Keir Starmer ist angetreten als der erste offen atheistische Premierminister Großbritanniens. Doch ausgerechnet seine Amtszeit war geprägt von vielen Äußerungen zu Glauben, Kirchen und religiösen Traditionen.
Nun kündigte Starmer nach knapp zwei Jahren im Amt seinen Rücktritt an. Er habe die Rufe aus der eigenen Partei gehört, dass er nicht mehr der Richtige sei, sagte er. Bis ein Nachfolger bestimmt ist, bleibt er im Amt.
Der Atheist und die Kraft des Glaubens
Keir Starmer bekannte sich bereits vor seiner Wahl an die Spitze des Vereinigten Königreichs zu seinem Atheismus. Im Jahr 2021 erklärte er gegenüber dem "Sunday Times Magazine":
"Ich bin nicht gläubig, ich glaube nicht an Gott – aber ich sehe die Kraft des Glaubens und wie er Menschen zusammenbringt."
Ausgerechnet ein Atheist wurde zu einem vehementen Verteidiger kirchlicher Arbeit im Alltag. In einem Interview mit dem christlichen Magazin "Premier Christianity" lobte Starmer im Juli 2024 ausdrücklich die vielen Ehrenamtlichen in Gemeinden und Kirchen. Sie stünden für eine Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wichtiger werde. Kirchen seien Orte, an denen Menschen füreinander einstünden – und somit ein Teil dessen, was Großbritannien ausmache:
"Kirchen bieten den Menschen die Hilfe, die sie brauchen. Deshalb wird eine Labour-Regierung sie unterstützen und mit ihnen zusammenarbeiten."
Starmer sprach von christlichen Werten wie der Verantwortung füreinander und der Überzeugung, niemanden als verlorenen Menschen abzuschreiben. Glaube könne in unsicheren Zeiten ein "Nordstern" sein, sagte er weiter.
Zwischen jüdischer Tradition und säkularer Politik
Auch seine eigene Biografie ist komplexer als das Etikett "atheistischer Premierminister" vermuten lässt. Starmer wurde eigenen Angaben zufolge locker anglikanisch geprägt. Seine Frau stammt aus einer jüdischen Familie mit Wurzeln in Polen.
Starmer und seine Frau, die Rechtsanwältin Victoria Alexander, haben zwei Kinder. In einem Interview anlässlich des jüdischen Lernfestivals "Limmud" sagte er:
"Wir erziehen unsere Kinder so, dass sie den Glauben als einen Bestandteil der Familie ihres Großvaters anerkennen. Das ist uns sehr wichtig."
Auch hier liegt sein Fokus weniger auf der spirituellen Dimension als auf der verbindenden Kraft des Glaubens:
"Es ist unglaublich wichtig, diese Tradition, dieses kleine Stück Glauben am Freitag, zu pflegen, denn wir kommen zusammen und beten."
Die Familie gehört der Londoner Liberal Jewish Synagogue an, die zu einer der beiden liberalen Strömungen des britischen Judentums gehört.
Religion als gesellschaftlicher Anker
Starmer verteidigt den Glauben also nicht, weil er selbst gläubig wäre, sondern, weil er Religion als soziale Kraft anerkennt. Das ist eine Haltung, die ein interessantes Gegenbild zu Debatten liefert, in denen Religion nur noch zwischen den Polen "Privatsache" und "Machtinstrument" auftaucht.
Der nun scheidende Premierminister versuchte einen dritten Weg zu beschreiten: Religion als notwendiger Teil einer säkularen Gesellschaft. Ein Gedanke, den übrigens auch der jüngst verstorbene deutsche Philosoph Jürgen Habermas vertrat.