Deutschlandfahnen hängen wieder aus den Fenstern, flattern am Autospiegel, kleben auf rot glühenden Wangen und zieren überteuerte Trikots. Im Supermarkt trägt mittlerweile sogar der Grillanzünder Nationalfarben.

Die Fußball-Weltmeisterschaft (WM) ist zurück – und mit ihr die drei Farben, die in Deutschland sonst einen schweren Stand haben. Nationalstolz, Patriotismus, Vaterland: Begriffe, die hierzulande zu Recht aus historsichen Gründen mit Vorsicht behandelt werden und schnell ins rechte Spektrum gerückt werden.

Während einer Weltmeisterschaft jedoch gelten andere Regeln. Für ein paar Wochen darf man Flagge zeigen und sich freuen, mitfiebern und jubeln. Man darf stolz sein, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Nur: worauf eigentlich?

Nationalität oder Nation? Was hinter zwei verwechselten Begriffen steckt

Auf elf Spieler, die Deutschland auf dem Trikot tragen – und längst nicht alle so aussehen, wie manche sich "deutsch" vorstellen. Auf eine Mannschaft, die vorlebt, dass Nation keine Frage der Herkunft ist, sondern der Entscheidung: für dieses Land zu spielen, dieses Land zu vertreten und sich mit ihm zu identifizieren. Bei der WM geht es nicht um den deutschen Staat, der einem Zugehörigkeit bescheinigt – oder verweigert. Sondern um die "Gemeinschaft" der man sich zugehörig fühlt – was beides sein kann, aber nicht sein muss.

Die Weltmeisterschaft erinnert an einen Unterschied, der im politischen Alltag häufig verloren geht: den zwischen Nationalität und Nation.

Nationalität ist ein Verwaltungsakt, die amtlich bescheinigte Staatsangehörigkeit, die mich als offiziell "deutsch" klassifiziert oder als nicht-deutsch. Eine staatliche Entscheidung, die man nicht beantragt hat – und die manche ihr Leben lang vergeblich beantragen.

Nation hingegen beschreibt eher etwas weniger Greifbares und zugleich viel Wirkmächtigeres: Ein Gefühl von Zugehörigkeit. Sie entsteht dort, wo Menschen sich als Teil eines Gemeinschaft begreifen. Durch Sprache, gemeinsame Erfahrungen, geteilte Erinnerungen. Und manchmal auch schlicht durch denselben Ort zur selben Zeit. Wo man das Gefühl hat: Hier gehöre ich hin.

Kaum ein Ereignis macht das so sichtbar wie eine Fußballweltmeisterschaft.

Kein Einbürgerungsbescheid leistet, was eine Fanmeile in Sekunden schafft

Wer nach Feierabend  beim Public-Viewing dicht gedrängt zwischen hundert anderen begeisterten Fußballfans gebannt auf die Leinwand schaut und sekudnenspäter wildfremden Menschen in die Arme fällt, erlebt etwas, das sich politisch kaum herstellen lässt: das Gefühl, dazuzugehören. Derselbe Ort. Dieselben 90 Minuten. Dieselbe Begeisterung. Kein Einbürgerungsbescheid der Welt erzeugt dieses Gefühl. Ein solcher gemeinsamer Moment kann es innerhalb weniger Sekunden.

Um 22 Uhr hätte man auch schlafen können – vernünftigerweise sogar sollen. Stattdessen sitzt man mit Freunden vor dem Fernseher, steht auf einer Fanmeile oder quetscht sich in eine überfüllte Kneipe. Man nimmt sogar den Autokorso gelassen hin, der einen an jedem anderen Abend zuverlässig zur Weißglut treiben würde. Er dröhnt genau so laut wie immer. Aber die Begeisterung ist dieses Mal einfach ansteckend.

Die WM macht diese Zugehörigkeit sichtbar. Denn für viele Menschen ist Zugehörigkeit eben nicht allein eine Frage des Gefühls, sondern auch eine des Aufenthaltsstatus. 

Anwesenheit reicht nicht mehr – wenn Zugehörigkeit zum Rechtsproblem wird

Eine Gründerin einer Menschenrechtsorganisation, die sich seit Jahren mit Staatenlosigkeit beschäftigt und selbst leidenschaftlicher Fußballfan ist, beschreibt trotz Fußball-Bubble eine Veränderung. Früher hätten sich Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit selbstverständlich unter die Fans gemischt. Heute geschehe das oft mit einem Vorbehalt. Mit der Frage, ob sie tatsächlich erwünscht sind. Dahinter verbirgt sich keine Paranoia. Wenn laut "infratest dimap" mittlerweile rund ein Viertel der Wähler:innen die AfD wählen würden, die ihre politische Mobilisierung wesentlich auf Abgrenzung von Zugewanderten stützt.

Hinzu kommt: Rassistische Einstellungen reichen weit über Parteigrenzen hinaus. Der aktuelle "Rassismusmonitor" zeigt, dass zwei Drittel der Befragten manche Kulturen für "fortschrittlicher" halten als andere. Und fast die Hälfte glaubt, bestimmte ethnische Gruppen seien von Natur aus fleißiger als andere. Wer solche Einstellungen kennt, stellt sich oft nicht mehr die Frage, ob er dazugehört. Sondern ob die anderen das genauso sehen.

Gemeint sind Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben. Die teilweise hier geboren wurden, arbeiten, Steuern zahlen und ihre Kinder großziehen. Menschen, keinen Pass haben, mit dem sie reisen könnten, die nicht wählen dürfen und ohne die Selbstverständlichkeit rechtlicher Zugehörigkeit in Deutschland leben. Menschen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben – außer dann, wenn Behörden auf sie aufmerksam werden.

Wer solche Einstellungen kennt, weiß, dass Zugehörigkeit keine Frage ist, die man allein beantwortet.

Auch der deutsche Pass schützt nicht vor dem Blick, der einen zum Fremden macht

Allerdings schützt selbst die formale Zugehörigkeit nicht immer vor Ausgrenzung. Wer beim Public Viewing ein Kopftuch trägt, eine andere Hautfarbe hat oder nicht in das Bild passt, das manche von "deutsch" haben, kennt diese Momente: Man wird auf Englisch angesprochen, obwohl man akzentfrei Deutsch spricht. Die Frage nach dem "eigentlichen" Herkunftsort kommt schneller als die nach dem Spielstand. Zugehörigkeit wird dann plötzlich wieder zur Verhandlungssache.

Wenn Gemeinschaft tatsächlich geteilter Raum sein soll – geteilter Ort, geteilte Zeit, geteilte Begeisterung –, dann ist die entscheidende Frage nicht, wer welchen Pass hat oder wie jemand aussieht. Beides sagt ohnehin nichts über Zugehörigkeit aus. Die entscheidende Frage ist eine andere: Wer erlaubt sich, andere aus der Gemeinschaft herauszudefinieren. 

Beim Torjubel passiert das zum Glück eher selten. Für einige Wochen überlagert die gemeinsame Begeisterung die üblichen Grenzziehungen. Doch dieser Ausnahmezustand ist endlich. Die Frage, wer dazugehört, bleibt. Die WM erinnert uns aber daran, wie wenig Herkunft darüber aussagt, wer Teil eines Landes ist.