Taliban
Viele Menschen in Afghanistan sind nach der erneuten Machtübernahme der Taliban verzweifelt. Stephan Theo Reichel, Vorsitzender von "matteo – Kirche und Asyl e.V." berichtet im Gespräch mit sonntagsblatt.de von Hilferufen, die ihn sowohl aus Deutschland als auch auch Afghanistan erreichen - und stellt klare Forderungen an die Politik.
Menschen auf einem Markt in Kabul
Menschen auf einem Markt in der afghanischen Hauptstadt Kabul.

Die Ereignisse in Afghanistan scheinen sich in den letzten Tagen zu überschlagen. Nur wenige Tage nach dem endgültigen Abzug der im Land stationierten NATO-Truppen übernahmen die Taliban erst Provinz um Provinz, und schließlich auch die Hauptstadt Kabul. Ziemlich genau 20 Jahre nach ihrem Sturz kontrolliert die Terrormiliz also wieder das Land am Hindukusch - viele Beobachter*innen hatten genau davor gewarnt.

Für viele Menschen in Afghanistan hat das dramatische Folgen, aber auch in Deutschland lebende Afghan*innen sind von der Entwicklung betroffen. Stephan Theo Reichel ist Vorsitzender des Vereins "matteo - Kirche und Asyl e.V.". Bis 2017 war er Kirchenasyl-Koordinator der bayerischen Landeskirche. Im sonntagsblatt.de-Gespräch berichtet er, dass ihn verzweifelte Hilferufe erreichen, warum er es von Anfang an falsch fand, Menschen nach Afghanistan abzuschieben und was er nun konkret von der Politik fordert. 

Was bekommen Sie hier von der dramatischen Entwicklung in Afghanistan mit?

Stephan Theo Reichel: Ich habe in den letzten Tagen Hilfe- und Notrufe bekommen, sowohl aus Deutschland wie aus Afghanistan. Die geben das wieder, was wir jetzt auch wissen:  Dass die Lage in Kabul völlig außer Kontrolle und hochgefährlich ist. Für alle Menschen, die in irgendeiner Weise im besonderen Fokus der Taliban sind, aber auch für die anderen.

Was berichten Ihnen die Menschen denn so?

Stephan Theo Reichel: Wir haben insbesondere Kontakt zu einem jungen Mann, der vor zwei Jahren freiwillig nach Afghanistan zurückgegangen ist. Er wäre sonst abgeschoben worden, von der Ausländerbehörde Oberpfalz. Der wollte jetzt mit einem Ausbildungs- oder Studienvisum zurückkehren. Das hätte er am 18. August in Islamabad abholen können. Nicht bei der deutschen Botschaft in Kabul, weil die schon nicht mehr gearbeitet hat. Der sitzt jetzt in Kabul fest und ist in panischer Angst.

Hat er denn die Möglichkeit, da rauszukommen?

Stephan Theo Reichel: Es gibt wohl eine geduldete Fluchtbewegung in Richtung pakistanischer Grenze. Aber nur, wenn man viel Geld hat. Und er kommt nicht mehr an Transferzahlungen, weil alle Banken und auch Western Union nicht mehr auszahlen.

Welche Hilferufe erreichen Sie aus Deutschland?

Stephan Theo Reichel: Heute morgen hat mich ein sehr verzweifelter junger Mann aus Passau angerufen, in Tränen, ob ich seine Brüder retten kann. Die haben beide bei der Polizei in Masar-i-Scharif gearbeitet, sind nach Kabul geflüchtet und da hört er nichts mehr von ihnen. Und gestern hat mich die Verlobte eines Afghanen, der gegen alle unsere Einsprüche, auch von unserem Landesbischof Bedford-Strohm, im Juli noch in einem letzten Flug abgeschoben wurde, kontaktiert. Sie standen kurz vor der Heirat.

Weswegen wurde er abgeschoben?

Stephan Theo Reichel: Das Vergehen war Fahren ohne Führerschein. Die Verlobte ist völlig aufgelöst. Ich kenne den jungen Mann persönlich. Das geht mir sehr nahe – bei aller Distanz. Solche Situationen hatte ich bisher selten, wo wir so viel Betroffene in ganz konkreter Lebensgefahr an mich herantreten. Eine Situation, die natürlich seit fünf Jahren hätte vorausgesehen werden können.

Wie beurteilen Sie es in diesem Zusammenhang, dass seit 2016 wieder nach Afghanistan abgeschoben wird?

Stephan Theo Reichel:  Wir sind sehr aufgebracht, dass überhaupt nach Afghanistan abgeschoben wurde. Und alle unsere Warnungen und Appelle haben sich jetzt bestätigt. Niemand der Verantwortlichen, angefangen beim Innenminister Seehofer, aber auch der bayerische Innenminister, können sich rausreden, dass das nicht zu erwarten gewesen wäre. Bis vor wenigen Tagen hat auch Außenminister Heiko Maas noch behauptet, es gebe sichere Fluchtgebiete innerhalb Afghanistans. Deswegen könne man aus Deutschland abschieben. Das haben auch die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und Armin Laschet von sich gegeben.

Aus welchen Gründen werden denn Afghan*innen meistens abgeschoben?

Stephan Theo Reichel: Es gibt keine offizielle Statistik. Wir wissen aber, dass über die Hälfte der über tausend Afghan*innen, die seit Wiederaufnahme der Abschiebung 2016 abgeschoben wurden, völlig unbescholten waren. Und sonst waren das sehr oft Bagatelldelikte, wie Schwarzfahren, Fahren ohne Führerschein, einen Joint geraucht, solche Dinge. Ich hab neulich schon im WDR gesagt: Ein Drittel der deutschen Jugendlichen müsste man nach diesen Kriterien nach Afghanistan abschieben.

Was fordern Sie jetzt konkret von der Politik?

Stephan Theo Reichel: Wir fordern eine Rückholung der aus Deutschland abgeschobenen Flüchtlinge. Wir fordern natürlich auch die Evakuierung der Ortskräfte. Und wir fordern die Einrichtung eines Fluchtkorridors, der von der NATO gesichert werden muss. Darüber hinaus fordern wir eine völlige Veränderung der Asylpolitik.

Was genau meinen Sie damit?

Stephan Reichel: Afghan*innen bekommen in den Erstverfahren bisher nur 40 Prozent Anerkennung. Über die Hälfte dieser negativen Bescheide wird aber dann von Gerichten aufgehoben. Auch das ist ein Skandal. Das BAMF ist eine ganz normale Behörde. Wenn eine Baubehörde hier auch nur 5 Prozent ihrer Bescheide durch Gerichte aufgehoben bekäme, wäre die Hölle los. Aber auch die politisch Verantwortlichen wie Herr Seehofer und auch die von mir eigentlich sehr geschätzte Frau Merkel, die das alles laufen ließ, müssen wir in die Verantwortung nehmen.

Stephan Reichel, Vorsitzender von "matteo - Kirche und Asyl e.V."

Stephan Reichel
Stephan Reichel ist Vorsitzender von "matteo - Kirche und Asyl e.V.".

Stephan Reichel ist seit März 2020 Vorsitzender von "matteo - Kirche und Asyl e.V.", den er mitgegründet hat. Zuvor war er Koordinator und Ansprechpartner zum Thema Kirchenasyl der bayerischen Landeskirche. Der Verein besteht aus Pfarrerinnen, Pfarrern, Diakonen, Schwestern und Brüdern sowie Ehrenamtlichen und wurde 2017 gegründet. Im Vordergrund stehen Themen wie Aufnahme, Integration und begleitete Rückführung von Geflüchteten sowie der kirchliche Diskurs darüber. Der Vereinsname "Matteo" spielt auf einen zentralen Satz aus dem Matthäus-Evangelium an: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen" (Matthäus 25,35).

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