Schön dunkel draußen, und drinnen schön warm. Vielleicht leuchten Weihnachtslichter, von innen nach außen – von Haus zu Haus. Ich stelle mich daheim manchmal ans Fenster und schaue auf die Straße und rüber zu den Nachbarhäusern. Ich freue mich, wenn ich dann einen Blick erhasche auf einen geschmückten, erleuchteten Christbaum. Und durch die Transparentsterne in den Fenstern leuchtet warmes Licht in den dunklen Winterabend. Bis hinüber zu mir.

Oder auch wenn man abends noch durchs Viertel läuft, mit dem Auto oder mit dem Zug durch die Landschaft reist – lauter Lichtblicke.

Die Welt wird ein bisschen durchlässiger an Weihnachten.

Und die Menschen auch. Man könnte auch sagen: Zarter. Dünnhäutiger. Zerbrechlicher.

Schön ist das und schwer zugleich. Denn verletzlich sein heißt ja auch, ich liefere mich dem allem aus. Vielleicht bin ich überfordert von der ganzen schönen Stimmung, die rund um mich herum herrscht. Kann ich da mitmachen? Oder fühle ich mich außen vor?

Was tut mir gut an diesem Abend? Vielleicht fehlt mir etwas oder jemand.

Weihnachten spricht immer auch die leise Sehnsuchtssprache. Und fragt: Wo hält sich die Weihnachtsfreude versteckt?

Sie liegt im Stroh. In der Krippe. Winzig. Zart. Verletzlich.

Und sie liegt in den Worten der alten Geschichte.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2)

Zart und handfest

Es braucht Leises, Zartes und Zärtliches für das neugeborene Kind. Und Handfestes braucht es auch Da gibt es einiges zu tun: Das neugeborene Kind mit Stroh und Tüchern abwischen und warm einwickeln, der Mutter in die Arme und an die Brust legen. Die Tücher nach der Geburt waschen, auswringen, das Kind tragen, in Windeln wickeln, Stroh in die Krippe legen… Alles sicher machen, um das Zarte zu schützen. Im Stall von Bethlehem und in den Räumen unseres Lebens.

Der Atem von Ochs und Esel sorgt zusätzlich für ein wenig Wärme.

Das ist keine Idylle. Und doch bleibt in diesem Moment die Zeit stehen. Sie sind ganz nah beieinander: Lachen und Weinen. Und nach dem Schreien unter der Geburt – Ruhe, keine großen Worte machen, Stillesein, der Babystimme lauschen und es anschauen, immerzu anschauen, staunen, streicheln. Wenn ein Kind zur Welt kommt, gibt es nichts Wichtigeres. Alle Welt soll dieses Kind beschützen. Jedes neugeborene Kind. Das ist heilige Menschenpflicht.

Maria, die Mutter, muss ruhen nach der anstrengenden Geburt. Josef hat bestimmt Angst um sie gehabt, er kümmert sich. Auf alten Gemälden sieht man ihn Feuer machen, Suppe kochen, Licht in einer Laterne anzünden. Sie sind beieinander. In dieser Stall-Notunterkunft, in diesem Provisorium. Nicht perfekt. Aber das ist ihr Ort für diese Nacht. Alles, was geht. Gemeinsam hüten sie das Kind. Dass ihm nichts geschieht.

Sich freuen, nicht fürchten

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. (Lukas 2)

Und das alles in einer einzigen Nacht!

Unterwegssein, auf der Durchreise, Wehen setzen ein, der erste Schrei, die Schafe und die Hirten, alles wie immer - und dann: alles anders. Himmlisch und furchterregend. Extrem verwirrend das Ganze. Wer soll das fassen können?!

Gut, dass der Engel erst mal dableibt bei den Hirten. Dieser starke Fürchtet-euch-nicht-Engel. Sie brauchen ihn. Denn das mit der großen Freude – wie soll das gehen? Wieso auf einmal freuen? Plötzlich gerettet? Das alles ist ja wohl ziemlich unwahrscheinlich. Die Hirten haben sich in ihrem Leben eingerichtet. Damit abgefunden. Sie werden nie dazugehören. Sind immer das Letzte. Abschaum und außen vor. Und passen nicht ins Stadtbild. Dass sich daran etwas ändern könnte, das verunsichert auch. Bringt das Gewohnte ins Wanken.

Und das soll so sein.

Große Freude soll sein, die allem Volk widerfahren wird.

Und dann folgen ein paar mehr Infos, Eckdaten, Erklärungen. Inklusive Wegbeschreibung. Das alles liefert der Engel, und die Hirten hören zu. Ungläubig, neugierig, fassungslos.

Hier im kleinen, bedeutungslosen Bethlehem, der Retter, der Messias, der Heiland – neugeboren, ein Baby in einer Futterkrippe? Es wird immer absurder.

Wie zur Bekräftigung kommen dann haufenweise Engel, noch mehr Glanz und Klang und große Worte. Himmelsworte. Machtworte, Trostworte. Vom Frieden auf Erden.

Mehr geht nicht!

Zerbrechliches retten

Wie ist das mit der Weihnachtsfreude? Spür ich sie?

Und trau ich dem Frieden, dem großen wahrhaftigen Frieden auf Erden. Gottes Schalom.

Er ist gefährdet. Wo man hinschaut, egal in welche Himmelsrichtung: Diese Welt kennt Krieg und Zerstörungswut, Größenwahn, Gewalt und heilloses Unrecht. Auch an Weihnachten. Doch: Euch ist heute der Heiland geboren. Christus, er ist der Herr in der Stadt Davids. In Jerusalem und in jeder Stadt. Alle anderen, die Herodese und Präsidenten, Henker und Kriegstreiber aller Zeiten – sie sind es nicht.

Dort wo Welten einstürzen, Häuser zerbombt werden – Kinder und Frauen und Männer sich verstecken, retten müssen und in Sicherheit bringen…

Dort wird der Heiland geboren.

Das Kind in der Krippe bleibt unversehrt und heil. Vorerst.

Heil und unversehrt leben – das wäre ein Traum. Wäre Friede auf Erden.

Doch wir wissen – er ist zerbrechlich. Der Weltfrieden wie der Familienfrieden. Der Weihnachtsfrieden ist zerbrechlich. Und kostbar.

Zu allen Zeiten, auch in Kriegszeiten haben das Menschen erlebt. Zum Beispiel Familie Timm aus Hamburg. Nach einem Bombenangriff, am 6. August 1943 in Hamburg brennt das Haus, in dem sie wohnen, auch ihre Wohnung im 3. Stock. Sie versuchen noch ein paar Sachen zu retten. Der Schriftsteller Uwe Timm erinnert sich und erzählt:

"Der Vater, der zufällig auf Fronturlaub da war, und die Schwester ... hatten, ...sich ein paar Dinge gegriffen, einen Rauchtisch, einen Koffer aus der Kammer, ein paar Handtücher, ein Plumeau, zwei Porzellanfiguren, einen Porzellanteller und eine kleine Kiste, in der meine Schwester Wertsachen vermutete, tatsächlich war darin der Christbaumschmuck.

Sie hatten die Dinge ergriffen, wie sie gerade standen oder lagen, schon stürzten Balken und Mauerteile herab. Sie trugen sie auf die Straße, wo all die anderen Bewohner standen, darunter die Mutter, das Kind, mich, auf dem Arm. Ringsum brannten die Häuser."

Die Familie überlebt. Und wie durch ein Wunder ein paar Dinge auch, leicht beschädigt. Die beiden Biedermeier-Porzellanfiguren zum Beispiel sind erhalten und nur an ein paar Stellen kaputt, eine Hand, ein kleines Büchlein sind abgebrochen und ein paar Finger.

"In der Nachkriegszeit standen diese invaliden Figuren auf dem Bücherschrank, Denkmäler dessen, was die Eltern im Krieg verloren hatten. Unbeschädigt hingegen, und das wurde immer wieder als ein Kuriosum erzählt, waren die Christbaumkugeln geblieben, die in einer Schachtel von der Schwester aus dem brennenden, einstürzenden Haus getragen worden waren."[1]

Inmitten größter Gefahr bleibt das Zerbrechliche heil und ganz. Die Häuser sind eingestürzt, aber ausgerechnet die Christbaumkugeln sind nicht zerbrochen.

Zu schön, um wahr zu sein? Nein, das gibt es: Alles um dich herum zerbricht, eine Welt stürzt ein. Und doch ist da etwas, das wird gerettet. Das bleibt heil. Da ist etwas, das erinnert dich an dein Heilsein… Tief in dir drin ist etwas unzerstörbar in alle Ewigkeit. Weil Gott es so will.

So zeigt sich Gottes Wahrheit. Sie kommt in unsere wirre, unheilvolle Welt. Gottes zarte verlässliche Wahrheit. Sie wird Mensch.

Und so sehen wir an Weihnachten unser Menschsein in der Krippe liegen. Und erkennen, wie kostbar und wie zerbrechlich wir sind. How fragile we are.

Auf Weihnachtsengel hören

Für mich ist er auch ein Weihnachtsengel, der Sänger und Musiker Sting. Er singt vom Frieden auf Erden. Wie fragil er ist, wie zerbrechlich das Leben. Und dass Gewalt zu nichts führt. Sting singt sanft, nicht laut. Und ohne Gloria. Zärtlich – wie in einer Nacht, in der man ein Neugeborenes in den Schlaf singt oder wie man am Feuer sitzt unterm Sternenhimmel und nachts die Schafe hütet.

Zu seinem 50. Geburtstag will der Sänger ein privates Konzert geben – in Italien, wo er lebt. Es ist der Abend des 11. September 2001. Wenige Stunden vorher sind die Türme des World Trade Centers zusammengefallen. Der Terror-Anschlag hat alle bisherige Sicherheit zerstört. Unvorstellbares ist an diesem Tag geschehen. Darf man da ein Konzert geben? Sting entscheidet sich schließlich dafür. Und widmet es den Menschen in New York. Er beginnt das Konzert mit diesem Lied: Fragile. Dann folgt eine Schweigeminute. Dieser Anfang des Konzertes wird live in alle Welt übertragen. Es verbindet alle. How fragile we are. Als zerbrechliche Menschenkinder kommen wir auf die Welt. Und halten viel aus.

"Fragile" klingt wie ein Trauerlied. Und es klingt auch nach Trost. Wie ein Schutzengellied über die Zerbrechlichkeit des Lebens. Ich glaube, das hat in dem Moment damals viele Menschen getröstet und ermutigt, sich nicht vor Hass und Gewalt zu beugen.

Jahre später singt Sting es aus dem gleichen Grund in Paris. Bei der Wiedereinweihung des "Le Bataclan". Das ist der Musikclub, in dem fast 90 Menschen bei einem Attentat gestorben sind. Auch Hélène, eine junge Mutter. Ihr Mann Antoine schreibt unmittelbar danach in den Sozialen Medien: Meinen Hass bekommt ihr nicht. Er will sich unterscheiden von den Tätern. Ihnen nicht noch mehr Macht geben. Ihre Gewalt soll nicht sein ganzes weiteres Leben vergiften, das Aufwachsen seines Kindes. Meinen Hass bekommt ihr nicht. Weiterleben, weiterlieben.

Auch ein Weihnachtsengel, ein trauriger. Er traut dem Zerbrechlichsein mehr zu als der Gewalt. Der verletzlichen Liebe mehr als dem Hass.  

Auch davon singt Sting in "Fragile”. Und in diesen Tagen ist es wieder so aktuell, nach dem Attentat am Bondi Beach, wo jüdische Menschen ihr Lichterfest, Chanukka, gefeiert haben.

Der verletzlichen Liebe mehr zutrauen als dem Hass. 

Ich sehe diese Liebe im Stroh liegen, klein und runzlig, in Windeln gewickelt.

Und oben am Himmel leuchtet der Stern.

Und wenn es regnet, fällt der Regen auf Gut und Böse und alles dazwischen, on and on the rain will fall like tears from a star. Als würde der Stern weinen. Damit wir nicht vergessen, wie zerbrechlich wir sind, how fragile we are.

So ist es auch in dieser Nacht. Da sind weihnachtliche Menschen unterwegs. Wie die Hirten. Weinende Menschen und Sterne. Es wird gefeiert und gelacht, gesungen, gestorben und geliebt in dieser Nacht. Und mittendrin steht ein Stall, eine Krippe, ein Kind. Heiliger Gott mit uns. Gott, die Liebe.

Fürchtet euch nicht, höre ich den Engel sagen. In diesem zerbrechlichen Leben wird etwas gut und ganz und heil bleiben. Weil Gott selbst es auf sich nimmt und rettet. Mit Babygeschrei. Und manchmal ganz still.

Dieses wehrlose Kind hat alle Macht der Welt. Es verführt selbst Grobiane zum Lächeln und Leisesein. Schenkt Fingerspitzengefühl für den Frieden.

Wenn ich an die Weihnachtsfeste meiner Kindheit zurückdenke, sehe ich, wie mein Vater mit uns Kindern den Christbaum schmückt. Ich sehe noch, wie er vorsichtig Kugel für Kugel, jede einzeln in Seidenpapier gewickelt, aus der Pappschachtel holt und an die Zweige hängt. Die Kugel bloß nicht zu fest drücken, bloß nicht fallen lassen, sie geht sofort kaputt. Ich kann mich nicht erinnern, dass je eine runtergefallen ist. Mein Vater muss sie sehr zart behandelt haben.

Zart sein. Auch miteinander. Vielleicht auch wissen, was man tut. Wie man miteinander redet. Damit die Weihnachtsfreude hält, was sie verspricht. Friede auf Erden.

Vaterunser

Vater unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.

Weihnachtssegen

Gott segne dich an diesem Weihnachtsabend.

Gott segne dich mit Trost und Licht und berge dich im Frieden

verbunden mit den Menschen deines Lebens – im Himmel und auf Erden.

Frohe, gesegnete Weihnachten!

 

[1] Uwe Timm, Am Beispiel meines Bruders, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, S. 37-41 i.A.