Kirche und Digitalisierung
In der Erlöserkirche München findet am 23. Oktober eine Schulung zum Thema "Sinnfluencer*innen" statt. Pfarrer Andreas Braveny erzählt im Sonntagsblatt-Gespräch, was es damit auf sich hat – und warum die Digitalisierung für die Kirche so essentiell ist.
Ein Porträt von Andreas Braveny. Er trägt einen Anzug und eine Brille, lächelt in die Kamera und hat braune Haare.
Der Pfarrer der Erlöserkirche München, Andreas Braveny.

Die Erlöserkirche München bietet am 23. Oktober eine Schulung zum Thema "Sinnfluencer*innen" an. Dominic Possoch vom BR24-Format "Possoch klärt" bringt jungen Menschen bei, wie sie mit Schnittprogrammen umgehen und was die optimale Kameraführung ist. Die Gemeinde erhofft sich dadurch ein engagiertes Team von Jugendlichen auszubilden, das bereit ist, die Erlöserkirche in ihrer Onlinepräsenz zu unterstützen. Weiteres erklärt Pfarrer Andreas Braveny im Interview.

Wie ist die Erlöserkirche München-Schwabing momentan auf Social Media präsent?

Andreas Braveny: Wir haben einen aktiven Instagram-Kanal mit einer wachsenden Followerzahl. Außerdem haben wir während des ersten Lockdowns, als gottesdienstliche Feiern untersagt waren, Videos mit kurzen Impulsen gedreht und auf YouTube gestellt, die nach wie vor zugänglich sind. Und wir nutzen Facebook für Termine.

Wieso haben Sie sich entschieden, diese Schulung anzubieten und nach jungen Nachwuchstalenten zu suchen?

Braveny: Die Videos waren nur möglich, weil viele Menschen uns ihr Können und ihr Engagement zur Verfügung gestellt haben. Da steckte viel Arbeit und Zeit dahinter. Während des Lockdowns ging das, aber jetzt, im laufenden Tagesgeschäft, ist das nicht zu realisieren. Daher sind wir - wie in vielen Bereichen - auf die Unterstützung Ehrenamtlicher angewiesen. Das ist das eine. Das andere und wichtigere ist uns aber, dass wir die Auseinandersetzung von Menschen mit Themen rund um Religion und unsere Gemeinde fördern wollen.
Kirche, gerade die evangelische, ist ja kein Selbstzweck, sondern will mit ihren Angeboten helfen, dass Menschen sich eigenverantwortlich zu den großen Sinn- und Ohnmachtserfahrungen des Lebens verhalten. Wenn uns das gelingt, in diesem Fall gerade bei jüngeren Menschen, die bei unseren bisherigen Angeboten nicht andocken können, freuen wir uns. Tatsächlich haben sich zum Beispiel Schüler*innen eines Relikurses einer gymnasialen Oberstufe angemeldet. Das ist super!

"Oft findet der Erstkontakt zur Ortsgemeinde ja mittlerweile online statt."

Was ist das Ziel der Schulung?

Braveny: Wir wollen den YouTube-Kanal der Erlöserkirche ausbauen. In unserem kostenlosen Workshop unter Anleitung des Social-Media-Profis Dominic Possoch lernen die Jugendlichen alles, was sie dazu brauchen: Schnitttechnik, Präsentation und Kameraführung. Das eigentliche Anliegen – und das geht ja weit über das Ziel der Schulung hinaus – ist es, mit Menschen, gerade den kirchenfernern, neuen Kontakt aufzubauen. Oft findet der Erstkontakt zur Ortsgemeinde ja mittlerweile online statt.

Wie wird es nach der Schulung weitergehen? Was erhoffen Sie sich von den Jugendlichen, die daran teilnehmen?

Braveny: Wir erhoffen uns eine Win-Win-Situation: Die Jugendlichen bekommen von uns das Coaching und die notwendigen technischen Skills. Wir bekommen dafür Content zu unserer Gemeinde. Wir wollen die digitale Welt nutzen, um Berührungspunkte mit der Erlöserkirche zu schaffen und Glaubensthemen ins Gespräch zu bringen. Das ist ja nicht nur ein Anliegen von mir als Pfarrer. Junge Menschen sollen ihr Christsein bzw. ihr Interesse an religiösen Fragen zum Thema machen.

"Mein Glaube hilft mir, wie ich im digitalen Raum agiere."

Im Hinblick auf Kirche und Digitalisierung: Braucht man Sinnfluencer*innen heute für modernen Glauben?

Braveny. Das ist eine gute Frage: Passen Glaube und digitale Lebenswelt zusammen? Hilft die digitale Lebenswelt für einen "modernen" Glauben? Ich würde es umdrehen: Mein Glaube hilft mir, wie ich im digitalen Raum agiere. Denn mein Glaube hat ja Auswirkung auf mein gesamtes Leben, weil er mich als Mensch verändert. Durch den Glauben finde ich in neue Haltungen. Dazu gehören auch Maßstäbe, wie ich mich gegenüber meinen Mitmenschen verhalte. Wir wissen ja, wie viel Respektlosigkeit und spalterisches Verhalten im digitalen Raum stattfindet. Mein Glaube hilft mir, auch im digitalen Raum achtsam und großzügig zu sein. Wenn Sinnfluencer*innen helfen, einen niederschwelligen Zugang zum Glauben zu eröffnen, finde ich das gut. Aber man muss genau hinschauen. Ich erlebe sehr unterschiedliche Niveaus. Oft bleibt es inhaltlich banal. Und natürlich gibt es die Gefahr der eigenen Selbstinszenierung. Es geht nicht mehr um den exemplarischen, persönlichen Zugang zum Christentum, sondern um die eigene Selbstbestätigung.

Schulung der Erlöserkirche zum Thema "Sinnfluencer*innen"

Die Social Media-Schulung der Erlöserkirche findet am Samstag, dem 23. Oktober, statt, und wird von Daniel Possoch, dem Moderator von "Possoch Klärt", gehalten. Weiterführende Informationen sind auf dem Youtube-Kanal der Erlöserkirche oder auf ihrer Webseite zu finden. Die Anmeldung ist bis kurz vor der Schulung möglich.

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