Evangelische Kirche in Deutschland
Missbrauch, Sparpläne, Wahlen - auf der Agenda der Tagung des evangelischen Kirchenparlaments im November stehen heikle Themen. Mit der Wahl einer neuen Spitze der evangelischen Kirche für die nächsten sechs Jahre fällt eine Richtungsentscheidung.
Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, bayerischer Landesbischof

Die Ratswahl vor sechs Jahren in Bremen glich einem Marathon. Elf Wahlgänge und mehr als zwölf Stunden waren 2015 nötig, um das 15-köpfige Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu wählen.

Vom 7. bis 10. November tagt die Synode, das evangelische Kirchenparlament, wieder in Bremen, und wieder steht die Neuwahl des Rates auf der Tagesordnung. 22 Kandidatinnen und Kandidaten - elf Frauen, elf Männer - treten an, nur einer davon kommt aus Bayern. Es ist Stefan Reimers, Ständiger Vertreter von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Leiter der Abteilung F  "Personal" im Münchner Landeskirchenamt. Ein Mitglied des neuen Rats wird zudem den EKD-Ratsvorsitz von Bedford-Strohm übernehmen, der nach sieben Jahren im Amt nicht wieder zur Wahl steht.

Ein Mitglied des neuen Rates steht indes schon fest: Es ist die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich aus Regensburg, die im Mai gewählt wurde. Sie ist qua Amt Ratsmitglied. Die 25-jährige Studentin hatte im November 2015 gerade mit ihrem Bachelor-Studium in Philosophie an der Universität Regensburg begonnen. Nun wird sie im November erstmals eine Synodentagung als Präses leiten. Und dann gleich eine mit harter Tagesordnung.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist die Gemeinschaft der 20 evangelischen Landeskirchen in der Bundesrepublik mit rund 20,2 Millionen Protestanten. Wichtigste Leitungsgremien sind die EKD-Synode mit 128 Mitgliedern, die Kirchenkonferenz mit Vertretern der Landeskirchen sowie der aus 15 ehrenamtlichen Mitgliedern bestehende Rat. Ratsvorsitzender ist bis zur Synode vom 7. bis 10. November in Bremen noch der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Dann wird eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger für ihn gewählt.

Die EKD wurde 1945 als Zusammenschluss lutherischer, reformierter und unierter Landeskirchen ins Leben gerufen. Die einzelnen Landeskirchen sind selbstständig, die EKD koordiniert jedoch das einheitliche Handeln. Ihre Aufgaben liegen vor allem bei Fragen der öffentlichen Verantwortung der Kirche und bei den Beziehungen zu den Partnerkirchen im Ausland. Zudem ist die EKD zuständig für die Herausgabe der Lutherbibel und des Gesangbuchs. Sie veröffentlicht regelmäßig Denkschriften zu ethischen, sozialen, politischen und theologischen Themen.

Die Teilung Deutschlands hatte 1969 auch für die evangelische Kirche eine organisatorische Trennung zur Folge. Nach der politischen Wiedervereinigung schlossen sich 1991 die evangelischen Kirchen in Ost- und Westdeutschland wieder zusammen. Anfang 2007 wurde eine Strukturreform wirksam, die auf eine enge Verzahnung der Organe und Dienststellen von EKD und konfessionellen Zusammenschlüssen der Lutheraner und Unierten abzielt. Seit 2009 tagen daher EKD-Synode, die lutherische Generalsynode und die Vollkonferenz der unierten Kirchen zeitlich und personell verzahnt am gleichen Ort.

Themen, mit denen sich der EKD-Rat beschäftigen wird

Denn nicht nur die Wahl, die vielleicht erneut zum Marathon werden könnte, steht an. Auch die Fälle sexualisierter Gewalt in der Kirche erhalten in den Beratungen viel Raum. Bei den vergangenen Synoden war das Thema kaum präsent - was auch an dem durch die Corona-Pandemie bedingten digitalen Format lag, wie die EKD begründete. Doch das hat auch für Kritik gesorgt. Nun gibt es viel zu besprechen: Im Mai erklärte die EKD, sie werde die Arbeit des Betroffenenbeirats aussetzen, der die EKD zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen beraten soll. Grund dafür waren interne Konflikte über die Rollenklärung und die Basis der Mitarbeit innerhalb der Gremienstrukturen der EKD. Gleich mehrere Mitglieder erklärten ihren Rücktritt.

Wie die Betroffenenbeteiligung in Zukunft gestaltet werden soll, ist bislang nicht geklärt. Offen ist auch noch eine Übereinkunft mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Beides sind Bestandteile des Elf-Punkte-Plans, den die EKD-Synode auf ihrer Tagung 2018 in Würzburg verabschiedete. Ursprünglich hieß es, dass eine Vereinbarung noch vor dem Ausscheiden Rörigs aus dem Amt Anfang 2022 gelingen soll. Ob das klappt, ist fraglich.

Wieder eine Frau an der Reihe

Wie mit dem Thema zukünftig in der EKD umgegangen wird, entscheidet auch der oder die neue Ratsvorsitzende. Schon seit längerem hört man aus internen Kreisen, dass nach über zehn Jahren mal wieder eine Frau an der Reihe wäre. Unter den Kandidatinnen für den Rat blieben dann die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs und die westfälische Präses Annette Kurschus übrig. Es ist zwar nicht vorgeschrieben, aber üblich, dass leitende Geistliche den Ratsvorsitz übernehmen. Beide gehörten zudem in herausgehobener Funktion bereits bisher dem Rat an. Kurschus war stellvertretende Ratsvorsitzende, Fehrs von 2018 bis 2020 die Sprecherin des Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, der 2018 eingesetzt wurde. Unter den Kandidaten für die Ratswahl sind zudem der Kirchenpräsident der hessen-nassauischen Kirche, Volker Jung, ebenfalls Mitglied des alten Rates, der sächsische Landesbischof Tobias Bilz und der Berliner Bischof Christian Stäblein.

Der noch jungen Synode und dem dann neu gewählten Rat wird die Aufgabe obliegen, die bereits beschlossenen Sparvorgaben bis zum Ende der Amtszeit 2027 zu exekutieren. Die diesjährigen Haushaltsberatungen gehen mit Beratungen über die langfristige Finanzstrategie der EKD einher. Auf der digitalen Synode im vergangenen November wurde ein Sparplan beschlossen, der vorsieht, dass die EKD bis 2030 ihre Ausgaben um 17,5 Millionen Euro reduzieren muss. Hintergrund sind die Kirchensteuerprognosen. Denn weniger Mitglieder bedeuten auch weniger Einnahmen.

Die Kandidat*innen für den EKD-Rat

22 Kandidatinnen und Kandidaten stehen auf der Nominierungsliste für den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Rat ist das leitende Gremium der EKD und wird alle sechs Jahre neu gewählt. Ihm gehören 15 Mitglieder an, 14 davon werden auf der EKD-Synode in Bremen vom 7. bis 10. November gewählt. Das 15. Mitglied ist die im Mai gewählte Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich, aus Regensburg.

- Andreas Barner, Mitglied im Gesellschafter Ausschuss Boehringer Ingelheim, Jahrgang 1953, aus Ingelheim am Rhein, verheiratet, eine Tochter, Mitglied im EKD-Rat seit 2015

- Tobias Bilz, Bischof der Sächsischen Landeskirche, Jahrgang 1964, aus Dresden, verheiratet, drei Kinder

- Sabine Blütchen, Rechtsanwältin, Jahrgang 1954, aus Oldenburg, verheiratet, ein Sohn

- Michael Diener, Pfarrer und Dekan von Germersheim, Jahrgang 1962, aus Germersheim, verheiratet, zwei Kinder, Mitglied im Rat seit 2015

- Michael Domsgen, Professor für Evangelische Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Jahrgang 1967, aus Wernigerode, verheiratet, fünf Kinder

- Tobias Faix, Professor für Praktische Theologie an der CVJM-Hochschule in Kassel, Jahrgang 1969, aus Marburg, verheiratet, zwei Töchter

- Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche für den Sprengel Hamburg, Jahrgang 1961, aus Hamburg, verheiratet, Mitglied im Rat seit 2015

- Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand des Oberlinhauses, Jahrgang 1964, aus Potsdam, verheiratet, vier Kinder

- Kerstin Griese, SPD-Bundestagsabgeordnete und bisher Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, Jahrgang 1966, aus Ratingen, ledig, Mitglied im Rat seit 2015

- Miriam Hollstein, Chefreporterin in der Funke Zentralredaktion, Jahrgang 1970, aus Berlin, ledig, ein Kind

- Jacob Joussen, Professor für Bürgerliches Recht, Deutsches und Europäisches Arbeitsrecht und Sozialrecht an der Ruhr-Universität Bochum, Jahrgang 1971, aus Düsseldorf, verheiratet, Mitglied im Rat seit 2015

- Claudia Jahnel, Professorin für Interkulturelle Theologie und Körperlichkeit an der Ruhr-Universität Bochum, Jahrgang 1967, aus Erlangen, verheiratet, zwei Kinder

- Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Jahrgang 1960, aus Darmstadt, verheiratet, zwei Kinder, Mitglied im Rat seit 2015

- Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Jahrgang 1963, aus Bielefeld, ledig, Mitglied im Rat seit 2015

- Silke Lechner, Stellvertretende Leiterin des Referats Religion und Außenpolitik im Auswärtigen Amt, Jahrgang 1974, aus Berlin, verheiratet, zwei Kinder

- Anna von Notz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesverfassungsgerichts und Mitglied des Redaktionsrats des Verfassungsblog, Jahrgang 1984, aus Berlin, verheiratet, zwei Kinder

- Thomas Rachel, Bundestagsabgeordneter und bisher Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Jahrgang 1962, aus Düren, verheiratet, ein Kind, Mitglied im Rat seit 2015

- Stefan Reimers, Leiter der Abteilung F "Personal" im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Jahrgang 1966, aus München, verheiratet

- Julia Schönbeck, Theologie-Studentin, Jahrgang 1997, aus Göttingen, ledig

- Stephanie Springer, Präsidentin des Landeskirchenamts der Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, Jahrgang 1967, aus Hannover, verheiratet, Mitglied im Rat seit 2015

- Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Jahrgang 1967, aus Berlin, verheiratet, vier Kinder

- Josephine Teske, Pastorin in der Nordkirche, Jahrgang 1986, aus Büdelsdorf, getrennt lebend, zwei Kinder

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