Kritik an Kirchentag
Der ehemalige Kirchenasyl-Koordinator Stephan Theo Reichel hat die Wahl von Thomas de Maizière zum Präsidenten des kommenden Kirchentags scharf kritisiert. Er sei "fassungslos", sagt Reichel und bezeichnet den ehemaligen Bundesinnenminister als "Spalter".
Thomas de Maizière im Bundestag
Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

An der Wahl von Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum neuen Kirchentagspräsidenten gibt es Kritik. Stephan Theo Reichel erklärt in einem Rundschreiben, das sonntagsblatt.de vorliegt, er sei "fassungslos über die Wahl". De Maizière sei ein "Spalter".

Reichel: Kirchentagspräsident soll Brücken bauen

Ein Kirchentagspräsident solle "ein Mann der Moderation und des Zusammenführens" sein, schreibt Reichel. Er ist seit März 2020 Vorsitzender des Vereins "matteo - Kirche und Asyl", den er mitgegründet hat. Zuvor war er Koordinator und Ansprechpartner zum Thema Kirchenasyl der bayerischen Landeskirche. 

"Er sollte ein politischer Brückenbauer sein und eine zukunftsgewandte und weltoffene Kirche vertreten. Er sollte einen Aufbruch verkörpern und unserer Kirche einen neuen Schub geben. Und er sollte nicht zuletzt ein tätiger Christ sein, der auch das Gebot der Aufnahme von Fremden aus dem Mathäus-Evangelium ernst nimmt."

All das sei Maizière jedoch nicht, so Reichels Standpunkt.

Zur Person: Stephan Theo Reichel

Stephan Reichel ist seit März 2020 Vorsitzender des Vereins "matteo - Kirche und Asyl e.V.", den er mitgegründet hat. Zuvor war er Koordinator und Ansprechpartner zum Thema Kirchenasyl der bayerischen Landeskirche. Der Verein besteht aus Pfarrerinnen, Pfarrern, Diakonen, Schwestern und Brüdern sowie Ehrenamtlichen und wurde 2017 gegründet. Im Vordergrund stehen Themen wie Aufnahme, Integration und begleitete Rückführung von Geflüchteten sowie der kirchliche Diskurs darüber. Der Vereinsname "Matteo" spielt auf einen zentralen Satz aus dem Matthäus-Evangelium an: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen" (Matthäus 25,35).

 

Konkret wirft er dem Ex-Minister folgendes vor:

  • Er habe seit 2014 als Innenminister "maßgeblich die rechtspopulistische Stimmung befeuert" und eine Asylpolitik der Abgrenzung und Ausgrenzung eingeleitet.
  • Er habe im Dezember 2016 die Abschiebungen nach Afghanistan wieder begonnen. Von ihm stamme das Märchen vom sicheren Afghanistan, das spätestens mit dem Einmarsch der Taliban in Kabul widerlegt worden sei. 
  • Er habe dafür gesorgt, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht mehr ausreichend Asyl und Schutz gewähre, sondern die Anerkennungsquoten nach unten drücken lassen.
  • De Maizière habe das "unfaire und unmenschliche" Dublin-System "rigoros" umgesetzt und Tausende von Menschen in ungarische, bulgarische oder rumänische Gefängnisse oder Prügellager abschieben lassen. Eine kirchliche Initiative gegen die damals besonders krassen Abschiebungen nach Bulgarien habe er trotz umfangreicher Dokumentierung abblitzen lassen. 
  • Als die Kirchen mit zahlreichen Kirchenasylen die schlimmsten Härten seiner Asylpolitik aufgefangen hätten, habe er die jahrtausendealte Tradition des Kirchenasyls als "Scharia" geschmäht. 

Reichel bezeichnet de Maizière als "Kirchenfeind"

Für Reichel Grund genug zu fragen: "Wie soll jemand mit so einer Vita zusammenführen und Brücken bauen?" Er befürchte einen Kirchentag ohne engagierte Christ*innen und bezeichnet de Maizière sogar als "Kirchenfeind".

Der "matteo"-Vorsitzende meint, die Kirche solle die Wahl überdenken – und korrigieren. Es gäbe viele, auch konservative, menschenfreundliche christliche Frauen und Männer, "warmherzige Persönlichkeiten, die es besser machen würden". Reichels Fazit:

"So einen Mann haben wir engagierte Christinnen und Christen nicht verdient."

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Kurz vor der Wahl sei das Thema Asyl trotz der Situation in Afghanistan in den Hintergrund geraten, kritisiert "Matteo - Kirche und Asyl". Die Forderung des Vereins: Eine Rückkehr zu einer Asylpolitik, "geprägt von humanitären und christlichen Werten".

Taliban

Menschen auf einem Markt in Kabul
Viele Menschen in Afghanistan sind nach der erneuten Machtübernahme der Taliban verzweifelt. Stephan Theo Reichel, Vorsitzender von "matteo – Kirche und Asyl e.V." berichtet im Gespräch mit sonntagsblatt.de von Hilferufen, die ihn sowohl aus Deutschland als auch auch Afghanistan erreichen - und stellt klare Forderungen an die Politik.

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