühlt hat, stößt in Gesprächen immer wieder auf Verwunderung.

Religion und Naturwissenschaft im Kontrast?

Religion und Naturwissenschaft scheinen heute für viele Menschen einen eindeutigen Kontrast darzustellen: auf der einen Seite das Unsichtbare und Unbeweisbare, auf der anderen methodisch nachweisbare Fakten – zwei Sphären, die sich gegenseitig ausschließen.

Dabei galten ausgerechnet Klöster vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein nicht nur als Orte der Spiritualität, sondern auch als Zentren der wissenschaftlichen Forschung. Bedeutende Naturwissenschaftler, die viele Grundsteine für unsere heutigen Kenntnisse legten, waren zugleich Geistliche.

So entwickelte beispielsweise der Benediktinermönch Ányos Jedlik im 19. Jahrhundert den ersten Prototyp eines Elektromotors und Gregor Mendel, den man aus der Biologie als Vater der Genetik kennt, war geweihter Priester und Augustinermönch.  

Die richtigen Fragen stellen

Wieso scheinen diese zwei Sphären heute vielen absolut unvereinbar? Muss man sich in einer aufgeklärten, modernen Welt zwischen Religion und Naturwissenschaft entscheiden?

Naturwissenschaften bieten das Handwerk, um unsere Welt zu verstehen, zu beschreiben und zu gestalten. Sie liefern Antworten auf das "Wie". Wie ist unsere Sonne entstanden?  Wie funktionieren die Gezeiten? Und wie arbeiten die menschlichen Organe zusammen, um uns am Leben zu halten?

Doch was am Ende unbeantwortet bleibt, ist die Frage des "Wieso". Die große Sinnfrage "Wieso sind wir am Leben?" kann weder durch Biologie noch durch Physik beantwortet werden. Sie ist Gegenstand der Theologie, die als Geisteswissenschaft da einsteigt, wo andere Disziplinen aufhören zu fragen.

Theologie als Geisteswissenschaft

Damit stellt sie jedoch keinen Gegensatz zu den Wissenschaften dar, die versuchen die Welt, in der wir leben, zu systematisieren und verstehen. Vielmehr gehen diese Disziplinen Hand in Hand.

So wie Naturwissenschaften neue Erkenntnisse und Innovationen zum Produkt haben, zielen die Geisteswissenschaften (engl. humanities), die sich mit der Erfahrung des Menschseins in dieser Welt auseinandersetzen, unter anderem auf die Einnahme neuer Perspektiven. Sie reflektieren bestehende Werte und prägen damit das Ethos, die Moralvorstellung, unserer Gesellschaft.

Diese Moralvorstellung bildet die Grundlage jeder naturwissenschaftlichen Forschung. Das Interesse am Schutz menschlichen Lebens, treibt Forschungsfragen zur Krebstherapie an und die Wertschätzung der Natur und Umwelt, leitet das Interesse die Biodiversität unserer Lebensräume zu erforschen.

Die einzigartige Perspektive der Theologie

Die Theologie hat innerhalb der humanities ein Alleinstellungsmerkmal. Als begriffsmäßige Lehre von Gott reflektiert sie die Fragen des Menschseins immer unter dem Blick des Menschseins im Angesicht Gottes. Die Auseinandersetzung mit großen Sinnfragen geschieht nicht selbstzweckhaft, sondern die Suche nach Antworten ist gleichzeitig ein Beziehungsgeschehen zwischen dem Menschen und Gott.

Damit verfügt Theologie auch über die Fähigkeit, Perspektiven anzubieten, wie wir mit den neuen Erkenntnissen und Fortschritten der naturwissenschaftlichen Forschung umzugehen haben. Sie hinterfragt welche Methoden der Wissensgewinnung vertretbar sind und reflektiert Gefahren neuer Innovationen im Hintergrund der Verantwortung, nicht nur vor uns selbst und unseren Mitmenschen, sondern vor Gott.

Gleichzeitig formuliert die Theologie in Anbetracht jedes wissenschaftlichen Scheiterns oder jeder noch so erschütternden Erkenntnis eine Erlaubnis – ja sogar eine Pflicht – zur Hoffnung. Sie entspringt dem Wissen, dass menschliche Fehlbarkeit nicht das letzte Wort hat.

Eine 180 Grad-Wende?

Naturwissenschaft und Theologie sind keine Gegensätze. Man muss keine 180 Grad-Wendung eingehen, um sich zwischen den Disziplinen zu bewegen. Sie beschreiben nicht zwei separate Wirklichkeiten. Es gibt nicht eine naturwissenschaftliche Wirklichkeit und eine religiöse Wirklichkeit. Vielmehr stellen Naturwissenschaft und Theologie zwei sich ergänzende Ansätze dar, um ein und dieselbe Welt und das Sein in ihr begreifbar zu machen.