Am 8. März ist in Bayern Kommunalwahl. Wir sprechen mit Kommunalpolitiker:innen aus Bayern, die mindestens eine Sache gemeinsam haben: Sie fühlen sich dem christlichen Glauben verbunden. 

Heute lest ihr das Gespräch mit Barbara Becker (CSU), Landtagsabgeordnete, aktiv im Kreistag und Synodale der evangelischen Landeskirche.

"In der Synode beten und singen wir etwas mehr – aber die Grundmechanismen sind vergleichbar"

Was verbinden Sie in Ihrem persönlichen Alltag – politisches Engagement und Engagement in der Kirche?

Barbara Becker: Das ergibt sich für mich ganz selbstverständlich. Ich bin Mitglied der Landessynode, im Kreistag und im Landtag – also gewissermaßen auf drei Ebenen unterwegs. Und ich sehe da viele Parallelen.

Alles, was ich für die Politik gelernt habe, habe ich ursprünglich in meinem kirchlichen Jugendverband gelernt. Ich war Vorsitzende der Evangelischen Landjugend – dort lernt man moderieren, Ziele formulieren, Strategien entwickeln, Sitzungen leiten, verhandeln und Kompromisse schließen. Das kann ich heute hervorragend brauchen.

Auch strukturell gibt es Überschneidungen: Die Synode ist ein Parlament. Es gibt Ausschüsse, Fraktionen und intensive Diskussionen über die richtigen Entscheidungen für die Zukunft. In der Synode beten und singen wir etwas mehr – aber die Grundmechanismen sind vergleichbar.

Beten Sie auch im Landtag – etwa vor wichtigen Abstimmungen?

Ja, ich persönlich tue das. Und ich weiß von Kolleginnen und Kollegen, die das ebenfalls machen.

Ich bin außerdem kirchenpolitische Sprecherin der CSU-Fraktion – eine Aufgabe, die ich sehr gerne ausübe. Ich halte engen Kontakt zu kirchlichen Verbänden und zur evangelischen Landeskirche. Was viele nicht wissen: Es gibt im Landtag relativ viele Gottesdienste, immer ökumenisch. Die CSU feiert zudem Gottesdienste bei Klausuren und bei der Weihnachtsfeier. Außerdem gibt es einen interfraktionellen parlamentarischen Gebetskreis – das ist ein internationales Format, das es in vielen Parlamenten weltweit gibt. Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen kommen zusammen, feiern eine Andacht, hören einen Impuls – und alles bleibt streng vertraulich. Das schätze ich sehr. Es verbindet auch über Parteigrenzen hinweg.

Die Landeskirche wirbt mit der Kampagne "Unser starkes Kreuz für Demokratie". Was fällt Ihnen dazu ein?

Mein erster Impuls war: Wie cool – auch dieses Wortspiel. Und ich finde es gut, dass sich Kirche einmischt, ohne parteiisch zu sein. Ich fühle mich als kommunalpolitisch engagierter Mensch dadurch bestärkt. Die Botschaft lautet für mich: Solange ihr euch demokratisch engagiert, stärken wir euch den Rücken.

Wichtig ist mir allerdings, dass Kirche bei ihrem Auftrag bleibt. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen Seelsorge und einer Kampagne, würde ich Seelsorge wählen. Zwischen Mission und Kampagne – Mission. Zwischen diakonischem Handeln und Kampagne – das diakonische Handeln. Aber solange das gewährleistet ist, finde ich die Kampagne gelungen.

"Alles, was schneller ist als Demokratie, ist Diktatur"

Warum würden Sie anderen raten, sich ebenfalls zu engagieren?

Weil es etwas zutiefst Gestaltendes ist. Politik heißt nichts anderes, als unser Zusammenleben zu regeln. Dass eine Straße gekehrt wird, ist Politik. Dass es eine Ortsumgehung gibt – oder eben nicht –, ist Politik. Man kann mitgestalten.

Wer sich engagiert, fühlt sich nicht als Objekt von Entscheidungen, sondern als Teil davon. Man versteht Zusammenhänge besser. Manchmal geht etwas schnell, manchmal dauert es lange. Aber alles, was schneller ist als Demokratie, ist Diktatur – das ist der Preis der Freiheit.

Und man begegnet Menschen, mit denen man sonst nie zu tun hätte. Das erweitert den eigenen Blick ungemein.

Gilt das auch für das Engagement in der Kirche?

Auf jeden Fall. In der kirchlichen Jugendarbeit – und jetzt wieder in der Synode – treffe ich Menschen, die ganz anders glauben oder sprechen als ich. Das ist manchmal anstrengend, aber immer bereichernd.

Politiker:innen erleben zunehmend Anfeindungen. Wie gehen Sie damit um – und hilft Ihnen der Glaube?

Ich habe bislang Glück gehabt. In meinem Stimmkreis ist der Umgang sehr respektvoll. Außerdem hilft mir meine Ausbildung als Organisationsentwicklerin und systemischer Coach. Wenn jemand sehr aggressiv kritisiert, versuche ich herauszufinden: Welche Idee steckt dahinter? Oft relativiert sich vieles, wenn man ins Gespräch kommt.

Bürgermeisterinnen und Bürgermeister erleben Anfeindungen deutlich häufiger. Da würde ich mir besseren Schutz wünschen.

Was könnte die Kirche dazu beitragen?

Ich habe oft Fürbitten gehört, in denen für kluge Entscheidungen und Menschenliebe gebetet wird. Das ist gut. Aber warum nicht auch dafür beten, dass diese Menschen geschützt werden – und dass wir gut mit ihnen umgehen? Sie treffen nicht immer Entscheidungen, die uns gefallen. Aber wir sollten respektvoll mit ihnen umgehen. Das wäre kein parteipolitisches Signal, sondern ein Bekenntnis zu den Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Gab es Momente, in denen Ihnen nichts blieb außer zu beten?

Ja, besonders in der Coronazeit. Ich war im Gesundheitsausschuss. Wir haben auf Basis der damaligen Erkenntnisse entschieden. Heute würde ich manches anders machen. Es war eine sehr belastende Zeit – da habe ich viel gebetet. Am Ende muss man dennoch entscheiden und handeln.

Und es gibt Podiumsdiskussionen, bei denen ich weiß: Hier kann ich eigentlich nicht gewinnen. Wenn das Publikum Politik oder meine Partei grundsätzlich ablehnt, ist das keine einfache Situation. Trotzdem gehe ich hin. Dann bete ich um Gelassenheit und Menschenliebe. Und am Ende bin ich immer froh, dass ich gegangen bin.

"Meist findet man schnell jemanden, der sagt: Komm, mach mit"

Welchen Rat geben Sie Menschen, die sich engagieren möchten, aber noch zögern?

Einfach reinschnuppern. Sprechen Sie mit jemandem, der bereits ein Amt hat – einer Bürgermeisterin, einem Landtagsabgeordneten oder einem Ortsvorsitzenden. Parteien haben einen verfassungsmäßigen Auftrag, zur politischen Willensbildung beizutragen – über sie läuft Demokratie nun einmal.

Vereinbaren Sie drei Schnuppertermine. Suchen Sie sich einen Mentor oder eine Mentorin, die erklärt, was da gerade passiert. Vieles ist erklärungsbedürftig, weil Demokratie viele Regeln hat.

Und verabschieden Sie sich von der Vorstellung, Kommunalpolitik sei ein Hinterzimmer voller Intrigen. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Einfach anfangen – und offen bleiben. Meist findet man schnell jemanden, der sagt: Komm, mach mit.