Robert Habeck hat seinen Rückzug aus dem Bundestag angekündigt. Damit endet für viele die Karriere eines Hoffnungsträgers, für andere verschwindet ein Feindbild.

Um Habeck wirklich zu verstehen, muss man bei seinem Verhältnis zum Glauben beginnen. "Ich bin ein säkularer Christ”, sagt er über sich – ein Mann, der nicht an Gott glaubt, keiner Kirche angehört, aber von der "Mitleidsethik" (nach Arthur Schopenhauer eine Weltsicht, die Mitleid als zentrale Triebfeder moralischen Handelns betrachtet) des Christentums geprägt ist.

In diesem Spannungsfeld aus Glaube und Zweifel, Mitgefühl und Macht, Hoffnung und Enttäuschung hat er Politik gemacht. Und genau dort liegt der Schlüssel zu seiner Popularität und seiner polarisierenden Wirkung.

Habeck zwischen Glaube und Zweifel

Was bedeutet es, ein "säkularer Christ" zu sein? Um das zu verstehen, lohnt sich ein Rückblick: in die Kindheit des Politikers, in ein von christlichen Werten geprägtes Elternhaus – und in die Zweifel, die ihn vom Glauben distanzierten.

Habeck wuchs in einer sehr christlichen Familie in Lübeck auf. Er beschäftigte sich mit religiösen Fragen und las im Studium die klassischen philosophischen Gottesbeweise. Sein Fazit: Weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes ist beweisbar. Für ihn blieb das Zweifeln. Er trat aus der evangelischen Kirche aus und leistete seinen Amtseid als Bundeswirtschaftsminister ohne Gottesbezug.

Und doch hält Habeck an einem geistigen, wenn man so will, geistlichen Erbe fest. Die Betonung des Mitleids durch das Christentums nennt er "revolutionär”. Sie stelle der Macht das Mitgefühl und die Barmherzigkeit entgegen, was für ihn bis heute beeindruckend ist. 

Er glaubt zwar nicht an Gott, teilt aber Werte wie die Bewahrung der Schöpfung und das Mitgefühl gegenüber Menschen und Tieren.

Politik als moralisches Ringen

Diese Mischung aus Distanz und Prägung, aus Respekt und Zweifel hat Habeck später in die Politik getragen. Wie ein roter Faden zieht sich sein christlich inspiriertes Mitgefühl durch sein Handeln, jedoch ohne religiöse Überhöhung. Für ihn ist Politik kein Heilsversprechen, sondern ein ständiges Ringen.

"Kein Politiker ist ein Erlöser”, betonte er immer wieder. Politik sei unperfekt, stets im Werden, voller Dilemmata und Enttäuschungen. Aber nur, wenn sie Zweifel zulasse, könne sie sich erneuern.

Damit unterschied er sich von Angela Merkel und Olaf Scholz, deren Regierungsstil vor allem darin bestand, möglichst wenig preiszugeben und kaum Angriffsfläche zu bieten. Habeck setzte stattdessen auf Transparenz, Selbstreflexion und das Anerkennen von Komplexität.

Sein Anspruch: Politik muss Mitgefühl zeigen, selbst gegenüber Gegner*innen. Er erzählte aus seiner Zeit als Minister in Schleswig-Holstein, dass er nur dann weitergekommen sei, wenn er die Betroffenheit der Menschen – ob Fischer*innen oder Gegner*innen von Windkraftanlagen – ernst genommen habe.

Hoffnungsträger und Reizfigur

Genau dieser nachdenkliche und zugleich zuversichtliche Stil machte ihn für viele zu einem Hoffnungsträger. Die "Bild" adelte ihn als Superstar, und er genoss lange hohe Beliebtheitswerte. Für viele galt er als der authentischste Politiker seiner Generation – einer, der zu erklären versuchte, statt zu verschleiern.

Doch er zog auch viel Kritik auf sich. Habeck wurde zur Reizfigur: Posterboy und Angriffsfläche zugleich. Rechtsextreme Gruppen stilisierten ihn gezielt zum Feindbild, bei Bauernprotesten entlud sich Wut gegen ihn.

Er wurde zum Symbol für alles, was Kritiker an der Energiewende und der grünen Politik ablehnten – vom Strompreis bis zur Windkraftanlage im Nachbardorf.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Auch den nicht extremistischen Kritiker*innen lieferte er Munition: Habecks Reise nach Katar im Jahr 2022, auf dem Höhepunkt der Energiekrise, bei der er dem Emir die Hand schüttelte und sich vor dem Energieminister tief verneigte, war für viele ein Tabubruch.

Habeck verteidigte sich mit den Worten: "Man muss mit Partnern, die ihre Eigenheiten haben, sprechen.” Es schien sich zu lohnen, denn eine Energiepartnerschaft wurde vereinbart.  War das also klassische Realpolitik? Jedenfalls keine erfolgreiche. Denn Monate später war der Deal geplatzt; diese Nachricht kam beinahe nebenbei und ging weitgehend unter.

Im Gedächtnis blieben hingegen Bilder und Gesten haften, nicht die komplizierten Hintergründe. Habeck gab sich zwar pragmatisch und kompromissbereit, verlor durch solche Aktionen aber in den Augen vieler an seiner stärksten Eigenschaft: der Glaubwürdigkeit.

Rhetorische Stärke und Schwäche zugleich

Auch in seinen Reden wurde dieser Zwiespalt bisweilen sichtbar: Auf der einen Seite zeigte er rhetorische Brillanz, auf der anderen Seite hatte er blinde Flecken. Besonders deutlich wurde dies in seiner vielbeachteten Rede zum Antisemitismus nach dem Angriff der Hamas auf Israel.

Habeck sprach mit Nachdruck, ordnete die Debatte und wirkte dabei stärker als Kanzler Olaf Scholz, der oft schweigend dastand. Doch inhaltlich blieb seine Rede schwach. Er stellte Antisemitismus vor allem als Problem der Ränder dar und meinte damit Rechtsradikale, Linksradikale und Muslime.

Damit überging er, dass Antisemitismus seit jeher auch in der bürgerlichen Mitte beheimatet ist. Zudem rückte er Muslim*innen in Deutschland an den Rand und stellte sie unter Generalverdacht: Solidarität gegen Rassismus verdiene nur, wer sich laut genug distanziere.

Seine Worte wirkten wie eine Selbstvergewisserung für das eigene Wählermilieu: "Ihr seid auf der richtigen Seite.” Für viele war das beruhigend, für andere war es ein Beleg dafür, dass Habeck bei aller Differenzierung nicht unempfänglich für paternalistische Muster war.

Habecks Vermächtnis

Vielleicht liegt genau darin die Tragik Robert Habecks: Er wollte entwirren, ordnen, Orientierung geben – und blieb doch oft selbst im Zweifel stecken. An anderen Stellen wiederum verließ er sich allein auf die Kraft seiner Redegewandtheit und blendete unangenehme Widersprüche geflissentlich aus.

Mit seinem Rückzug endet nun zumindest vorerst eine politische Karriere, die stärker von christlicher Prägung erzählt, als es das Etikett "säkularer Christ” vermuten lässt.

Im Abschiedsinterview gibt Habeck dann sogar fast den Erlöser, oder wenigstens den Propheten. Auf die Frage, was mit den Zehntausenden sei, die seinetwegen bei den Grünen eingetreten sind, sowie den 450 000, die ihn nach der Bundestagswahl in einer Petition gebeten hatten zu bleiben, antwortet er: "Um das sein zu können, was sie von mir erwarten, muss ich einen anderen Weg gehen als den erwarteten. Ich hoffe, sie werden das verstehen."

Klingt so ein endgültiger Abschied? Eher nicht. Eine politische Wiederauferstehung ist nicht ausgeschlossen.