Rachepsalmen

Alois Hingerl, Dienstmann Nummer 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, stirbt überraschend bei der Arbeit. Im Himmel angekommen – so erzählt Ludwig Thoma – wird ihm eine Harfe und eine Wolke zugewiesen. Auf der soll er künftig als Engel Aloisius gemäß der ‚himmlischen Hausordnung‘ nach einem festen Terminplan ‚frohlocken‘ und ‚Hosianna singen‘. Dem Grantler gefällt das gar nicht, zumal ihm sein ‚Manna‘ fehlt, Bier, das bayerische Brot, und so beginnt er eher störrisch zu frohlocken. Aus dem ‚Halleluja‘ wird schon bald nur noch ein hingeraunztes ‚Luhja sog i‘. Mehr ist nicht aus ihm herauszubringen; es folgt eine Klage aus saftigen bayerischen Flüchen.

Das fehlende himmlische Gebetbuch

Als Nichtmünchner habe ich eine andere Version dieser Geschichte. Es ist ja kein Wunder, wenn dem armen Aloisius nur noch ein ‚Luhja sog i‘ einfällt. Weil die Engel vergessen haben, ihm das himmlische Gebetbuch fürs ‚Frohlocken‘ in die Hand zu drücken! Dann hätte aus seiner Karriere als Engel Aloisius nämlich doch noch etwas werden können. Allerdings habe ich gehört, dass der fürs Himmelsgebetbuch zuständige Engel es angeblich aus Unachtsamkeit von seiner Wolke hat herunterfallen lassen. Und weil im Himmel niemand zugeben will, dass so ein Missgeschick passiert ist, vertuschen die Engel das Ganze, wie das in Bayern ja auch schon mal passieren kann.

Mit freundlicher Mithilfe von Ludwig Thoma schickt der liebe Gott den störrischen Aloisius wieder zurück auf die Erden, damit er der bayerischen Regierung göttliche Ratschläge überbringen soll. Nach alter Gewohnheit geht der aber erst mal ins Hofbräuhaus, trinkt dort sein Manna, vergisst seinen Auftrag und so wartet die bayerische Regierung bis zum heutigen Tag auf die richtigen göttlichen Eingebungen.

Und was ist aus dem Gebetbuch geworden, das angeblich vom Himmel gefallen ist? Irgendjemand muss es gefunden haben. Weil die himmlischen Worte wieder aufgetaucht sind. Jetzt allerdings nach und nach in menschliche Gebetssprache übersetzt und in 150 Kapiteln zusammengefasst. Auf diese Weise, liebe Leserinnen und Leser, könnten die Psalmen der Bibel zu uns Menschen gekommen sein.

In Wirklichkeit haben sie eine lange Geschichte auf Erden hinter sich. Entstanden sind sie vom 8. bis zum 5. Jahrhundert vor Christus. Viele werden dem König David zugeschrieben, der eine Leier oder eine Harfe gespielt hat. Daher also die Harfe für den Aloisius. Denn ‚Psalm‘ kommt vom altgriechischen Wort psallein und meint ‚ein Saiteninstrument spielen‘.

Schöne und bekannte Vertrauenslieder sind in diesem irdischen Gebetbuch dabei. Am bekanntesten der Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln (Ps. 23,1). Dann Psalm 103, wo es heißt:

Lobe den Herrn, meine Seele (Ps. 103,1).

Aber auch Klagepsalmen, die Einzelne oder das Volk Israel anstimmen. Fast ein Drittel aller Psalmen machen sie aus. Doch immer wieder kommt es für die Beterinnen und Beter zu einem überraschenden Wechsel. Dann heißt es:

Du hast meine Klage verwandelt in einen Reigen (Ps. 30,11),

einen gesungenen Tanz. Und so überwiegt am Ende in den Psalmen die Freude an Gott und allem Lebendigen, wie in Psalm 150:

‚Lobt Gott mit Posaunen, mit Psalmen und Harfen, mit Pauken und Reigen, lobt den Herrn!‘ (Ps. 150, 3f.)

Hin und wieder fällt mir jedoch auf, dass in den Psalmen ein paar himmlische Gedanken beim Übersetzen ins Menschliche etwas unverständlich geworden sind. Da stehen schreckliche Sachen, die so gar nicht zu dem Bild vom lieben Gott passen. Und auch nicht zu einem frommen Menschen. Da bittet jemand, Gott möge den Feinden die Zähne im Mund zerbrechen (Ps. 58,7). Oder darum, die jungen Kinder des Feindes an einem Felsen zu zerschmettern (Ps. 137,9).

Es sind Verse voller Gewalt, aus Wut und Zorn geboren. Fluch- oder Rachepsalmen nennt die Bibelforschung diese Gebete aus dem Psalmenbuch. Menschen, die in größte Bedrängnis geraten sind, bitten Gott, er möge ihre Feinde vernichten, zerbrechen, zerschmettern, ganz und gar.

Schreckliches wünschen

Beginnen wir mit dem Psalm 137. Da ist von Feinden in der Nachbarschaft Israels die Rede, den Edomitern, und den Babyloniern im Osten. Was die Menschen damals erlebt haben, erleben seit dem 24. Februar Menschen in der Ukraine. Es ist Krieg. Ich stelle mir vor, wie ein ukrainischer Vater als Soldat mit diesem Psalm zu Gott schreit und dabei an Mariupol und Butscha – und an Moskau – denkt (Ps. 137, 7 – 9):

Herr, vergiss den Söhnen Edoms nicht den Tag Jerusalems, da sie sagten: ‚Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund!‘ Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!

Ist wirklich unverständlich, worum dieser Mann Gott bittet, der um seine Kinder, seine Familie fürchtet? Putin und seine Anhänger sind der Feind. Sie sind die Aggressoren. Jetzt, in diesen Wochen, geschieht Schreckliches und Böses. Tief sind die Wunden der Opfer in der Ukraine. Und die Vorstellung, dass in der Zukunft die Kinder der Feinde noch einmal dasselbe Böse tun könnten, ist kaum auszuhalten. Das übersteigt menschliche Kräfte. Darum beten die verzweifelten Familien der Opfer zu Gott: Sorge dafür, dass das nicht noch einmal geschieht. Selbst wenn es bedeutet, die Kinder der Täter barbarisch zu töten. – Und wenn eine russische Mutter diese Psalmverse beten würde, die einen Sohn verloren hat, von Putin als Soldat in diesen Krieg getrieben – wäre auch das unverständlich? Schrecklich, sich von Gott aus Angst um die Zukunft der eigenen Kinder den Tod der Kinder der Feinde zu wünschen.

Aber ich erschrecke auch vor mir selbst: Ich fürchte, ich habe verlernt, das Böse in seiner ganzen Brutalität und Härte zu sehen. Weil ich die Boshaftigkeit des Bösen nicht mehr so wahrnehme, wie sie ist. Weil ich mir angewöhnt habe, das Böse psychologisch und pädagogisch zu erklären, es verständlich zu machen. Weil ich daran glauben wollte, dass nur wenige Schritte der Einsicht nötig seien, um auf die Seite des Guten zu wechseln. Ich bin kein Opfer. Was das aber für die Opfer des Bösen bedeutet, die mit Leib und Leben dafür bezahlen, wird mir bewusst, seitdem nur wenige Flugstunden entfernt in Europa abscheuliche Kriegsverbrechen begangen werden.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich geglaubt habe, es sei möglich und besonders christlich, das Böse zu umarmen. Oder gar das Böse zu zähmen wie in der Darstellung einer jungen Frau in der Nürnberger Lorenzkirche, jene Martha, von der die Legende erzählt, dass sie das Ungeheuer, dem sie geopfert werden sollte, an die Leine nimmt, wie man einen gezähmten Wolf an die Leine nimmt.

Ich denke an eine Skulptur des Künstlers Reinhard Fuchs: Der Drachentöter, der heilige Georg, ist von ihm so gestaltet worden, als würde der Ritter den Drachen beinahe zärtlich umarmen – und ich habe die Augen davor verschlossen, dass die andere Hand Georgs das Schwert schwingt um den Drachen zu töten.

Ich bin verunsichert: Ist alles verkehrt, was wir als Christen über den Frieden gelernt und geglaubt haben? Bisher war für mich unvorstellbar, dass Christen und Juden sich solche Dinge wünschen könnten, wie sie in den Rachepsalmen ausgesprochen werden.

Die Perspektive der Opfer verändert alles

Es macht einen gewichtigen Unterschied, aus welcher Perspektive gebetet wird: Dient das Gebet der Rechtfertigung eines überlegenen Aggressors? So wie der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill betet? Oder entspringt es dem Zorn eines hilflos unterlegenen Opfers? Der Psalm 137 wird aus der Perspektive der Opfer gebetet, mit der Erfahrung einer tiefen Demütigung: Jüdische Gefangene im Exil in Babylon erinnern sich an die Zerstörung Jerusalems, sie denken an den Berg Zion, sie denken an den geschleiften Tempel, für sie der Inbegriff von Heimat, wo Gott zuhause ist. Wo sie ihn angebetet und ihm Loblieder gesungen haben. Alles weg, alles kaputt. Und die, die ihn zerstört haben und die Israeliten in Babylon gefangen halten, machen sich lustig über sie (Ps. 137,1 – 4):

An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande. Denn die uns gefangen hielten, wollten, dass wir singen und in unserm Heulen fröhlich sind: ‚Singet uns ein Lied von Zion!‘

Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande?

Wer die Harfen an die Weiden hängt, macht sie unbrauchbar. Ihr Sinn ist nutzlos geworden: Wofür sollen sie aufspielen? Wozu singen? Eine hilflose, ohnmächtige Geste des Protests. Würde ich dich, Jerusalem, vergessen, fährt der Beter fort, soll meine Hand verdorren und meine Zunge am Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenken würde. Und dann kommen sie aus seinem Mund, die Bitten, die so schrecklich sind.

In einer traurig-schönen Melodie spürt die christliche Band ‚Sons of Korah‘ aus Australien dem Weinen an den Wassern Babylons nach.

Ich glaube, dass Gott auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht. Antisemitismus, Rassismus oder auch Krieg, um einen alten Traum von einem Großreich wiederzubeleben, hat immer Gott gegen sich. Die verfolgten Jesiden im Irak, das unterdrückte Volk der Uiguren in China, die Ukrainer, sie und andere wissen, wie es ist, ein Opfer zu sein. Wie könnte ich, der ich in einem seit 77 Jahren überwiegend friedlichen Westeuropa lebe, überhaupt darüber nachdenken, diesen schrecklich verfolgten Menschen solches Bitten und Wünschen verbieten zu dürfen? Ich mache mir klar: Der Wunsch, Gott möge die Feinde vernichten, ist die Klage von Menschen, die unter der Gewalt von Aggressoren unendlich leiden. Hilferufe aus Verzweiflung sind es.

Dunkelräume in der Gefühlswelt der Psalmen

Doch schon, wenn ich diese Bibelverse höre oder selber laut ausspreche, stockt mir der Atem. Darf ich Gott so bitten? Für öffentliche Gottesdienste sind diese oder ähnliche Verse nicht einmal im Lektionar, dem Vorlesebuch, abgedruckt – angeblich sind sie nicht zumutbar, weil zu anstößig. Nur in Klöstern werden auch diese Psalmverse gebetet, zum Zeichen der Solidarität mit Menschen, die erleben, was schrecklich und unmenschlich ist. Gott wird daran erinnert: ‚Gerechtigkeit für die Opfer!‘ Menschen sollen ihren Zorn, ihre hilflose Wut hinausschreien dürfen. Im Bild gesprochen: Sie sollen das, was sie als Ewigkeitsschmerz empfinden, Gott an den Kopf werfen dürfen.

Oft ist das Leid der Opfer verborgen, trotz vieler Fotos und Videos, die in aller Welt gesehen werden. Hier aber, in den Psalmen, bekommen Menschen eine Stimme, die öffentlich zu hören ist. Und mit der andere – stellvertretend für sie – diese Worte beten. Darum dürfen diese Bibelverse nicht ausgeklammert werden. Weil sie die Würde der Opfer bewahren. Oder sie sogar für sie zurückgewinnen. Jedes aus den Psalmen geliehene Wort hat die Macht, die Betenden aus Schweigen und Ohnmacht einen ersten Schritt herauszuführen.

Die Bitterkeit der Worte und Bilder, die in den Psalmgebeten auftaucht, kann auch mir helfen, zu meinen eigenen dunklen Gefühlen zu stehen. Ja, Menschen dürfen so mit Gott reden. Und wer selbst so nicht glauben kann oder auf keinen Fall Gott so bitten will, könnte respektieren, dass andere Gott anders sehen als er selbst. Vielleicht sogar das eigene Bild von Gott überdenken. Die Bibel präsentiert kein harmonisch-stimmiges Bild von Gott. Sie erklärt Gott nicht. Sie entwickelt keine Theorie von Gott. Sie sammelt und bewahrt Erfahrungen mit Gott und gibt sie weiter. Die Rachepsalmen sind der Dunkelraum in der Gefühls- und Emotionswelt der Psalmen, den ich nicht leugnen möchte. Auch wenn es Menschen geben wird, die meinen, die jüdische und auch die christliche Religion rechtfertige damit Gewalt. Das Gegenteil ist der Fall.

Zu richten die Lebenden und die Toten

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, ein Jude aus dem heutigen Rumänien, hat das Konzentrationslager in Auschwitz überlebt. Immer wieder hat er betont, dass seine Wut gegen Gott auch dort immer innerhalb seines Glaubens getobt habe. Nicht außerhalb. Darum geht es: In der eigenen Wut, im Zorn des Herzens jemanden finden, dem ich klagen kann, wie es um mich steht. So findet ein gequältes Opfer einen Adressaten für seine Klage: ‚

Gott, wo ist deine Gerechtigkeit? Wie können Täter glauben, sie könnten sich vor dir rechtfertigen für das Ungeheure, das sie tun? Nicht mein ist die Rache. Aber die deine ist es, mein Gott. Vergiss es nicht. Vergiss mich nicht.‘

Liebe Leserinnen und Leser, ‚Vergelt’s Gott‘ ist eine selten gewordene Redewendung, die eher positiv, als ein Dankeschön, verwendet wird. Doch ohne Vergeltung, ohne die Bestrafung der Täter kann es keinen Frieden geben. Putin und sein religiöser Unterstützer Patriarch Kyrill sollten sich vor dieser Bitte zu Gott fürchten.

Wenn ich bete, beginne ich oft mit: ‚Lieber Gott‘. Und begreife jetzt: Auf die Härte des Lebens, die Menschen im Krieg erleben, ist der ‚liebe Gott‘ wenig ansprechbar. Wenn ich als Mensch nicht einmal zum Himmel schreien kann, was himmelschreiend ist, welchen Gott soll ich daran erinnern können, dass seine Gerechtigkeit den Opfern gilt? Das kann nur jener Gott sein, von dem ich in der Bibel höre und im Glaubensbekenntnis spreche: "…zu richten die Lebenden und die Toten." 

Die Lebenden und nicht allein die Toten – das bedeutet doch: Wenn Gott richtet, dann auch mich. Und zwar nicht erst, wenn ich tot bin, sondern jetzt, während ich lebe. Ich entdecke einen Überfluss in den Rachepsalmen. Da ist noch etwas offen, was überlesen und überhört werden könnte. Wenn ich bete, dann informiere ich Gott ja nicht über etwas, was er schon weiß. Sondern ich bete, weil ich von Herzen hoffe und wünsche, dass der Eberhard, der zu beten begonnen hat, ein anderer geworden sein wird, wenn er am Ende sein Amen spricht.

Im Beten des eigenen Herzens geht es nicht um Information, sondern um Transformation. Ich bete in der Zuversicht, dass sich etwas in mir verändern kann. Dass sich etwas verwandelt, wenn ich mit Gott spreche. Manchmal geschieht das. Dann – das glaube ich – hat Gott auch mit mir gesprochen und ich habe zugehört.

Psalmen kommen mir manchmal vor wie die Räume eines Hauses. Sie stellen Worte, Bilder und Vorstellungen zur Verfügung, die ich wie innere Räume durchschreiten kann. Da gibt es die schönen Wohnzimmer und hellen Küchen der Gemeinschaft, der Freude, in denen unser Mund voll Lachens sei (Ps. 126,2). Aber auch das Schlafzimmer des trotzigen Trostes, wo ich mich im Bett verkrieche, Decke über den Kopf, und Schutz suche bei Gott. Psalm 73 (Ps. 73, 23.25f.):

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Es tut gut, dass ich das hoffen und glauben kann. Doch es gibt auch die dunklen Keller im Haus, wo ich vor mir selbst verborgen halte, wie ich auch bin: Ich, "das wilde, gierige, verängstigte Geschöpf, das sich in der Seele bald duckt, bald bläht [und] zu töten"[1] bereit ist, in Gedanken und Träumen den anderen vernichtet, weil es von ihr oder ihm zuvor verletzt worden ist. Diese Wahrheit, diese Selbsterkenntnis habe ich ganz unten im Keller, quasi in Kisten verpackt und in die dunkelste Ecke geschoben, "dass mir mein Feind genau das angetan hat, was ich meinem Feind angetan hätte, wäre ich stark oder schnell genug"[2] gewesen.

Eines weiß ich mit Gewissheit: In diese Keller der Wahrheit kann ich gehen, weil Gott mich in den Psalmen auch durch helle Räume führt, die von der Gegenwart seiner göttlichen Liebe erfüllt sind. In denen vertraute Bilder an der Wand, der Tisch, an dem ich mit Freunden sitze, und die Decke, die mich schützt, mir bezeugen, dass ich ihm, meinem Gott, vertrauen kann, dass ich in seiner Nähe geborgen bin.

Sing nicht so schnell dein Versöhnungslied

Dennoch führen mich die Psalmen auch in die dunklen Kellerräume meines Ich-Gebäudes. Ich habe gewiss keine Sehnsucht nach ihnen. Doch ich werde dorthin geführt, damit ich meine Versuchung zum Hass kenne. Und der eigenen Versuchbarkeit widerstehen lerne. Dem Kain wurde gesagt (Gen. 4,7): Die Sünde lauert vor der Tür und hat nach dir Verlangen. Du aber herrsche über sie. Das Böse überhaupt nicht zu erkennen, zum Hass nicht einmal versucht zu werden, kann einen stumpf und gefühllos machen. Wenn ich keine Ahnung habe, wohin mich der Hass treiben kann, wie kann ich dann von Versöhnung sprechen? ‚Sing nicht so schnell dein Versöhnungslied vom Frieden‘ möchte ich mir selbst und anderen sagen. Damit an mir eine Transformation gelingen kann, braucht es nämlich nicht nur die Erfahrung einer inneren, persönlichen Verwandlung. Es braucht auch eine Veränderung im Außen.

Noch einmal ein Klagepsalm, Psalm 7 – der Betende ist sich sicher: Ich bin ein unschuldig Verfolgter (Ps. 7, 9b.10a):

Schaffe mir Recht, Herr, nach meiner Gerechtigkeit und Unschuld! Lass enden der Gottlosen Bosheit, den Gerechten aber lass bestehen.

So sicher, wie der Betende seine Unschuld fühlt, so sicher ist er auch, wer seine Feinde sind und wie sie ihn zerstören wollen. Was aber, wenn ‚die Feinde‘ Projektionen seiner eigenen Angst wären? Wenn ‚der Bedränger‘ einer inneren Haltung und Denkweise des Betenden selbst entspringen würde. Wenn sie, die Feinde, nur machen, was ich an ihrer Stelle auch machen würde, ‚wäre ich stark oder schnell genug.‘ Wer sind ‚die Feinde?‘ Ich befürchte, dass es mir, dem wilden, gierigen, verängstigten Geschöpf gefallen könnte, Gott zum Diener und Vollstrecker meiner Feindphantasien zu machen. Dann wären die Bilder von Gottes Zorn und Grimm im Grunde ganz menschliche Wünsche und Hoffnungen. Der Betende des Psalm 7 überrascht mich mit einem Ausweg, bei dem Gott nicht missbraucht oder instrumentalisiert wird (Ps. 7, 7b.8):

[Gott,] wache auf, mir zu helfen, der du Gericht verordnet hast, so werden die Völker sich um dich sammeln; und über ihnen kehre zurück in die Höhe!

Gott oben im Himmel

‚Gott, kehr um in deine Höhe! Lass dich nicht hineinziehen in unsere Feindphantasien‘. So verstehe ich die Bitte des Beters um die Umkehr Gottes, zurück in die Höhe über den Völkern. ‚Nur von dort kannst du, Gott, die Opfer sehen, deren Würde im Staub liegt. Das wäre anders, wenn du selber Teil des Staubes würdest, den Feinde auf Erden hinterlassen. In ihm würdest auch du, Gott, verschwinden.‘

Gott oben im Himmel lassen, bedeutet, ihn nicht zum Kriegskumpan meiner Vergeltungsphantasien zu machen. Gott freigeben in seine Unergründlichkeit und Unverfügbarkeit. Wie frei könnte ich selber werden? Da ist noch etwas offen in den Psalmen, offen für mich. Ich darf Transformation erfahren. Ohne mich, ohne die Mühe, die ich mit mir selbst habe und mir mache, geht sie nicht, die Verwandlung durch den, der im Himmel thront. Und dennoch bleibt sie sein Geschenk.

 

[1] C.S. Lewis, Das Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen, Benziger-Verlag 1978 (1959) Seite 119

[2] C.S. Lewis, Seite 45f.

Die Evangelische Morgenfeier

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