In der Mittagsbetreuung, die ich in der 6. Klasse regelmäßig besuchte, wurde ich zum ersten Mal mit der Komplexität meiner Identität konfrontiert. Nach dem Mittagessen versammelten sich alle Schüler:innen im Nebenraum, um den Nachmittag gemeinsam ausklingen zu lassen.

Meine beste Freundin Jewana, die wie ich Jesidin ist, und ich schlossen uns der Runde an, als das Gespräch auf die Herkunft kam. Unsicher sahen wir uns an und antworteten zögerlich mit Begriffen wie "Jesidisch" oder "Irakerinnen" – Wörter, die wir verwendeten, ohne ihre tiefere Bedeutung wirklich zu hinterfragen.

Die gemischten Reaktionen unserer Mitschüler spiegelten unsere Unsicherheit wider. Aussagen wie "Dann seid ihr doch einfach Kurden aus dem Irak" oder "Astagfirullah, ihr seid Teufelsanbeter" verwirrten uns. Diese widersprüchlichen Zuschreibungen überforderten uns und lösten Fragen aus, auf die wir selbst keine Antworten hatten: Wer sind wir eigentlich? Warum werden wir so bezeichnet? Glauben wir etwa an das Böse?

Kleines rotes Armband soll Schutz bringen

Ich kann mich nicht mehr vollständig daran erinnern, wie das Jesidentum in meiner Kindheit präsent war, doch einige Dinge sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Unter anderem das kleine rote Armband, das mir meine Eltern umbunden haben. Diese Tradition soll Schutz und Glück bringen. Dieses kleine Zeichen ihrer Fürsorge begleitete mich und zeigte mir, dass unser Glaube in solchen Gesten lebendig ist.

Besonders meine Mutter hatte eine liebevolle Art, den Glauben in unseren Alltag zu integrieren. Sie kochte bei jeder Gelegenheit Essen für unsere Nachbarn, um Gemeinschaft und Nächstenliebe zu fördern – etwas, das ihr sehr am Herzen lag.

Trotzdem fühlte ich mich oft zwischen zwei Welten hin- und hergerissen. Einerseits hatte ich diese großartigen Traditionen meiner Eltern erlebt und fand es spannend, sie kennenzulernen. Andererseits begegnete mir immer mehr Hass. Der Kommentar aus der Mittagsbetreuung ließ mich nicht los. Diese Zweifel tauchten ständig in meinem Kopf auf und erschwerten mir die Verbindung zu meiner Religion.

"Du bist eine Frau"

Und als wäre es nicht schon schwer genug gewesen, wurde ich älter – genauer gesagt, ich erreichte die Pubertät. Äußerlich veränderte ich mich kaum, höchstens ein, zwei Pickel kamen hinzu. Doch meine Verwandten sahen das anders: Für sie war ich kein kleines Mädchen mehr, sondern eine Frau.

Das spürte ich deutlich – in der neuen Aufmerksamkeit, aber auch in den Pflichten, die ich als Frau erlernen sollte, wie meine Tante es beschrieb. Ich musste darauf achten, was ich anziehe, wie ich spreche und sogar, wie laut ich es tue. Außerdem sollte ich verstehen, wie ein Haushalt funktioniert.

All diese neuen "Regeln" waren überwältigend für mich. Wenn ich meine Verwandten darauf ansprach, rechtfertigten sie ihre Werte immer wieder mit unserer Religion, wohl um mich einzuschüchtern. Oft hörte ich Sätze wie: "Wir sind nicht so wie die Deutschen, Susanna" oder "Du bist eine Frau, du musst dich daran halten."

Jede Feier, jede Hochzeit und jede Familienaktivität fühlten sich für mich wie Folter an. Zwischen den weiblichen Familienmitgliedern herrschte eine Art kalter Krieg, bei dem man den Hass und die ständigen Lästereien förmlich spüren konnte, die die Tanten hinter dem Rücken der anderen verbreiteten. Trotzdem lächelten sie einander an, als wären sie Schauspielerinnen, die nur ihr vorgegebenes Skript abspulen müssten.

Die Männer hatten dieses Problem nicht – sie hatten das Skript geschrieben. Sie entschieden, welche Frau sie heiraten würden, wann das Mittagessen auf dem Tisch stehen musste und wann was erledigt wurde – den Haushalt natürlich ausgenommen. Jede Interaktion mit diesen Menschen fühlte sich für mich zerstörerisch an. Sie hatten immer etwas auszusetzen oder mussten ständig etwas kommentieren – sei es mein Aussehen oder der verbrannte Tee.

Ich wollte meinen eigenen Weg gehen

Doch das konnte ich nicht. Ich wollte nicht einfach mitspielen und dabei mein eigenes Glück aufs Spiel setzen. Viele Mädchen in meinem Alter mit anderen Lebensumständen wurden für mich zur Inspiration. Ich beschloss, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich bin viel mehr als eine zukünftige Hausfrau oder ein unsichtbares, zierliches Wesen, das nur dann spricht, wenn es gefragt wird, sagte ich mir.

Also hörte ich auf, "perfekt" zu sein, und nahm Abstand von der künstlichen Welt, die mir mein Umfeld erschaffen hatte – einer Welt, mit der ich mich nicht identifizieren konnte, weil sie mir völlig fremd war.

Ich begann, Fragen zu stellen, mich nicht länger anzupassen. Ich wollte herausfinden, ob das Jesidentum überhaupt etwas für mich ist und ob ich wirklich daran glauben kann. Trotz all der negativen Erfahrungen, die ich im Zusammenhang mit meiner Religion gemacht habe, gab es einen Teil in mir, der sich an die schönen Traditionen erinnerte, die mir meine Eltern immer vorgelebt haben.

Ich begann, meine Religion und meine Wurzeln wirklich zu verstehen. Dabei lernte ich unter anderem, dass wir Jesid:innen oft fälschlicherweise als "Teufelsanbeter" bezeichnet werden, weil unser Engel Tausî Melek von manchen mit dem Teufel verwechselt wird. Für uns steht er jedoch für das Gute und die Nähe zu Xwede, unserem Gott. Das Wort "Teufel" darf ich nicht einmal aussprechen, da dies die Allmacht Gottes infrage stellen würde.

Dieses Vorurteil kommt leider oft von Muslim:innen. Für mich ist das jedoch kein Grund, sie zu hassen. Die meisten muslimischen Menschen, die ich kenne, sind unglaublich tolerant und hören wirklich zu, ohne vorschnell zu urteilen. Unsere Religion wird leider oft missverstanden, auch weil sie mündlich überliefert wird. Viele Jesid:innen haben durch diesen Hass großes Leid erfahren – und genau deshalb wäre es umso sinnloser, ihn zu erwidern.

Mein Weg zu mir

Ich lernte viel über unsere jahrhundertealte Geschichte und merkte, dass mich das Jesidentum auf eine besondere Weise anspricht. Dabei wurde mir klar, dass viele der strengen Denkmuster meiner Familie eigentlich nur deren eigene Wertvorstellungen widerspiegeln. Sie hatten die Religion genutzt, um mich und andere Mädchen in unserer Familie zu täuschen.

Was ich besonders schön an unserer Religion finde, ist, dass niemand unter Druck gesetzt wird, zu glauben. Es heißt nicht: "Du musst Jeside sein, sonst findest du keinen Frieden." Vielmehr geht es darum, dass jeder seinen eigenen Weg zu Gott finden kann. Das bedeutet mir sehr viel, vor allem, weil ich mich mein ganzes Leben lang oft gezwungen fühlte, an etwas zu glauben, das nicht wirklich zu mir gehörte. Bei uns zählt, dass man Gutes tut und ein reines Herz hat. Besonders interessant ist auch, dass wir in unseren Gebeten zuerst für andere Menschen und erst danach für uns selbst beten.

Jahrelang lebte ich mit einem verzerrten Bild meines Glaubens, geprägt von Beleidigungen und einem negativen Umfeld. Doch als ich mehr darüber erfuhr, wurde ich davon befreit. Seitdem betrachte ich die Welt aus einem neuen Blickwinkel.

Das Gefühl, das ich an jenem Tag erlebte, lässt sich kaum in Worte fassen. Es war etwas vollkommen Neues für mich. Es ging mir tief unter die Haut, ich bekam richtig Gänsehaut, und auf einmal wirkte mein Alltag ganz anders. Endlich schien alles einen Sinn zu ergeben, als wäre ich von etwas Größerem getragen.

Jesiden haben genug Hass von außen erfahren

Ich lerne immer noch jeden Tag mehr über meine Religion und praktiziere sie gerne. Dabei stehen für mich meine eigenen Werte im Vordergrund – nicht die meiner Familie.

Das betrifft nicht nur mich. Ich spreche nicht von allen Familien, sondern nur von denen, die ihre Töchter manipulieren und mit sozialem Druck oder Ausgrenzung drohen. Ich weiß, dass es viele Mädchen gibt, denen gesagt wird, sie müssten heiraten, Kinder bekommen und ihre "Pflichten" erfüllen.

Dabei haben wir Jesid:innen von außen schon genug Hass erfahren. Es tut umso mehr weh, wenn wir uns innerhalb der Gemeinschaft gegenseitig ablehnen, nur weil andere glauben, wir würden unseren Glauben nicht richtig leben.