Der neue Wehrdienst ist bei der Jugend angekommen: Als Reli-Lehrer Florian Büttner seine Zwölftklässler am Josef-Effner-Gymnasium fragt, wer im Freundeskreis schon darüber diskutiert hat, gehen alle Hände hoch. Dass die Jugendlichen keine eindeutige Haltung dazu haben, wird aber auch schnell deutlich an diesem Dienstagmorgen, an dem der bayerische evangelische Landesbischof Christian Kopp zu Gast im Reli-Unterricht der Dachauer Schule ist. Sie habe von einem langgedienten Offizier gehört, dass er bei der Bundeswehr auch tolle Begegnungen und interessante kulturelle Erfahrungen gemacht habe, sagt eine Schülerin.

"Aber an der Front stehen, das könnte ich, glaube ich, nicht."

Es bleibt eine sehr konzentrierte Runde im Klassenzimmer mit dem moosgrünen Teppich und dem Ausblick in einen nebligen Märzmorgen: Wie geht der Dienst an der Waffe mit den Zehn Geboten zusammen? Was kann man dagegen tun, dass einer wie US-Präsident Donald Trump das Christentum zu seinen Zwecken umdeutet? Sollten Kirche und Politik überhaupt verbunden sein? Ist es gerecht, wenn eine mögliche Wehrpflicht nur für junge Männer gilt, aber nicht für junge Frauen?

Bischof: Nur Bildung hilft gegen Fake News

Der Landesbischof gibt nachdenkliche Antworten auf die vielen Fragen, setzt Impulse und positioniert sich persönlich. Gegen Fake News - auch mit Blick aufs Christentum - helfe am Ende nur Bildung und das Engagement jedes Einzelnen, sagt Kopp. Bei der Wehrpflicht verweist er auf die Gesellschaft, die sich seit Gründung der Bundesrepublik deutlich verändert habe: "Ich wäre dafür, intensiv zu diskutieren, ob Frauen und Männer bei der Wehrpflicht nicht das Gleiche leisten können." Außerdem müsse - trotz Fragebogen und Pflichtmusterung - niemand Dienst an der Waffe tun, der das ablehne:

"Die Möglichkeit zum Zivildienst besteht immer."

Kopp berichtet den knapp 30 Schülerinnen und Schülern von seiner eigenen Jugend in den Zeiten des Kalten Kriegs, als er - entgegen der Erwartung seiner Familie und Freunde - selbst den Wehr- statt den Zivildienst geleistet habe. "Weil ich immer überzeugt war, dass Deutschland eine Verteidigung braucht." Eine echte Kriegsgefahr sei für ihn trotz Anti-Atomkraft-Demos und politischer Diskussionen aber fern gewesen. Heute treibe ihn die Sorge um, dass junge Menschen nicht genug "ins Reden kommen" über all die Sorgen, die sie belasten - von Klimafragen über Kriege bis eben hin zur Frage nach dem Wehrdienst.

Beratungsnetzwerk steht jungen Menschen zur Seite

Um die jungen Erwachsenen bei ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen, hat die Landeskirche kürzlich selbst rund 22.000 Infobriefe an alle 18-jährigen evangelischen Frauen und Männer in Bayern verschickt, um ihr Beratungsnetzwerk bekannt zu machen. 45 Seelsorgerinnen und Seelsorger stünden für Gespräche zur Verfügung, heißt es auf der Homepage kirche-an-deiner-seite.de, dazu Experten aus der Evangelischen Jugend sowie die kirchliche Konfliktberatungsstelle "kokon".

Wer unschlüssig sei, wie er mit dem Bundeswehr-Fragebogen - dessen Beantwortung für Männer Pflicht ist - umgehen soll, wird "respektvoll und ehrlich, ergebnisoffen und auf Augenhöhe" beraten, heißt es auf der Webseite. Alle Kanäle stünden dafür offen, ob Telefon oder Videokonferenz, ob Email, Signal oder WhatsApp. 18-mal wurde das Angebot seit Jahresbeginn in Anspruch genommen, teilt die Landeskirche auf epd-Anfrage mit.

Am Ende der Schulstunde meldet sich noch ein junger Mann zu Wort: Er wünsche sich, dass junge Menschen mehr in politische Entscheidungen einbezogen werden. Stattdessen würde man von Verantwortungsträgern oft nur darauf verwiesen, wie gut es der Jugend heute gehe. "Das ist ja richtig, aber das hat nichts mit unseren Fragen zu tun", sagt der Schüler. Dass die Kirche diese Gespräche jetzt suche, das findet er gut.