"Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, muss man lernen, loszulassen!"

Seit ich nicht mehr selber zur Schule gehe, bin ich empfindlich, wenn es darum geht, was ich "lernen muss". Woher will denn jemand anders wissen, was ich lernen muss? Und noch dazu, wenn es um meine Kinder geht. Wobei ich das ja eigentlich mit dem ersten positiven Schwangerschaftstest wirklich gelernt habe: Dass zu Kindern jede*r eine Meinung hat. Und weiß, wie es läuft. Dass ein Schnuller eine gute oder eben keine gute Idee ist, wann alles endlich leichter wird – und dass es in der Pubertät auf jeden Fall wieder schwierig wird. Und man deshalb eben lernen muss, loszulassen.

Um das gleich vorwegzunehmen: Das überzeugt mich nicht. Loslassen, wenn es schwierig wird? Das scheint mir wie ein Reflex zu sein, wie bei einer zu heißen Herdplatte, an der ich mich verbrennen könnte. Schnell kühlen, die Finger, die Gefühle. Loslassen, einen Schritt zurück gehen. Hinein in die anscheinend verbreitete halbironische Distanz, die Eltern zu ihren Teenagern einnehmen: Jaja, wenn man sie zwischendurch mal sieht, kann man ja froh sein und dass man schon wieder das Geschirr aus dem Zimmer holen musste und dass sie ruhig öfter duschen könnten und so weiter. 

Was man so lernen muss

Und klar, ich rutsche selber in diese Sätze und Gedanken, aber ich mag sie nicht. Ich will mein Kind jetzt nicht loslassen – wo ich es doch gar nie wirklich festhalten konnte. Nach der Geburt hat es nur ein paar Minuten gedauert, bis mir klar war,  dass dieser kleine Mensch kein Teil mehr von mir ist.

Du schreist und weinst und ich kann es nicht immer verhindern. Wenn es um Dich geht, liegt mein  Herz roh und ungeschützt vor mir, ja vielleicht ist ein Teil davon sogar in Dir. Fühlt mit Dir, fragt mit Dir.

Ich glaube, es ging nie um das Loslassen – das Festhalten musste ich mit Dir lernen: Dich im Arm zu halten, obwohl ich mich selbst manchmal kaum aushalten konnte. Dich festhalten am Fahrradsattel, wenn Du schneller und schneller geworden bist. Dich nicht anlügen: Ich halte Dich – und eigentlich hab ich schon längst losgelassen. Wie hält man jemanden fest, ohne sich dabei heimlich selber festzuhalten? Wenn unsere Kinder größer werden, unaufhaltbar selbstständiger, dann merken wir, ob wir wirklich sie gehalten haben – oder eigentlich immer uns selbst.

Festhalten heißt: nicht sich selbst meinen

Denn dann kann ich es plötzlich sehen: Dass Du längst gelernt hast, Dich selber festzuhalten. Dass Du hart daran gearbeitet hast, rauszufinden, was Dich trägt. Dass Du tausendmal und einmal mehr losgelassen hast: Lieblingsfarben, Freundinnen, das T-Shirt mit der Acht drauf.

Loslassen und Festhalten lernt man nicht einmal und für immer – sondern immer wieder neu. Mit jeder Liebe, mit jeder Sehnsucht, mit jeder Überzeugung, die mit dem Kopf durch die Wand will, mit jeder genialen Idee und immer wieder mit dem Leben, das sich krachend zwischen uns wirft: Mit Umzügen und Abschieden, Glücksfällen und Unfällen.

Aber dann singt Nina Chuba: "Ich stolper durch die große weite Welt, ich bin so unsicher. Ich bin noch nicht so gut dadrin, ich leb grade zum ersten Mal."

Wie wahr das ist – und wie unsicher wir Erwachsenen werden, wenn unsere eigenen Sicherheiten auf einmal nicht mehr ausreichen. Weil uns doch selber alle Antworten fehlen, zumindest die guten. Wer könnte es uns verdenken, dass wir hoffen, dass zumindest andere gute Antworten geben und unsere Kinder, die keine Kinder mehr sind, dann auch die richtigen Leute fragen?

Und dann kommt da, mit 13, 14 Jahren die Kirche um die Ecke. Mit der Konfirmation oder der Firmung. Und damit doch eigentlich mit der perfekten Gelegenheit, dieser Sehnsucht nach Sicherheit einen Raum zu geben. Ein bisschen wie bei der Taufe: Diese große Hoffnung, dass sich die Taufe wie ein Schutzmantel um unser Kind legt und es bewahrt und behütet vor allem Bösen.

Und Konfirmation heißt ja auch "Bestärken, bekräftigen", ein eigenes Ja zum Glauben nach der Taufe. Und sicher gibt es auch Konfis, die das so sehen und fühlen. Und für die anderen? Für die ist anderes grade alles andere ein viel größerer Halt: die Übernachtungsparty, Freundinnen, der Tanzwettbewerb, die Demo für den Klimaschutz, Youtube. Und während die Eltern sich noch fragen, was dem Kind Sicherheit gibt, haben unsere Kinder ihren Halt schon längst gefunden. Wie sie es immer getan haben: Festhalten, Loslassen, neuen Halt finden. Womöglich war sogar die Konfizeit ein Halt, die Freizeiten mit Lagerfeuer und Nachtwanderung oder das erste Mal beim Abendmahl mit im Kreis stehen. Aber vielleicht war die Kirche auch nur ein Festhalte-Ort unter vielen, für ein knappes Jahr eine gute Zeit. Wäre das so schlimm?

Sicherheit, die nicht gut tut

Ich glaube, schlimmer als keine große oben-drüber-unten-drunter Sicherheit zu finden, ist es, eine Sicherheit in etwas zu finden, das uns nicht gut tut. In einer Weltanschauung, die auf Ausgrenzung fußt, in einer Sucht, in einer Beziehung, die kleinhält. Dann wird der Halt, den wir in alltäglichen Dingen finden, in Menschen, Hobbys, Leidenschaften, zu einer Sicherheit, die uns vorgaukelt, sie könnte uns tragen, im Leben und im Sterben.

In meiner eigenen Konfi-Zeit erzählte unser Pfarrer uns eine Geschichte über Dietrich Bonhoeffer, von der ich bis heute nicht weiß, ob sie vielleicht nur eine Legende ist. Aber vielleicht eine von denen, die trotzdem "wahr" sind. Weil sie davon erzählt, wann es um diese Sicherheit geht, um das große Ganze:

Von dem Berliner Pfarrer Dietrich Bonhoeffer heißt es, er habe bei einer Konfirmation in den 1930er Jahren all seinen Konfirmand*innen denselben Konfirmationsspruch mitgegeben. Und mit jedem Jugendlichen, der nach vorne an den Altar getreten sei, habe man laut gehört, was diesen jungen Menschen von jetzt an tragen und leiten solle: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln". Klar und eindeutig, entgegen aller Gefahr, die jedem drohte, der den Führer Adolf Hitler von seinem Thron stoßen wollte: Der Herr allein ist mein Hirte. Gott ist der, dem ich mein Leben anvertraue. Ist Heiland, nicht Führer. Ein Bekenntnis zu dem, was Halt gibt, nicht Gehorsam fordert.

Der Herr allein – ein Bekenntnis, kein Versprechen

Jetzt, im Frühjahr 2026 ist vieles anders, aber nicht alles. Wer dieses Jahr konfirmiert wird, kennt die Gefahr und Verführung, Sicherheit und Sinn in radikalen Ansichten zu finden.  Wer dieses Jahr konfirmiert wird, sucht sich seinen selber Bibelvers aus. Bestimmt die Worte, die dem eigenen Glauben am nächsten kommen oder die Zweifel am wenigsten herausfordern. Wer dieses Jahr konfirmiert wird, braucht einen festen Halt in dieser Welt - und streckt die Hand aus nach dem Himmel. Stellt sich unter Gottes Segen, ohne genau erklären zu müssen, was das bedeutet.

In den nächsten Wochen werden Jugendliche konfirmiert, die ganz normale Hobbys haben, die vielleicht danach nie wieder in den Gottesdienst gehen. Jugendliche, deren Eltern sich nichts mehr wünschen, als dass "einfach alles gut ausgeht". Ich wünsch es mir auch für meine Tochter, die dieses Jahr konfirmiert wird. Dass sie loslässt, was ihr nicht gut tut und festhält, was ihr das Herz wärmt.

Wer konfirmiert wird, hält sich an etwas fest, das er niemals ganz ergreifen wird. Legt das Herz ein Stück frei, ungeschützt und roh und offen für Gnade, Vergebung und das ewige Leben. Wer konfirmiert wird, wird gehalten, wenn das Leben schneller und schneller wird und scheinbar kein Mensch hinterher kommt. Und Gott lässt nicht los, wenn ich längst stehengeblieben bin und mein Herz noch klopft vom Hinterherlaufen. 

Gott Vater Sohn und Heiliger Geist schenke Dir seine Gnade, Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, auf dass Du bewahrt wirst zum ewigen Leben. Amen.