Die Rogatekirche im Münchner Osten ist ein ungewöhnliches Gotteshaus. An den Stahlträgern der Decke sind Discolichter und fette Boxen montiert, der quadratische Raum mit den rohen Ziegelwänden ist quasi leer, nur an der Stirnseite prangt ein schlankes Kreuz hinter Altar, Lesepult und Kerzenleuchtern. Schon seit 2017 feiert, plant und debattiert hier die Evangelische Jugend München (EJM), weil die Gemeinde sich das Gebäude – zusätzlich zur Offenbarungskirche – allein nicht mehr leisten konnte.
Beispiele solcher Um-, Nach- und Neunutzungen von evangelischen Immobilien gibt es in der Region München schon an mehreren Stellen, und sie werden künftig deutlich häufiger werden: Bis 2035 muss das Dekanat München, das von Petershausen bis Aying und von Germering bis Höhenkirchen reicht, rund 50 Prozent seines Immobilienbestands von 80 Kirchen und 240 Gebäuden "transformieren" - sprich: die Kosten für Erhalt und Betrieb loswerden.
Angesichts des erwarteten Rückgangs der Mitgliederzahlen und somit auch der Kirchensteuereinnahmen um bis zu 40 Prozent sei es "eine Illusion, jeden Kirchenraum erhalten zu können", sagt Stadtdekan Bernhard Liess dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Strategie- und Gebäudeplanung bis Ende 2026
2026 ist dabei ein Jahr der Entscheidungen, denn auch der Haushalt wird bis 2035 um 20 Prozent gekürzt: Innerhalb der nächsten zwölf Monate müssen die aktuell 62 evangelischen Gemeinden in München entscheiden, welche inhaltlichen Angebote sie künftig noch machen können – gleiches gilt für die evangelischen Dienste, zu denen Arbeitsfelder wie Jugend, Altenheimseelsorge und Offene Behindertenarbeit gehören.
Zugleich müssen die Gemeinden sich bis Dezember festlegen, welche ihrer Gebäude – Kirchen, Pfarrhäuser, Gemeindezentren – sie künftig noch finanzieren können. Beide Entwicklungen gehören zusammen, sagt Stefan Neukamm, Leiter der Immobilienabteilung im größten Dekanat der Landeskirche:
"Wir müssen erst definieren, wo wir als Kirche in München hinwollen, damit wir entscheiden können, was die dafür attraktiven Orte sind."
Gerade an Kirchen hängen aber – Stichwort Hochzeit, Taufe, Beerdigung – oft Emotionen und Erinnerungen; sich von ihnen zu trennen, fällt vielen Gemeindemitgliedern schwer. Doch angesichts der düsteren Zukunftsprognosen nimmt der Chefarchitekt einen Bewusstseinswandel wahr: "Viele sehen die Notwendigkeit, der Umgang mit dem Thema ist sachlicher als noch vor zehn Jahren." Und der Stadtdekan ergänzt:
"Glaube braucht Räume, aber wir müssen uns von der Vorstellung frei machen, dass die Identität von Christen ausschließlich über Kirchengebäude hergestellt wird."
Jahrelanges Tauziehen mit dem Denkmalschutz
Paradoxerweise kommt der Gegenwind jetzt aus der säkularen Stadtgesellschaft. "Viele Menschen erwarten, dass Kirchen erhalten werden, obwohl sie die gar nicht nutzen", stellt Liess fest. Dass das womöglich die stille Sehnsucht nach spirituellen Orten zeigt, ist schön, hilft aber beim Gebäudeunterhalt nicht weiter. Zumal auch der Denkmalschutz neue Nutzungskonzepte für geschützte Immobilien – und davon gibt es im Dekanat etwa 50 – oft nicht ohne jahrelanges Tauziehen genehmigt. Hier wolle man "gut ins Gespräch kommen" und erklären, "dass Kirchen lebendige Räume sind, deren liturgischer Bedarf sich verändert", sagt Liess diplomatisch.
Ende des Jahres wird also eine Karte für München vorliegen, die die evangelischen Standorte der Zukunft zeigt – genauso wie die Orte, die für eine andere Nutzung frei werden. Damit könne man dann auch zu potenziellen Partnern wie der Landeshauptstadt gehen, um nach Kooperationsmöglichkeiten zu suchen.
"Wir haben etwas zu bieten", sagt Liess selbstbewusst, "und wir haben den Auftrag, auch mit unseren Gebäuden zum Wohl der Gesellschaft da zu sein."
Kooperation mit Diakonie und anderen Kirchen
Dass das funktionieren kann, zeigt sich gerade in Neuperlach: Dort soll im Zuge der Stadtteilsanierung das Areal der 1971 eingeweihten, seit Kurzem denkmalgeschützten Lätarekirche zum kulturellen und sozial-diakonischen Zentrum aufgepeppt werden, zusammen mit externen Partnern wie dem Christopherus Hospiz Verein.
An anderen Standorten ist der Switch mithilfe der Diakonie gelungen, die dann in kirchlichen Häusern Hilfen für Kinder mit Förderbedarf oder für wohnungslose Frauen mit Kindern anbietet. Wieder anderswo übernehmen evangelische Auslandsgemeinden oder christlich-orthodoxe Kirchen ein Gebäude.
Für Immobilienchef Stefan Neukamm sind all das anschauliche Beispiele dafür, wie der Wandel gelingen kann. Trotzdem kann er nicht ausschließen, dass übergangsweise auch mal Gebäude leerstehen und mit Bauzaun abgesperrt werden. Denn gerade die Kooperationsprojekte brauchen Zeit: "Fünf bis zehn Jahre sind im Entwicklungsprozess nichts", sagt der Architekt trocken. Dass das mit über 100 Gebäuden bis 2035 eng wird, liegt auf der Hand.