Das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ist bekannt für seine Inszenierungen. Auch bei der Ausstellung zur verhängnisvollen Rolle Bayerns bei Hitlers Aufstieg setzt das Haus auf diese bewährte Methode. "Eigentlich ein Geschichtstheater, das da aufgeführt wurde - mit schlimmen Folgen", sagt der Direktor des Hauses, Richard Loibl, im epd-Gespräch.

Die maßgeblichen Protagonisten seien sich des Bühnenhaften ihres Auftritts sehr bewusst gewesen und hätten es gezielt für ihre Propaganda eingesetzt. Die Ausstellung "Brennpunkt Bayern - Hitler und der Kampf um die Demokratie" greift die herausragenden Schauplätze auf, um sie auf die Bühne zu bringen - zu sehen ab 8. Juli.

Herr Loibl, funktioniert der inszenatorische Zugang auch bei einem so schwierigen Geschichtsstoff wie dem Nationalsozialismus?

Richard Loibl: Das funktioniert total gut. Der Hitler-Putsch beginnt im Münchner Bürgerbräukeller am 9. November 1923 und endet mit den Landsberger Prozessen im Frühjahr 1924, bei dem Hitler vom bayerischen Volksgericht in München wegen Hochverrats zwar verurteilt, aber nicht verhindert wird, dass er dieses zentrale Gerichtsverfahren zu seiner Bühne macht. In diesem Stil verfolgen wir auf insgesamt fünf Bühnen, wie Hitler sich in wenigen Jahren seinen Weg bahnt und sich von einer Neben- und Statistenrolle in die Hauptrolle der Geschichte manövriert.

Immer wieder werden Vergleiche angestellt zwischen den 1920er Jahren und heute. Welche Rolle spielen die Parallelen mit der Jetzt-Zeit in der Ausstellung?

Wir haben gelernt: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber von den Strukturen und Abläufen her gibt es Ähnlichkeiten und Parallelen. Auch bei diesem Thema, wenn Sprache Richtung Gewalt getrimmt wird, sodass sie selbst zum Gewalt-Werkzeug wird. In den USA kann man das mitverfolgen, wenn bei der ICE, der Vollstreckungsbehörde für Zoll- und Einwanderungsangelegenheiten, privat organisierte Schlägertrupps gegen die Bevölkerung vorgehen. Man sieht: Die Parallelen sind da, aber die Geschichte wiederholt sich hoffentlich nicht.

Die Ausstellung nennt sich "Brennpunkt Bayern". Inwiefern spielt Bayern eine herausragende Rolle bei Hitlers Aufstieg?

Wir zeigen die Salons und Bürger-Familien, die Hitler gefördert haben. Für Bayern ist es eine Pflichtaufgabe, sich dieser Geschichte zu stellen, weil sich der Freistaat in der Phase, in der man Hitler noch hätte Herr werden können, nicht mit Ruhm bekleckert hat. Da steht der Prozess im Mittelpunkt, bei dem die bayerischen Juristen die Karriere Hitlers hätten beenden können.

Sie haben das Gegenteil gemacht, haben seine Karriere befördert, indem sie - da sind wir wieder bei der "Bühne" - ihm eine gewaltige Möglichkeit zur Selbstdarstellung geboten haben.

Die Phase des Aufstiegs Hitlers, wo er seine Organisation begründet und wo er populär wird, die findet in Bayern statt. Von daher ist die Bezeichnung "Brennpunkt Bayern" nicht übertrieben.

Zum ersten Mal entsteht eine Bayern-Ausstellung in Zusammenarbeit mit österreichischen Historikern in St. Pölten und Wien, die zuvor die Kinder- und Jugendjahre Hitlers untersucht hatten.

Durch die Forschungsergebnisse der Kollegen ergibt sich für das Auftreten Hitlers und seine Phase in Bayern eine ganz neue Grundlage: Dass diese Bewegung schon in ihren Anfängen internationalisiert war, dass man Hitler nicht isoliert in Bayern sehen kann, sondern dass er seinen ersten Wahlkampf in Österreich machte.

Bisher war nicht präsent, wie viel von der NS-Lehre aus diesem nationalen Bodensatz in Österreich stammt - bis hin zum Hakenkreuz.

Vor allem aber hat er den Antisemitismus in Wien massiv aufgesogen. Der Oberbürgermeister Wiens, Karl Lueger, hat den Antisemitismus offensiv vertreten. Insofern hatte Hitler einiges an "ideologischer Vorbildung" dabei, als er aus Österreich nach Bayern kam.

Welche Bedingungen begünstigten in Bayern seinen Aufstieg?

München war durch die Vorgeschichte, durch die tragisch verlaufende Revolution und Gegenrevolution innerhalb weniger Jahre zu einem Sammelbecken für die Ultrarechten geworden. Es war ein bayerisches Justiz-Personal, das scharf rechts eingestellt war, das Hitler ein auch international viel beachtetes Podium bot und ihn schließlich glimpflich davonkommen ließ.

Auch international dachte man, Hitler sei nach dem Prozess Geschichte. Wie konnte es zu so einer Fehleinschätzung kommen?

Es fehlt noch das entscheidende Dokument: Hitler kommt in die Luxushaft in Landsberg und schreibt "Mein Kampf". Wer dieses Pamphlet auch nur oberflächlich gelesen hat, hätte wissen können, wie gefährlich er wirklich war. Das fehlte aber. Man dachte, die Weimarer Republik sei einigermaßen stabil. Aus meiner Sicht verknüpft sich das auch stark mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Das ist die nächste Parallele: Nach der Inflation und der Wirtschaftskrise 1923 erholt sich die wirtschaftliche Lage, ist Ende 1928 gar nicht so schlecht.

In dem Moment aber, wo die Weltwirtschaftskrise kommt und es wirtschaftlich bergab geht, ist auf der anderen Seite der rapide Aufstieg der NSDAP und Hitlers zu verzeichnen.

Die Bayern-Ausstellung soll zum ersten Mal ein ganzes Jahr lang laufen. Wann ist sie ein Erfolg?

Ein Erfolg ist sie, wenn wir vor allem junge Menschen erreichen.

Wir verknüpfen es mit unserem Escape Game "Hass, Hetze, Mord". Darin geht es um einen von Rechtsextremisten von Bayern aus organisierten politischen Mord der 1920er Jahre. Die Schülerinnen und Schüler schlüpfen in die Rolle von Kriminalern und ermitteln die Mörder, ihre Auftraggeber und die ganze antidemokratische Szene im Hintergrund.

Letztes Jahr haben wir mit 350 Gruppenbuchungen in der Bavariathek einen Allzeitrekord verbuchen können - und davon war das Escape Game "Hass, Hetze, Mord" der absolute Spitzenreiter. Das ist deshalb so nachgefragt, weil es der Lebenswirklichkeit junger Menschen entspricht. Für mich ist die Ausstellung auch ein Pflichtprogramm im Rahmen der Integration. Man sieht hier, wie Demokratie kippt und welche Verantwortung der Einzelne hat, um das zu verhindern.