Rian Johnsons dritter Knives Out-Film, "Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery", ist auf den ersten Blick ein klassischer Whodunit – ein Mord in einer Kirche, ein verschlossener Raum, ein Haufen Verdächtiger.
Doch unter der Krimihandlung liegt eine zweite, noch interessantere Ebene: ein theologischer Konflikt. Mit Jud Duplenticy und Monsignor Jefferson Wicks prallen zwei radikal unterschiedliche Formen von Christentum aufeinander – und der Mord wird zum Symbol des erbitterten Kampfes um den richtigen Glauben.
Jud Duplenticy – der verwundete Glaube
Jud ist ein junger katholischer Priester, ein ehemaliger Boxer. Er ist kein unbeschriebenes Blatt, im Gegenteil: In der Beichte gesteht er, einen Gegner im Ring getötet zu haben. Jud ist kein moralisch makelloser Heiliger. Er ist ein Mensch, der mit Schuld lebt – und genau deshalb an die Gnade glaubt.
Sein Christentum ist eines der Beichte, der Reue und der Möglichkeit von Vergebung. Er weiß, was es heißt, zu versagen. Darum sucht er das Gespräch mit der Gemeinde, darum will er die verhärteten Fronten in Chimney Rock aufbrechen. Selbst als er Wicks' Alkoholkonsum entdeckt, schützt er ihn vor der Polizei – nicht aus Naivität, sondern aus einem tiefen Verständnis für menschliche Schwäche.
Jud steht für ein inklusives, seelsorgerliches Christentum: eines, das den Sünder nicht bekämpft und vernichten will, sondern ihm einen Weg zurück eröffnet. Seine Wutanfälle und seine Gewalt zeigen allerdings auch, wie zerbrechlich dieser Glaube ist. Er ringt um das Gute – und verliert manchmal. Genau dieses Ringen macht ihn glaubwürdig.
Jefferson Wicks – der Richter im Talar
Monsignor Jefferson Wicks ist das Gegenteil. Er ist ein Mann, der sich selbst zum moralischen Maßstab gemacht hat. Seine Predigten sind nicht tröstend, sondern zielgerichtete Anklagen. Er nutzt die Kanzel, um Schuld zu verteilen, Menschen bloßzustellen und Macht auszuüben.
Jeffersons Christentum ist eines der Kontrolle – und der Heuchelei. Während er öffentlich über Moral urteilt, lebt er selbst in Lüge: Er trinkt heimlich Alkohol, täuscht sexuelle Enthaltsamkeit vor und manipuliert die Biografien der Menschen um ihn herum – sogar die seines eigenen Sohnes, den er verleugnet.
Er verkörpert eine Form von Religion, die wir auch außerhalb des Films kennen: moralistisch, strafend, politisch instrumentalisiert. Ein Christentum, das weniger von der Gnade Gottes spricht als von der Macht derjenigen, die behaupten, in seinem Namen zu sprechen.
Zwei Wege – eine Frage
"Wake Up Dead Man" stellt damit eine hochaktuelle Frage: Ist Christentum ein System zur Kontrolle von Menschen – oder ein Raum, in dem Menschen mit ihrer Schuld leben dürfen?
Jud Duplenticy und Jefferson Wicks geben darauf zwei gegensätzliche Antworten. Der eine glaubt an die verwandelnde Kraft der Gnade. Der andere an die disziplinierende Kraft der Angst.
Und genau darin liegt die eigentliche Pointe dieses Krimis: Nicht der Mörder wird gesucht – sondern das wahre Gesicht des christlichen Glaubens.