Das Signal, das die EKD-Friedensdenkschrift aussendet, spiegelte sich bereits am 10. November im Medienecho: "Die evangelische Kirche bricht mit ihrer Friedensethik" titelte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", und die "Berliner Zeitung": "Kirche überrascht mit Kurswechsel – Atomwaffen sind politisch notwendig."
Der theologische Wendepunkt, der in der Denkschrift dazu führt, dass auch Atomwaffen als notwendig zur Verteidigung gerechtfertigt sein können, ist der proklamierte Primat des "Schutzes vor Gewalt" aus Nächstenliebe, der Gegengewalt mit Waffen rechtfertigen kann.
Primat des Schutzes vor Gewalt: Rechtfertigung von Krieg?
In einer weltpolitisch hochbrisanten Situation kriegerischer Konflikte mit der Gefahr eines dritten Weltkrieges stärkt die Denkschrift mit ihrer ethischen Rechtfertigung kriegerischer Gewalt als ultima ratio militärische Optionen.
Die Denkschrift suggeriert, Frieden könne durch Krieg statt durch Diplomatie erreicht werden. Angesichts der dramatischen Zunahme von Krieg und Gewalt und der massiven Steigerung von Militärausgaben weltweit fehlt der Denkschrift der Mut, theologisches wie politisches Vertrauen nicht in Waffen zu setzen, sondern an Jesu Vernunft des Gewaltverzichts zu orientieren.
Mit ihrer Verengung des jesuanischen Prinzips der Gewaltfreiheit auf den Schutz vor Gewalt und dessen Bindung an territoriale Integrität drängt sie jedoch den Pazifismus als Option und nicht-militärische Perspektiven an den Rand. Schutz vor Gewalt gilt zudem zuerst für Mensch, Tier und Ökosphäre und ist nicht an Territorium gebunden.
Jesu Gewaltverzicht vernachlässigt: Diplomatie statt Krieg
Eine theologisch glaubwürdige friedensethische Intervention müsste Perspektiven für Auswege aus militärischer Eskalation aufzeigen.
Das Gebot Jesu, die Feinde zu lieben, hätte zu einer viel stärkeren Betonung der Notwendigkeit von Diplomatie statt Krieg führen müssen.
Beim Ukrainekrieg, der der Hintergrund für die theologische Wende der Denkschrift ist, übernimmt sie jedoch völlig unkritisch das Narrativ des westlichen Bündnisses: Nach dem Angriff Russlands sei die militärische Unterstützung der Ukraine zum "Schutz vor Gewalt" ultima ratio gewesen. Dies ist jedoch eine einseitige Sicht, die nicht nur die Perspektive der weltweiten Ökumene und des globalen Südens, sondern auch diplomatische Bemühungen außer Acht lässt.
Globale Perspektiven und ökologische Folgen kaum berücksichtigt
Von einer christlichen "Friedensvernunft" her müsste nicht zuletzt geprüft werden, ob ein militärischer "Schutz vor Gewalt" nachhaltig Leben schützt. Auch Aufrüstung wäre kritisch auf ihr Gefahrenpotential wie auch auf ihre fatalen ökologischen und sozialen Folgen hin zu hinterfragen. Doch selbst der Begriff der Kriegstüchtigkeit wird in der Denkschrift nicht verworfen – er sei nur "mit äußerster Zurückhaltung" zu gebrauchen.
Indem sich die EKD-Denkschrift anschlussfähig an den politischen Mainstream macht, setzt sie sich in einen offenen Widerspruch zum Geist Jesu.