Knapp 200.000 Mitglieder haben die 62 Gemeinden des evangelischen Dekanats München, und rund 40.000 von ihnen sind Menschen mit einer Migrationsgeschichte. Doch in den Gottesdiensten, Jugendgruppen oder Seniorenkreisen zeigt sich diese Vielfalt bislang kaum, genauso wenig wie in den Kirchenvorständen, Pfarrhäusern oder Leitungsgremien. Die Arbeitsgruppe "Diversität interkulturell", Ende 2025 von der Dekanatssynode beauftragt, soll das ändern.
Zwischen Anspruch und kirchlicher Realität
"Diversität ist ein Zukunftsthema, an dem niemand vorbeikommt", ist AG-Mitglied Basira Beutel überzeugt.
Ihre Teamkollegin Carmela Rodriguez ergänzt:
"Vielfalt ist kein 'nice to have'. Sie ist für Kirche in einer globalisierten Gesellschaft nötig und muss auf allen Ebenen der Gemeinde stattfinden."
Die beiden Frauen sitzen gemeinsam mit Gottfried Rösch, Pfarrer und Leiter des Evangelischen Migrationszentrums, an einem Tisch im hauseigenen Café Philóxenos. Seit einem halben Jahr ist die neue, insgesamt achtköpfige Arbeitsgruppe aktiv, bislang ging es vor allem um die schwammige Datenlage beim Thema "Evangelisch mit Migrationsgeschichte".
Wer gehört dazu? Migration in kirchlichen Strukturen
Der Begriff "Migrationshintergrund" ist dabei vom Bundesamt für Statistik klar definiert: Er gilt für jede Person, die selbst oder bei der mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Anhand der Mitgliederkartei habe man inzwischen mehr Klarheit gewonnen, sagt Rösch:
"Neun Prozent der Evangelischen im Dekanat sind in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion geboren, weitere zehn Prozent in anderen Ländern."
Aktuelle Zahlen zeigten, dass derzeit besonders viele Protestanten aus Indonesien und Bulgarien nach München ziehen und die evangelischen Gemeinden bereichern.
"Die Einzige mit Migrationsgeschichte"
Oder bereichern könnten. Carmela Rodriguez gehört zur Immanuelkirche Trudering. Die studierte Volkswirtin erlebt ihre Gemeinde als "recht offen". Dennoch sei sie, wenn sie Angebote wahrnehme, "meist die Einzige mit Migrationsgeschichte". Ihr macht die Pionierrolle nichts aus, trotzdem wünscht sie sich mehr Raum für das Thema. Gerade Familien seien immer häufiger von Vielfalt geprägt. "Damit sie Kultur und Tradition weitergeben können, braucht es Gemeinden, die das berücksichtigen."
Dass nicht mehr international geprägte Christ:innen in den Gemeinden aktiv sind, kann nach Ansicht von Basira Beutel, Fachreferentin im Evangelischen Migrationszentrum, eine Vielzahl von Gründen haben. Manche fühlten sich in ihren eigenen Gemeinschaften wohler, sei es aus theologischen oder sprachlichen Gründen. Allein 18 fremdsprachige Gemeinden - von chinesisch über schwedisch bis madagassisch - sind im 1994 gegründeten Forum "Interkulturell Evangelisch in München", kurz IKEM, versammelt.
Andere wiederum fühlten sich im "weißen und etablierten Umfeld" der evangelischen Ortsgemeinden, wie Gottfried Rösch es formuliert, nicht willkommen. Für ihn geht es deshalb weniger darum, die 20 Prozent migrantisch geprägten Mitglieder zu motivieren. Ziel der AG sei es vielmehr, sich "um die anderen 80 Prozent zu kümmern, damit sie die 20 Prozent ernst nehmen".
Zwischen Abwehr und Einsicht
Aber was kann man denn machen, wenn trotz guten Willens und aller Offenheit niemand kommt? Basira Beutel kennt den Mix von schlechtem Gewissen und Rechtfertigung, den das durchschnittliche Gemeindemitglied bei dem Thema packt. Erst recht, wenn Begriffe wie "institutioneller Rassismus" hinzukommen, mit dem sich nicht nur die Kirchen, sondern viele andere gesellschaftliche Organisationen beschäftigen müssten.
Schließlich sitzen nicht nur im Kirchenvorstand vor allem weiße Menschen - auch der neue Münchner Stadtrat spiegelt die rund 48 Prozent Migrationshintergrund in der Stadtgesellschaft eher unzureichend wider.
"Wichtig ist: nicht abschalten!", plädiert Beutel.
Um etwas an der Situation zu verändern, müsse man die alte Abwehrhaltung verlassen, ohne Scham über die eigenen Privilegien nachdenken und herausfinden, was man selbst zur Veränderung der Situation beitragen könnte.
Konkrete Schritte statt abstrakter Debatten
Bis Ende 2027 will die AG "Diversität interkulturell" der Dekanatssynode Ideen liefern, wie eine Öffnung des evangelischen Lebens in und um München funktionieren könnte. Ein paar Vorschläge haben Rösch und Beutel jetzt schon: Kirchliche Stellenausschreibungen so formulieren und bebildern, dass sie auch Menschen mit Migrationsgeschichte ansprechen.
Die Werbung für den Theologienachwuchs überprüfen. Eine zentrale Ansprechstelle für rassistische Vorfälle im Raum der Kirche einrichten, analog zur Ansprechstelle bei sexualisierter Gewalt. Und, ganz praktisch:
"Dass in fünf Jahren mehrere Pfingstgottesdienste selbstverständlich mehrsprachig ablaufen", sagt Rösch.
Gelebte Vielfalt im Gottesdienst
So wie in der Magdalenenkirche im Stadtteil Moosach, wo am Pfingstsonntag (24. Mai) die Adoai International Church mit dem Glorious Prayer Ministry, der Koreanischen Gemeinde und der Heilig-Geist-Gemeinde einen "Crossover Gottesdienst" feiert.
Dass Veränderungen Zeit brauchen, weiß Gottfried Rösch. Er wünscht sich trotzdem, dass die evangelische Kirche als "Player im sozialen Gefüge der Stadt" zum "selbstbestimmten Motor der Weltoffenheit" wird.
Basira Beutel, die das Schneckentempo bei dem Thema manchmal "anstrengend" findet, hofft auf "viele kleine Schritte zum großen Ziel". Nur Carmela Rodriguez ist uneingeschränkt optimistisch. "Das Gute ist", sagt sie und strahlt, "dass es noch viel Luft nach oben gibt." Für sie kennt die Entwicklung des Themas interkulturelle Öffnung in der Kirche deshalb nur eine Richtung: aufwärts.