Im prächtigen Max-Littmann-Saal des Regentenbaus, dessen warme, transparente Akustik zu den besten Europas zählt, entfaltete sich ein Programm, das scheinbar weit auseinanderliegende musikalische Welten miteinander verband: die jugendliche Eleganz Wolfgang Amadeus Mozarts, die zeitgenössische Klangsprache Aftab Darvishis und die sehr persönliche Tonsprache des amerikanischen Komponisten André Previn.
Zugleich fügte sich das Konzert bemerkenswert schlüssig in das Festivalmotto "Mazel Tov" ein, mit dem der 40. Kissinger Sommer die jüdische Kultur und Geschichte Bad Kissingens würdigt.
André Previns Violinkonzert als musikalische Erinnerung an ein verlorenes Zuhause
Den Auftakt bildete André Previns Zweites Violinkonzert. Für Anne-Sophie Mutter besitzt dieses Werk eine besondere Bedeutung. Sie brachte es 2010 selbst zur Uraufführung und war mit dem Komponisten von 2002 bis 2006 verheiratet. Anders als Previns erstes Violinkonzert, das ihren Namen trägt und einst als Verlobungsgeschenk entstand, zeigt sich das zweite Konzert kammermusikalischer und introvertierter.
Gerade seine ungewöhnliche Besetzung macht den Reiz des Werkes aus. Das Cembalo und das reine Streichorchester verleihen der Partitur eine barocke Aura, die jedoch nie in bloße Stilkopie verfällt. Vielmehr entsteht ein faszinierender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Previn blickt zurück, ohne nostalgisch zu werden. Die Musik schwebt zwischen lyrischer Melancholie, elegischer Nachdenklichkeit und immer wieder aufscheinender Leichtigkeit.
Flucht, Exil und jüdische Geschichte in Musik verwandelt
Besonders berührend wirkt der biografische Hintergrund. Mutter beschreibt das Werk als Erinnerung an Previns Berliner Jugend. Der 1929 geborene Jude musste mit seiner Familie vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen und emigrierte in die Vereinigten Staaten. Dass im Finale das Kinderlied "Wenn ich ein Vöglein wär" anklingt, erscheint wie ein musikalischer Blick zurück auf eine verlorene Heimat. Gerade im Kontext des diesjährigen Festivalmottos erhielt diese Erinnerung an Vertreibung und jüdische Lebensgeschichte eine zusätzliche emotionale Tiefe.
Mutter spielte das Konzert nicht als bloße Interpretin, sondern als Anwältin dieser Musik. Man spürte ihre enge Verbindung zum Werk in jeder Phrase. Mit leuchtendem Ton und großer gestalterischer Freiheit ließ sie die langen melodischen Linien atmen, während die Berliner Barock Solisten die feinen Farbwechsel der Partitur aufmerksam begleiteten.
Einen scharfen Kontrast dazu setzte die Interpretation von Mozarts erstes Violinkonzert in B-Dur KV 207. Mutter näherte sich diesem frühen Werk nicht als virtuos auftrumpfende Solistin, sondern als sensible Erzählerin. Ihr Ton blieb schlank und beweglich, die Berliner Barock Solisten antworteten mit federnder Leichtigkeit. So entstand ein Mozart-Klangbild, das weniger auf romantische Fülle als auf Transparenz und tänzerische Eleganz setzte. Besonders in den schnellen Sätzen überzeugte die lebendige Kommunikation zwischen Solistin und Ensemble.
Mit einem Solostück gegen das Vergessen von Gewalt und Unterdrückung
Nach der Pause kam Anne-Sophie Mutter zuerst allein auf die Bühne und griff überraschenderweise zum Mikrofon. Das anschließende von der iranisch-niederländischen Komponistin Aftab Darvishi geschriebene Solostück "Likoo" sei weit mehr als eine musikalische Miniatur. Sie verstehe das rund fünfminütige, ihr gewidmete Werk als künstlerisches Gedenken an Menschen, die für Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenwürde ihr Leben verloren haben. Der Hintergrund reicht dabei bis zu den Protesten im Iran, deren blutige Niederschlagung Mutter ausdrücklich ansprach:
Viele hätten sich "eine freie Zukunft in Selbstbestimmung" gewünscht, erinnerte sie, doch das Regime habe mit "schrecklichen Morden" reagiert.
Gerade deshalb sei es ihr wichtig, das Werk der jungen iranischen Komponistin Aftab Darvishi zu spielen. Darvishi, die in den Niederlanden lebt, schaffe in ihrer Tonsprache eine "wunderbare Verbindung" zwischen den Volksmusiktraditionen Irans und seiner Nachbarländer sowie der westlichen klassischen Musik. Diese musikalische Brücke empfindet Mutter als "besonders berührend".
Auch die kompositorische Gestaltung hob sie hervor. "Likoo" sei "fast schon ein Lebenszyklus", erklärt Mutter. Das Werk beginne als "Trauergesang", enthalte eine "Verneigung vor Johann Sebastian Bach" und lasse dessen Musik immer wieder aufscheinen. Besonders eindringlich sei das Ende: Es wirke, "als ob der Atem eines Menschen verlöscht".
Menschenwürde, Freiheit und Erinnerung als musikalisches Vermächtnis
Die eigentliche Botschaft des Stücks liegt für Mutter jedoch in seiner Widmung. "
Likoo" sei "all denjenigen gewidmet", die für Freiheit, Redefreiheit, die Unversehrtheit des Lebens sowie für Respekt und Menschenwürde eingetreten seien. Es erinnere an jene Menschen, "die dafür ihr Leben gelassen haben".
Indem sie das Werk aufführt, versteht Mutter Musik als Form des Erinnerns und als Ausdruck von Solidarität mit den Opfern von Unterdrückung und Gewalt.
Es folgte noch einmal Mozart mit seinem berühmten A-Dur-Konzert KV 219 zurück, dem sogenannten "Türkischen Konzert". Es entstand 1775 in Salzburg und erhielt seinen Beinamen durch einen überraschenden, orientalisch anmutenden Mittelteil im letzten Satz, der an die damals sehr populäre "Janitscharenmusik" erinnert. Hier zeigte sich Mutter noch einmal von ihrer brillantesten Seite. Die lyrische Ruhe des Adagios stand neben temperamentvollen Ausbrüchen im Finale, dessen überraschende "türkische" Einwürfe bis heute ihren Witz nicht verloren haben. Die Musiker kosteten diese Kontraste genüsslich aus, ohne jemals ins Effektvolle abzugleiten.
Ein Abend voller Verbindungen zwischen Geschichte und Gegenwart
Der begeisterte Beifall des Publikums galt am Ende nicht nur einer außergewöhnlichen Solistin, sondern einem Konzert, das auf eindrucksvolle Weise Verbindungen sichtbar machte: zwischen Barock und Gegenwart, zwischen Mozart und Previn, zwischen persönlicher Erinnerung und historischer Erfahrung.
Anne-Sophie Mutter ließ bei den Zugaben mit Vivaldis "Sturm" noch einmal ihre technische Raffinesse aufblitzen und verabschiedete sich mit einem melancholischen "Nice to be around" aus der Feder des Filmkomponisten John Williams.