27.07.2019
Lernort in Oberfranken

Dauerausstellung: Synagoge Ermreuth macht jüdisches Dorfleben wieder lebendig

Ein Lernort ist sie schon lange, die Synagoge in Ermreuth bei Gräfenberg. Mit der neu gestalteten Dauerausstellung im dazugehörigen Museum, die am 28. Juli zum 25. Jubiläum der Wiederweihe eröffnet wird, soll dieser Ort aber für Schüler und interessierte erwachsene Besucher aufgewertet werden. Und Leiterin Rajaa Nadler setzt dabei nicht nur auf neue Exponate, sondern auch auf moderne Technik.
Rajaa Nadler
Rajaa Nadler, Kuratorin des Museums in der Synagoge in Ermreuth, vor dem neuen Tresen.

Das kleine Dorf im oberen Schwabachtal liegt nicht unbedingt an einer touristischen Hauptverkehrsschlagader. Das weiß auch Rajaa Nadler, die für den Zweckverband der Synagoge Ermreuth seit 1994 das von der Marktgemeinde Neunkirchen am Brand restaurierte Gotteshaus und das Museum betreut.

Dabei ist der Lernort Synagoge Ermreuth auch einer zum Erleben: Der zweistöckige Sakralbau mit Thoraschrein, Bima mit Vorlesepult, Sitzbänken für 94 Männer und einer an drei Seiten umlaufenden Frauenempore wird nach wie vor für Gottesdienste genutzt. Diese werden in der Ermreuther Synagoge aber nicht mehr so häufig gefeiert. Ein fester Tag im Kalender, zu dem dann aus vorwiegend Mittel- und Oberfranken Juden nach Ermreuth reisen, ist natürlich der 9. November, Tag der Reichspogromnacht 1938. Damals fiel auch die 1822 eingeweihte Synagoge den Nazis zum Opfer.

Ein gutes Dutzend jüdischer Bürger lebte zu dieser Zeit noch in dem Dorf, in dem einmal über 40 Häuser verstreut über das Gemarkungsgebiet standen, die von jüdischen Familien bewohnt waren.

Der Museumsteil hebt sich auf der Empore auch räumlich vom Gebetsraum ab. "Wir erzählen hier die Geschichte der Landjuden, insbesondere derer vor Ort, erklären aber auch vor Ort, wie jüdischer Glaube gelebt wurde und was er eigentlich beinhaltet", sagt Nadler, die unter anderem Islamwissenschaften und aramäische Sprachen studiert hat und daher breite Kenntnisse der Religionen mitbringt.

Eine Karte zeigt in der neu gestalteten Ausstellung nun, wo diese gelegen waren. Die Vertreibungsgeschichte dreier Familien wird minutiös nacherzählt. An originalen Werkzeugen jüdischer Schuster oder Metzger, die beispielsweise für das Schächten von Tieren zur Gewinnung koscheren Fleisches verwendet wurden, leben fast in Vergessenheit geratene Berufe wieder auf.

Raum für Gottesdienst und Ausstellung

"Die Ausstellung muss sich in den historischen Rahmen einfügen, der respektvolle Umgang mit den Exponaten gewährleistet sein", erklärt der Nürnberger Architekt Christian Koch, der zusammen mit seinem Kollegen Alexander Kubatzky für die Umsetzung verantwortlich zeichnet. Dass der Raum für den Gottesdienst und der Platz für die Schau auch räumlich gut getrennt seien, haben dieses Vorhaben erleichtert.

Im Lauf der vergangenen Jahre wurden immer wieder Interviews mit Zeitzeugen der letzten Jahre des jüdischen Lebens in Ermreuth geführt und auch gefilmt. Da nun mit der neuen Dauerausstellung auch das digitale Zeitalter Einzug in die Synagoge hält, kommt per Bildschirm unter anderem Hans Häfner, ehemals in Ermreuth lebender Korbmacher, zu Wort, der seine Erinnerungen an die Kristallnacht schildert. Oder Inge Schmidt, deren jüdische Mutter Ida Goldner noch vor dem Zweiten Weltkrieg einen Christen geheiratet hatte, was wiederum in den Reihen ihrer Gemeinde zu Unmut führte.

Dachbodenfunde und Schenkungen

Von vielen Juden aus Ermreuth sind Briefe und Fotos erhalten, die nun in den neuen Vitrinen zur Schau gestellt werden. Einige der Exponate, die ab sofort zu sehen sind, wurden auf dem Dachboden gefunden, andere hat das Museum als Geschenk erhalten. Wie ein über 100 Jahre altes Gebetsbuch, das ein anonymes Ehepaar auf der Durchreise zur guten Aufbewahrung der Kuratorin in die Hände gedrückt hat. Oder ein Exemplar des antisemitischen, von Julius Streicher herausgegebenen Kinderbuchs "Der Giftpilz". Aus dem Staatsarchiv Nürnberg wurden originale Pässe ehemaliger jüdischer Ermreuther beigesteuert.

Die Neukonzeption ist noch nicht am Ende. In Zusammenarbeit mit der Landesstelle für nichtstaatliche Museen, die das Projekt mitfinanziert und begleitet hatte, und dem Bayerischen Rundfunk entstanden zudem Aufnahmen für Audioguides mit Schülern des Emmy-Noether-Gymnasiums in Erlangen. Diese werden dann ab dem nächsten Jahr das Museum bereichern. "Dann unterhalten sich zwei Objekte einer Vitrine miteinander und erzählen dabei von sich", macht Nadler neugierig.

Öffnungszeiten

Von April bis Oktober jeweils am dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Mehr Informationen unter wwww.synagoge-museum-ermreuth.de.

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