Rosenkranz beten, fasten, zur Messe gehen, Sport treiben, Bücher lesen und den eigenen Alltag möglichst diszipliniert gestalten: Auf TikTok und Instagram verbinden junge Menschen all das zunehmend miteinander. Vor allem in den USA ist daraus ein Social-Media-Phänomen entstanden, das unter dem Begriff Catholicmaxxing läuft.
Der Begriff kommt aus der Welt des "Maxxing". Gemeint ist ursprünglich, einen bestimmten Lebensbereich möglichst konsequent zu optimieren. Beim Looksmaxxing geht es um das Aussehen, beim Sleepmaxxing um den Schlaf. Catholicmaxxing überträgt diese Logik auf Religion.
Das kann ziemlich harmlos aussehen: junge Menschen zeigen ihre Morgenroutine, erzählen von ihrem Glauben oder nehmen andere mit in die Messe. In New York treffen sich etwa junge Katholik*innen, die sich über Social Media kennengelernt haben, vor dem Gottesdienst und gehen anschließend gemeinsam in die Kirche. Der schwedische Sender SVT berichtet von wachsenden Besucherzahlen bei diesen Treffen.
Junge Menschen lernen Religion über Soziale Medien kennen
Dass Social Media Menschen tatsächlich wieder mit Religion in Kontakt bringen kann, ist dabei nicht bloß eine schöne Erzählung. Der US-Priester und Podcaster Mike Schmitz berichtet ebenfalls davon, dass junge Männer über Influencer und Social-Media-Inhalte erstmals mit christlichem Glauben in Berührung kommen.
Trotzdem lohnt sich eine genauere Betrachtung dieses Phänomens. Denn katholischer Glaube ist auf Instagram und TikTok nicht nur Inhalt, sondern auch ausgesprochen gutes Bildmaterial: Kirchenräume, Weihrauch, Kerzen, Marienbilder, Rosenkränze, liturgische Gewänder und lateinische Gesänge funktionieren in kurzen Videos und ästhetischen Posts hervorragend. Unter Begriffen wie "Catholic-core" wird diese Bildsprache teilweise sogar unabhängig vom eigenen Glauben zum Lifestyle. Religion bekommt damit eine Ästhetik, die sich gut in die Logik sozialer Medien einfügt.
Das muss nicht bedeuten, dass die Menschen dahinter ihren Glauben nur spielen. Im Gegenteil: Hinter dem Trend kann eine ernsthafte Suche nach Gemeinschaft, Orientierung, Ritualen und Spiritualität stehen. Gerade deshalb wäre es zu einfach, Catholicmaxxing als oberflächlichen TikTok-Hype abzutun.
Sollte man Glauben romantisieren?
Problematisch wird es dort, wo aus dieser Suche eine besonders klare und attraktive Identität werden muss, die sich gut darstellen lässt. Dann entscheidet irgendwann nicht mehr nur der eigene Glaube darüber, was sichtbar wird, sondern auch der Algorithmus.
Auffällig ist, dass der aktuelle Catholicmaxxing-Trend stark von jungen Männern geprägt ist. In den USA verbinden Influencer katholischen Glauben teilweise mit Fitness, Disziplin und traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit. Einzelne Akteure bewegen sich zudem in Online-Milieus, in denen religiöse Inhalte mit konservativen oder rechten Positionen verbunden werden. Das macht Catholicmaxxing nicht automatisch rechts oder reaktionär. Aber es zeigt ein Problem: Wer junge Menschen über Social Media mit Religion erreicht, prägt auch mit, welches Bild von Religion sie dort kennenlernen.
Das kann ein offener, solidarischer und vielfältiger Glaube sein. Es kann aber ebenso ein Glaube sein, der vor allem mit Hierarchie, Geschlechterrollen, Abgrenzung und vermeintlich einfachen Antworten verbunden wird. Oder eine Instrumentalisierung des Glaubens, um die begeisterte Anhängerschaft dann von anderen Positionen zu überzeugen.
Katholik*innen werden trotzdem weniger
Auch die Zahlen sprechen dafür, beim Begriff "Revival" vorsichtig zu sein. Eine aktuelle Untersuchung des Pew Research Center zeigt für die USA, dass unter den 18- bis 24-Jährigen zwar ein Prozent zum Katholizismus gewechselt ist, aber zwölf Prozent ihn verlassen haben. Für die gesamte katholische Bevölkerung kommen auf einen Menschen, der zum Katholizismus wechselt, 8,4 Menschen, die ihn verlassen haben. Der Social-Media-Trend ist also kein Beweis für eine katholisches "Comeback". Er zeigt aber etwas anderes ziemlich deutlich: Es gibt junge Menschen, die online nach Religion suchen.
Und genau deshalb sollte die Antwort der evangelischen Kirche nicht sein, sich aus diesen Netzwerken zurückzuziehen und das Verhalten strikt abzuwerten. Wenn junge Menschen auf TikTok und Instagram nach Spiritualität, Orientierung, Gemeinschaft oder schlicht nach Antworten auf religiöse Fragen suchen, werden sie dort auch etwas finden. Die Frage ist nur, was.
Vielleicht stoßen sie auf einen guten kirchlichen Account, auf eine Jugendgruppe oder auf ein ehrliches Gespräch über Glauben. Vielleicht landen sie aber auch bei Influencer*innen, die Religion für politische Botschaften instrumentalisieren oder besonders einfache und radikale Antworten anbieten.
Glaube kann auf TikTok stattfinden ohne sich verstellen zu müssen
Das bedeutet allerdings nicht, dass kirchliche Medien jeden TikTok-Trend kopieren oder ihren Glauben in eine möglichst attraktive Lifestyle-Marke verwandeln müssen. Genau damit würde man die Maxxing-Logik nur übernehmen: Religion müsste dann möglichst jung, cool, hübsch, erfolgreich, perfekt und reichweitenstark sein.
Stattdessen braucht es eigene Formate, die die Inhalte, die Kirche ohnehin hat, so erzählen, dass sie auch junge Menschen erreichen. Junge Menschen sollten dabei nicht nur Zielgruppe sein, sondern möglichst auch an der Entwicklung dieser Formate beteiligt werden. Sie wissen selbst am besten, welche Fragen sie beschäftigen und wie sie darüber sprechen möchten.
Das könnte man augenzwinkernd evangelischmaxxing nennen: nicht den Glauben maximal optimieren, sondern unsere Möglichkeiten nutzen, ihn dort zugänglich zu machen, wo Menschen heute nach ihm suchen.
Dabei muss Kirche auch widersprechen können. Sie kann erklären, wo ein Social-Media-Trend problematisch wird, politische Instrumentalisierung benennen und zeigen, dass Religion nicht mit jeder Influencer*innen-Behauptung gleichzusetzen ist. Denn genau darin liegt die Stärke kirchlicher Medien: Sie müssen nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern auch Orientierung geben.
Catholicmaxxing zeigt deshalb vor allem, dass Junge Menschen nicht so uninteressiert an Religion sind, wie manche vermuten würden. Sie suchen nur an anderen Orten danach und haben andere Bedürfnisse. Wenn Kirche dort nicht vorkommt, überlässt sie diese Suche anderen.