Die Jahreslosung 2022 lautet: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen."

Diese Zeilen stehen in der Bibel im Johannesevangelium in Kapitel 6, Vers 37. Die Jahreslosung 2022 ist für die meisten Christen ein Leitvers für das Jahr. Der Text begleitet die Menschen durch das Jahr, er regt zum Nachdenken an und soll auch dazu motivieren, sich mit der biblischen Geschichte zu beschäftigen.

Krankenhausseelsorge

Heidi Kääb ist in der Krankenhausseelsorge in Regensburg tätig. Seit elf Jahren ist sie für die Uniklinik sowie für das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg im Einsatz.

"Ich mache es manchmal so, dass ich Anfang des Jahres in einem Gottesdienst über die Jahreslosung predige. Und ich habe mir selber so einen Fundus von Kärtchen gemacht, wo mal ein Psalm-Vers draufsteht oder einen Vers aus der Bibel oder ein kurzes Gebet aus dem Gebetbuch. Und wenn es passt, lass ich auch mal einen Patienten, so ein Kärtchen da. Oder ich lese einen Spruch vor."

Offene Türen - Die Münchner Insel

"Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen" - Die Jahreslosung 22 illustriert von Stefanie Bahlinger als eine offene Tür, hinter der es gelb scheint.

Norbert Ellinger ist Leiter der Münchner Insel. Die Jahreslosung ist für ihn ein Versprechen:

"Wer auch immer Du bist, hier bist Du willkommen." Die Künstlerin Stefanie Bahlinger stellt es symbolisch dar: eine offene Tür. Sie ragt in die Dunkelheit hinein. Aus dem dahinter liegenden Raum leuchtet es hell und verheißungsvoll. Stärkende Nahrung für Leib und Seele liegt bereit.

Das Symbol der Offenen Tür haben sich die 26 Krisen- und Lebensberatungsstellen der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland gegeben. Diese "Offene-Tür-Stellen" zeichnet seit vielen Jahrzehnten aus, dass Menschen in der Regel sofort und persönlich Beratung in Krisensituationen erhalten, anstatt wochenlang auf einen Termin warten zu müssen.

Auch in Zeiten angeordneter Kontaktbeschränkungen weisen die Offene-Tür-Stellen niemanden ab. Sie stehen Rat, Trost und Hilfe suchenden Menschen persönlich, per Telefon oder Video offen.

Blinden- und Sehbehindertenseelsorge

Gerald Kick ist Landeskirchlicher Beauftragter für Belange sehbehinderter und blinder Menschen. Was für ihn die Jahreslosung für seine Seelsorge bedeutet:

Eine enttäuschte sehbehinderte Frau meldet sich bei mir. Sie war früher in einer Kirchengemeinde aktiv. Seit ihrer fortschreitenden Sehbehinderung fühlt sie sich ausgeschlossen. Niemand bietet ihr HIlfe an, um sie zum Beispiel zum Seniorenkreis abzuholen. Verzweifelt und enttäuscht meldet sie sich bei mir. Es tut ihr gut, dass sie ihr Leid aussprechen kann. Wir besprechen gemeinsam, welche Bibelausgabe ihr das Weiterlesen ermöglicht, welche Angebote der Blinden- und Sehbehindertenseelsorge für sie passen. Sie freut sich auf die gemeinsame Singfreizeit, die wir zusammen mit einer Schwester der Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg organisieren. Im Sinne der Jahreslosung verstehe ich meinen Auftrag folgendermaßen:

Menschen sollen spüren, dass sie eingeladen sind, dass jemand ein offenes Ohr für ihre Anliegen hat und mit ihnen zusammen überlegt, was trotz der Sehbehinderung noch möglich ist.

Darüber hinaus möchte ich ein Gesprächspartner sein, der gemeinsam mit ihnen aushält, wenn das fehlende Augenlicht große Veränderungen im Leben mit sich bringt.

Die Flughafenseelsorge München

Christine Stöhr ist Seelsorgerin am Münchner Flughafen. Sie trifft in ihrer Arbeit viele Menschen, die meistens sprichwörtlich auf der Durchreise sind:

Das Ankunftsschild im Flughafen mit den 3 Königen aus Playmobil

Erst einmal vorneweg:
Meiner Arbeit hier am Flughafen geht eine Grunderfahrung voraus. Die Gewissheit: Ich bin in dieser Welt willkommen. So bin ich groß geworden in meiner Familie und im Glauben. „Wunderbar, dass Du da bist“ und „Du bist nicht allein“ – diese Sätze, ausgesprochen mit Worten oder durch Gesten stellen einen schon mal ganz gut auf für das ganze Leben und er drückt auch eine Haltung aus, mit der man am Flughafen arbeiten kann.
Uns begegnen hier Menschen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen. Die alte Dame, deren Sprache wir nicht herausfinden können. Sie kann den Anschlussflug nicht nehmen, weil der Coronatest zu alt ist. Der alkoholabhängige Mann, der sein Leben nicht mehr im Griff hat. Die verzweifelte Migrantin, deren Hoffnungen sich zerschlagen haben. Der Geschäftsmann, dem der Sinn des Lebens abhanden kam. Der jahrzehntelange Mitarbeiter, der kurz vor dem Renteneintritt steht. Die glückliche Familie, weil sie wieder zusammen ist.
Menschen verschiedenster Nationalitäten, Religionen und Milieus. „Wunderbar, dass sie da sind.“ „Sie sind nicht allein.“ Dafür wollen wir hier einstehen.
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ So kenne ich es von Jesus.

Die Jahreslosung 2022 werden wir uns an die Türen der kirchlichen Dienste am Flughafen München hängen, damit wir sie immer vor Augen haben.

Auch zur Krippe in Bethlehem durften alle kommen. Damals zu Fuß, mit Esel oder Kamel. Heute würden sie gewiss fliegen… :)

Die Militärseelsorge

Gunther Wiendl ist Militärpfarrer in der Wilhelm-Frankl-Kaserne in Neuburg an der Donau.

Die Jahreslosung passt sehr gut zur Militärseelsorge. Soldatinnen und Soldaten, aber auch zivile Beschäftigte der Bundeswehr kommen sehr vertrauensvoll zu ihren Militärgeistlichen mit allen Schwierigkeiten, die das Leben so bietet: Ablösungsprobleme vom Elternhaus, dement werdende Eltern, disziplinarische Vergehen oder als ungerecht empfundene Beurteilungen. Oft werde ich dabei auch mit Situationen konfrontiert, mit denen ich bisher noch keine Erfahrungen gemacht habe. Auch wenn ich erstmal keine Antworten weiß, schicke ich den Kameraden nicht fort. Gemeinsam halten wir die Belastung aus, suchen nach Möglichkeiten. Und ich spüre, das hilft meinem Gegenüber.
Dass wir nicht nach Konfession oder Religion fragen, gehört zu unserem Selbstverständnis, aber gelegentlich rege ich an, die Schwierigkeiten, die offenen Fragen im Gebet vor Gott zu bringen.

So können wir manchmal Türöffner sein und einladen, den Raum der Liebe Gottes zu betreten.
Auch wenn sich nicht immer ein Gebet anbietet, so schöpfe ich Kraft daraus, nach dem Gespräch den Seelsorgesuchenden Gott anzuvertrauen.

Kürzlich habe ich einem Soldaten die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ erzählt, um ihn zu ermutigen, die nächsten Schritte getrost zu gehen. Dabei hat ihn die Szene besonders bewegt, als der Sohn in die offenen Arme des Vaters lief: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Auch wenn die Geschichte schon vor 2000 Jahren erzählt wurde, dem Kameraden hat sie geholfen, so viel Geborgenheit zu spüren, dass er seinen Weg nun mutig gehen kann.