Leonie Krüger ist seit dem 1. Juni 2025 auf einer Projektstelle bei der Diakonie Bayern tätig, die aktueller kaum sein könnte: Unter dem Titel „Diakonie der Vielfalt“ beschäftigt sie sich mit Demokratieförderung im Alltag sozialer Arbeit. Ihr Blick richtet sich dabei auf eine Entwicklung, die viele Einrichtungen zunehmend herausfordert: den Umgang mit rechtspopulistischen Aussagen – im direkten Kontakt mit Klientinnen und Klienten, aber auch im gesellschaftlichen Klima insgesamt.
Im Gespräch schildert Krüger, wo Mitarbeitende damit konfrontiert sind, welche Dynamiken dahinterstehen und wie ein professioneller, werteorientierter Umgang gelingen kann.
Frau Krüger, wo sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie Bayern mit Rechtspopulismus konfrontiert?
Leonie Krüger: Das Thema zieht sich durch alle Arbeitsbereiche, von der Schuldnerberatung über die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit bis zur Pflege. Es kommt immer wieder vor, dass Klientinnen und Klienten rechtspopulistische Aussagen machen, aber auch Angehörige oder Eltern in Kindergärten oder Schulen. Oft sind das rassistische oder diskriminierende Äußerungen, die unserem christlichen Menschenbild in der Diakonie widersprechen.
"Es gibt Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder mit Kindern anderer Hautfarbe spielen"
Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Zum Beispiel wird gesagt, dass Deutschland gerettet werden müsse und die AfD die einzige Partei sei, die das tun könne. Es kommen auch Vorwürfe gegenüber Menschen, die Bürgergeld beziehen, dass sie faul oder kriminell seien, oder dass Migrantinnen und Migranten Sozialleistungen ausnutzten und die Deutschen leer ausgingen.
Es gibt auch Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder mit Kindern anderer Hautfarbe spielen. Oder die sich beklagen, dass ihre Kinder kein gutes Deutsch lernen, weil in den Schulen ja kein Deutsch mehr gesprochen werde. Und dann gibt es allgemeine Äußerungen gegen die Medien oder gegen die Politik, etwa, dass man Politikern nicht mehr vertrauen könne. Die Beratungskräfte melden mir solche Fälle und ich bespreche dann mit ihnen, wie sie damit umgehen können.
Was raten Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit solchen Aussagen konfrontiert werden?
Vielfach ist es so, dass bei Klientinnen und Klienten eigene Sorgen und Nöte dahinterstecken. Wenn jemand zum Beispiel wenig Geld hat, hoch verschuldet ist, dann kann es Neidgefühle oder Vergleiche geben: Den anderen, etwa den Migrantinnen oder Migranten, geht es vermeintlich besser, für sie wird viel getan, aber für mich nicht. Meiner Erfahrung nach steht hinter rechtspopulistischen Äußerungen in fast allen Fällen das Empfinden sozialer Ungerechtigkeit.
Wie kann man dann konkret reagieren?
Es ist wichtig, Mensch und Meinung zu trennen. Das heißt nicht, die andere Meinung einfach zu akzeptieren. Aber man soll die Person respektieren und einordnen, warum sie etwas sagt. Menschen, die zweifeln, die frustriert oder verärgert sind, kann man zum Teil noch mit Zahlen und Fakten erreichen. Bei Menschen, die sich aus Überzeugung rechtspopulistisch äußern oder verbittert sind, kommt man damit nicht mehr weit.
Es kann ein guter Weg sein, Ich-Botschaften zu senden und etwa zu sagen: Ich finde es wichtig, dass Menschen respektiert werden und ihre Würde gesehen wird. Man kann auf unser christliches Menschenbild verweisen, auf unsere Positionen und Werte wie etwa die Nächstenliebe, um sich von solchen Äußerungen abzugrenzen.
"Die Demokratie bietet keine Garantie für wirtschaftliche Stabilität und Wohlstand"
Sie sprachen vom Empfinden sozialer Ungerechtigkeit als Grund für rechtspopulistische Äußerungen.
Man muss die Probleme, die es in unserer Gesellschaft gibt, klar benennen und nicht schönreden. Auch die Politik hat Fehler gemacht, da ist auch viel schlecht kommuniziert worden. Solange viel Geld da war, schien alles gut zu sein, doch jetzt beginnen die Verteilungskämpfe. Die Demokratie bietet jedoch keine Garantie für wirtschaftliche Stabilität und Wohlstand. Ich glaube, das ist oft verwechselt worden. Man kann die Demokratie nicht dafür verantwortlich machen, dass wir jetzt in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten leben. Der Rechtspopulismus greift aber einseitig negative Entwicklungen heraus und verallgemeinert sie. Er arbeitet mit Halbwahrheiten und Stimmungsmache.
Was kann man rechten Niedergangsszenarien entgegenhalten?
Wir müssen genau hinschauen: Wo sind die Probleme und welche Handlungsmöglichkeiten haben wir? Zuwanderung wird oft abschreckend und feindlich dargestellt, doch sie bereichert auch unsere Gesellschaft. Integration klappt an ganz vielen Stellen. Es ist wichtig, wieder positive Zukunftsvorstellungen für unsere Gesellschaft zu entwickeln. Und wir müssen das gesellschaftliche Bewusstsein dafür stärken, wie wichtig unser sozialer Zusammenhalt ist. Er ist die Voraussetzung für alles. Dann lassen sich auch viele Probleme lösen.
Bei der Diakonie arbeiten ja auch viele Menschen mit einem Migrationshintergrund. Gibt es auch innerhalb der Teams manchmal Konflikte?
Ja, es gibt auch in der Diakonie vereinzelt Spannungen und Konkurrenz zwischen verschiedenen Migrantengruppen oder Generationen. Da muss man schauen, dass man in einen Austausch kommt und darauf achten, dass nicht die eine Gruppe gegen die andere ausgespielt wird. Wir ziehen ja alle an einem Strang und haben ein gemeinsames Anliegen. Vielfaltsarbeit nach innen ist die Voraussetzung für überzeugende Demokratiearbeit nach außen. Erst wenn man in den diakonischen Einrichtungen Vielfalt wirklich lebt und die Leitbilder nicht nur bedrucktes Papier sind, dann erst kann auch demokratisches Handeln gelingen.
"Wir müssen wieder lernen, zuzuhören und andere Meinungen zu respektieren"
Wie können Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen?
Es ist wichtig, konkrete Räume für Verständigung zu schaffen, um der Polarisierung und Emotionalisierung in der aufgeheizten Debattenkultur entgegenzuwirken. Wir müssen wieder lernen, zuzuhören, andere Menschen ausreden zu lassen und andere Meinungen zu respektieren. Demokratie muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Das ist aufwändig und bedeutet, Kompromisse zu schließen und das eigene Ego auch mal zurückzustellen.
Solche Räume fördert zum Beispiel die Initiative "Verständigungsorte" der evangelischen Zukunftswerkstatt midi, der Diakonie Deutschland und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Kirchengemeinde in Lauf an der Pegnitz etwa hat einen solchen Verständigungsort geschaffen. Sie lädt zu Veranstaltungen in eine Gaststätte ein, wo Themen wie Kriegsdienstverweigerung, Medien und Meinungsbildung oder die Zukunft der Kirche kontrovers diskutiert werden. Das Diakonische Werk Bayern unterstützt die Neugründung von Verständigungsorten im Freistaat mit insgesamt 10.000 Euro.