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Seit April arbeitet Christine Stöhr als Flughafenpfarrerin am Franz-Josef-Strauß-Flughafen München. Die 46-Jährige will neue spirituelle Formate finden, den Kontakt zu anderen Religionen suchen und das "Leben am Weg" begleiten.
Flughafenpfarrerin Christine Stöhr
Flughafenpfarrerin Christine Stöhr.

Die S-Bahn locker mit Reisenden bestückt, die Schlangen an den Airline-Schaltern kurz, viele Geschäfte noch geschlossen. Ein ganz normaler Freitagmorgen im Juli wirft ein Schlaglicht darauf, wie es dem Flughafen München in der Corona-Pandemie geht: bergauf, aber vom Normalbetrieb noch weit entfernt. Doch für Christine Stöhr fühlt es sich um Längen besser an, als bei ihrem Dienstantritt im April: "Terminal 1 war geschlossen, nur eine Anzeigentafel in Betrieb - ein bleierner Vorhang lag über allem", erinnert sich die neue Flughafenpfarrerin. Nach der Zäsur der Corona-Pandemie will sich die 46-Jährige nun einklinken in die langsam wieder anlaufende Flughafenmaschinerie. Am 29. Juli wird sie offiziell in ihr Amt eingeführt.

Es ist ein Neustart im doppelten Sinne. Nicht nur der Airport im Erdinger Moos lag ein Jahr lang brach, zugleich war die evangelische Stelle der Kirchlichen Dienste am Flughafen seit August 2020 vakant. Eine Art ungeplante Flurbereinigung war die Folge: Die Sonntagsgottesdienste, zu denen vor Corona meist nicht mal eine Handvoll externer Besucher kamen, greift Christine Stöhr erst gar nicht wieder auf. Lieber möchte sie Andachtsformate entwickeln, die für die Menschen am Flughafen attraktiv sind - einen spirituellen Impuls zum Dienstschluss könnte sie sich vorstellen.

Ökumene ist ihr wichtig

Auch die "Oase", ein von der Flughafen München Gesellschaft (FMG) finanziertes Beratungsangebot für Flughafenangestellte, wurde nicht verlängert. Statt der bisher acht Beraterinnen und Berater ist jetzt plötzlich nur noch Christine Stöhr für Lebenshilfe und Seelsorge zuständig. Die schreckt das nicht: "Ich sehe das auch als Chance, ein Gesprächsangebot zu haben, bei dem der Arbeitgeber nicht mit im Boot ist."

Ganz allein ist Stöhr, die zuletzt 14 Jahre lang erste Pfarrerin an der Landshuter Auferstehungskirche war, am Flughafen natürlich nicht. Neben der Sekretärin gibt es eine Sozialpädagogin, die sich um Menschen im Transitverfahren und um die Sozialarbeit für Obdachlose und andere Bedürftige kümmert. Es gibt die Kolleginnen und Kollegen im Kriseninterventionsteam, das im Notfall aus dem ganzen Umland zusammenkommt - Stöhr war schon in Landshut als Notfallseelsorgerin im Einsatz.

Und es gibt die katholischen Kolleginnen und Kollegen, die für die Betreuung von Reisenden und Asylsuchenden zuständig sind. Man merkt der Pfarrerin an, dass sie gern wieder an die enge ökumenische Zusammenarbeit der Kirchlichen Dienste in den Anfangsjahren des Flughafens anknüpfen würde. "Ich bin es nicht gewöhnt, dass das so getrennt ist", sagt sie.

Austausch mit anderen Seelsorgern

Doch Aktionismus liegt der dreifachen Mutter fern. Stöhr weiß, dass vieles schlicht Zeit braucht. Um ein Gespür für den Flughafen zu bekommen, setzt sie sich manchmal einfach in den Ankunftsbereich von Terminal 2. "Ich schaue mir dann die Passagiere an und überlege, welche Geschichten sie mitbringen und was für wirre Wege hier manchmal beginnen oder enden", sagt sie. Das Leben "am Weg" zu begleiten und vielleicht in dem ein oder anderen existenziellen Moment präsent zu sein - das hat Christine Stöhr an der Flughafenstelle interessiert.

Dabei fliegt die Pfarrerin nicht mal besonders gern. "Mir ist das nicht ganz geheuer", sagt sie mit einem leisen Schauder. Das Treffen der Internationalen Flughafenseelsorge in Nairobi im Oktober, so es denn stattfindet, ist also ein Termin mit extra Nervenkitzel. Die Neugierde wird Christine Stöhr wohl dennoch hintreiben: "Mich interessiert, wie das die anderen machen", sagt sie. Am Flughafen London beispielsweise sei es völlig selbstverständlich, dass das Team nicht nur aus christlichen Seelsorgern bestehe. Mehr Austausch und gemeinsame Formen mit den anderen Religionsgemeinschaften kann sie sich auch für München gut vorstellen.

Flughafenpfarrerin Stöhr: "Hier arbeiten Menschen mit einer Seele"

Zumal sowohl im interreligiösen Raum für Gebet und Stille am Terminal 2 wie auch in der Christophorus-Kapelle im Terminal 1 zahlreiche Einträge in den Gästebüchern bezeugen, wie viele Menschen hier immer wieder innehalten. Da gibt es Bitten und Danksagungen für eine gesunde Rückkehr, aber auch Hilferufe und Segenswünsche zu ganz allgemeinen Lebensthemen. Innerhalb einer Stunde haben sich in der Kapelle an diesem Freitagmorgen zur ersten Kerze in der Sandschale fünf weitere hinzugesellt.

Von wem die sind? Christine Stöhr kann nur Vermutungen anstellen. "Am Flughafen geht es viel um Zahlen, Zeiten, Renditen - aber hier arbeiten Menschen mit einer Seele", sagt sie. Neue Orte und Zeiten für die Seele zu öffnen, das ist ihr Traum. Denn obwohl Kirche derzeit unter Druck sei, spüre sie im Gespräch mit Führungskräften am Flughafen, dass es für viele noch immer selbstverständlich sei, Kirche vor Ort zu haben. "Der Flughafencampus ist wie eine Stadt - die Kirche gehört dazu", bringt es die Pfarrerin auf den Punkt. Nicht nur bei Notfällen fänden es alle gut, dass Seelsorger präsent seien. Einsatzkräfte müssten nach getaner Arbeit wieder weiter. "Aber der Pfarrer", sagt die Flughafenpfarrerin, "der bleibt."

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