22.03.2013
NS-Zeit

Ausstellung erinnert an Vertreibung der Gemeinde aus der Quedlinburger Stiftskirche vor 75 Jahren

Zu einer Kult- und Wallfahrtsstätte wollte Heinrich Himmler die Quedlinburger Stiftskirche erheben. Die Vertreibung der Gemeinde ist auch ein Beispiel für den erfolglosen Widerstand gegen die Faschisten.
Quedlinburg Sachen- Anhalt

Kraftbrühe mit Einlage wurde den Nazi-Größen um den sogenannten Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, als Erstes serviert. Dem Mahl am 2. Juli 1936 in Quedlinburg war ein Staatsakt vorausgegangen, mit dem die NS-Prominenz in der Stiftskirche den 1.000. Todestag von König Heinrich I. gefeiert hatte.

Zugleich begann der von den Christen vor Ort als Entweihung empfundene Missbrauch der Kirche, der mit der Vertreibung der evangelischen Gemeinde 1938 ihren Höhepunkt fand. Erinnert wird von Ostermontag an mit einer Ausstellung an den letzten Gottesdienst in St. Servatius vor 75 Jahren.

Ziel Himmlers war, in der alten Kaiserstadt Quedlinburg im heutigen Sachsen-Anhalt einen Wallfahrtsort und eine Kultstätte entstehen zu lassen. In König Heinrich, mit dem er stille Zwiesprache hielt, sah er einen Vorkämpfer des Germanentums und sich selbst als Nachfahre. Sein Umfeld nannte den SS-Führer deswegen auch selbst "König Heinrich".

Altarkreuz und Bibel entfernt

"Die Entweihung verlief schleichend", sagt der Quedlinburger Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, der auch Theologischer Vorstand der Domschatzverwaltung Halberstadt und Quedlinburg ist. Zunächst bat Himmler in Briefen nur um Zustimmung, die Kirche für die Feierlichkeiten zum 1.000. Todestag des Königs nutzen zu dürfen - dem wurde zugestimmt. Steinhäuser ist überzeugt, dass die dauerhafte Nutzung als NS-Weihestätte da schon geplant war. Aus der Feier am 2. Juli entwickelte sich aber ein mehrtägiges Programm, zu dem ein Gedenkgottesdienst der evangelischen Gemeinde gehörte.    

"Für die Gemeinde war es ein großer Spagat, sich in den Fängen der SS zu wissen, aber zugleich geistliches Profil zu zeigen", sagt Steinhäuser. Die SS durfte für den Staatsakt die Kirchenbänke herausnehmen. Entgegen der Absprachen wurden aber auch noch das Altarkreuz und die Altarbibel entfernt. Die Kirchengemeinde nahm den Missbrauch als Entweihung wahr, auch wenn es einen solchen formalen Akt nicht gegeben hatte.

SS-Fahne auf der Kirche

Die Stiftskirche in der Harzstadt war damals in staatlichem Besitz, die Gemeinde hatte ein Nutzungsrecht und die Schlüsselgewalt. Sie konnte in den nächsten Monaten weiter ihre Gottesdienste feiern. Aber Ende 1937 schlossen die Reichsführung SS und das Ministerium für kirchliche Angelegenheiten einen Vertrag über die künftige Nutzung. Superintendent Johannes Schmidt wurde nunmehr massiv unter Druck gesetzt, die Kirchenschlüssel herauszugeben. Im Februar händigte er die Schlüssel an SS-Obersturmführer Rolf Höhne "unter Vorbehalt" aus. Noch am gleichen Tag wehte die SS-Fahne auf der Kirche.

Auch innerhalb des Gemeindekirchenrats gab es Konflikte, weil Pfarrer Rudolf Hein der oppositionellen Bekennenden Kirche angehörte, Schmidt aber den NS-nahen Deutschen Christen. Mehrere Gemeindemitglieder riefen in einem Brief Schmidt vergeblich dazu auf, "schärfsten Widerstand gegen die Inbesitznahme der Kirche durch die SS zu leisten". Weil Pfarrer Hein auch später noch seine Stimme zum Protest erhob, wurde er mehrfach von der Gestapo verhaftet und noch 1944 zum Kriegsdienst eingezogen.

Ab 1938 keine Gottesdienste erlaubt

Gottesdienstfeiern wurden nach der Schlüsselübergabe weiter gebilligt, aber am Ostermontag 1938 war endgültig Schluss. Die SS besetzte die Kirche für Fahnenweihen, Aufzüge und parteipolitische Veranstaltungen. Die Treppen zum Hohen Chor ließ die SS verbreitern. Im Chor hingen Stoffbahnen mit Hakenkreuz und SS-Runen. Nach dem letzten Gottesdienst habe die Gemeinde resigniert und sich mit dem Rauswurf überwiegend abgefunden, sagt Steinhäuser.

Die SS begann nun mit einer "Wiederherstellung" des romanischen Chors im Innern - von außen blieb das gotische Erscheinungsbild des Chorraums unangetastet. Im Inneren jedoch wurden Altar, Kanzel und Gestühl entfernt und das gotische Chorgewölbe zerstört, um eine neue pseudo-romanische Apsis zu errichten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 erhielt die Gemeinde von der US-amerikanischen Militärverwaltung die Schlüssel wieder zurück - der Zustand, in dem die Gemeinde die Kirche vorfand, war ein Schock. Im Juni wurde der erste Gottesdienst gefeiert, geleitet von Schmidt und Hein.

In der Ausstellung in der Stiftskirche wird auch die Original-Karte mit der Speisenfolge zum Festessen 1936 im Schloss gezeigt: Den Schmaus nach Brühe, Kalbskeule und Salaten ließen sich die SS-Leute mit Erdbeereis und Schlagsahne versüßen.

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