8.02.2019
Kunst & Religion

Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci: Wendepunkt der Kunstgeschichte

Vor rund 500 Jahren malte Leonardo da Vinci das letzte Abendmahl. Doch was ist eigentlich das Besondere an diesem Kunstwerk?
Leonardo da Vinci Abendmahl
Leonardo da Vinci: Abendmahl. Fresko. Santa Maria delle Grazie, Refektorium, Mailand.

Das Abendmahl von Leonardo da Vinci gilt als Wendepunkt und Meilenstein der Kunstgeschichte. Das Bild bestimmt unser visuelles Gedächtnis und wurde von Werbetreibenden, Filmemachern und Malern unendlich häufig zitiert und kopiert. Doch weshalb gilt das Fresko bis heute als Meisterwerk?

Leonardo ist gerade einmal 30 Jahre alt, als er von Lorenzo dem Prächtigen um 1482 zum Mailänder Herzog Ludovico il Moro geschickt wurde. Im Gepäck trägt er ein Schreiben, in dem er in zehn Punkten seine zahlreichen Talente aufzählt. Vermutlich beginnt er um 1495 mit dem Fresko im Dominikanerkloser Santa Maria delle Grazie in Mailand - und erweist sich als großartiger Erfinder und Maler: Mit seinem Pinsel erzählt er nicht nur die biblische Geschichte, er zeichnet auch die menschlichen Emotionen wie kaum ein anderer.

Leonardo da Vinci verbindet Wissen und Kunstfertigkeit

In seinem Werk verbindet Leonardo das Wissen und die Ausdrucksmittel seiner Zeit. Doch eröffnet er mit seinem Blickwinkel neue Sichtweisen und schöpft aus den Erkenntnissen seiner profunden technischen Recherchen. Anders als viele seiner Vorgänger wählt Leonardo den dramatischsten Moment der biblischen Szene. Das letzte Abendmahl zeigt den Moment des kompletten Wandels. Eben hat Jesus mit seinen Jüngern ruhig am Tisch gesessen bei Brot und Wein. Doch dann spricht er die schrecklichen Worte: "Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten". Judas ist enttarnt, nun geht es erbarmungslos dem Ende entgegen.

Doch Jesus, der den Mittelpunkt des Bildes bildet, blickt ruhig und gelassen auf das Geschehen. Er ist nicht aufgebracht. Seine Geste ist klar: Die eine Hand verweist auf den Verräter, während die andere, offene Hand das gebrochene Brot und den herumgereichten Weinkelch darbietet. Jesus verschenkt sich selbst. Er sitzt am Tisch und bietet seinen Leib und sein Blut auch denen an, die ihn zurückweisen. Seine Geste und seine Worte sorgen für einen Wirbelsturm der Gefühle: Die Jünger reagieren mit Unverständnis, Trauer, Angst und Verwirrung.

Abendmahlsdarstellung steckt voller Erfindungen

Das Gemälde, das Leonardo nicht als Fresko, sondern mit einer neuen Technik aus Öl und Tempera malte, steckt voller Erfindungen. Es haben sich Vorstudien erhalten, die zeigen, wie intensiv Leonardo an einzelnen Figuren arbeitete, um nach den richtigen Gesten und Gesichtsausdrücken zu suchen. Der Zeitgenosse Matteo Bandello schilderte die Arbeitsweise Leonardos: "Er kam oft früh zur Morgendämmerungszeit in den Konvent und ich konnte ihn bei seiner Arbeit beobachten. Eilends stieg er auf das Gerüst, arbeitete fleißig, bis ihn die Schatten des Abends zum Aufhören zwangen, und dachte nie daran, Nahrung zu sich zu nehnen, so sehr war er in seine Arbeit vertieft. Zu anderen kam er drei oder vier Tage lang, ohne sein Bild anzurühren, und blieb nur ein paar Stunden mit verschränkten Armen davor stehen und blickte seine Figuren an, als ob er sie selbst kritisierte."

In der Komposition beschritt Leonardo neue Wege. So bündelte er die zwölf Jünger in vier Figurengruppen und verdichtete damit die erzählerische Idee. Während Jesus ruhig und beseelt dasitzt, spiegeln die Jünger durch ihre Gestik, Mimik und Haltung die aufgewühlten Emotionen wieder. Um jeder Figur optimal mit der biblischen Geschichte zu verbinden, ließ sich Leonardo bei seiner Arbeit an dem Wandbild von einem Dominikanermönch begleiten. Außerdem betrieb er aufwändige Recherchen und suchte in Mailand nach aussdrucksstarken Gesichtstypen, um eine möglichst breite Mimik und Gestik der Figuren zu erreichen.

Leonardo spielt mit Emotionen der Figuren

Leonardo dramatisiert das Geschehen über die Darstellung der einzelnen Personen: Petrus ist heftig erregt, sein von Falten durchzogenes Gesicht so angespannt, als wolle er auf der Stelle erfahren, wer der Verräter ist. Das Messer, das der Fischer in der Hand hält, weist auf den Verräter Judas hin, der – nun plötzlich entlarvt – von Angst und Verzweiflung ergriffen wird und den Beutel mit den dreißig Silberlingen nur noch fester greift. Judas Auge ist schwarz, der Körper verschwindet im Dunkeln, die Finsternis seiner Tat hat ihn blind gemacht.

Das Gesicht des Evangelisten Johannes hingegen erstrahlt im Licht. Die jugendliche Weichheit der Gesichtszüge und die ineinander verschränkten Hände weisen auf das Unrecht hin, von dem er gerade erfahren hat. Jakobus runzelt die Stirn, er möchte verstehen, was vor sich geht, und ahnt, was geschehen wird. Die erhobenen Arme werden zur Einladung an die Betrachter, am Abendmahl teilzunehmen. Philippus ist aufgestanden, beugt sich nach vorne und legt die Hände auf die Brust, um zu beteuern, dass er unschuldig ist.

Refektorium im Fresko

Um das Geschehen so real wie möglich werden zu lassen, nahm Leonardo die Architektur des Refektoriums in seinem Fresko auf und wählte die Zentralperspektive so, dass die Erzählung mit dem realen Raum verschmelzen konnte. Tisch, Teller und Gläser sind schlicht und simpel und scheinen gerade aus der Küche der Mönche entwendet worden zu sein. Durch diesen künstlerischen Trick werden Christus und seine Apostel zu Tischgenossen für die Mönche, die bei jeder Speise im Refektorium an das "Brot des Lebens" erinnert wurden.

Der lange Tisch ist leicht nach vorn gekippt, um Speisen und Getränke noch besser zeigen zu können. Alles, was darauf zu sehen ist, unter anderem Lammfleisch, Brot, Orangenspalten und Wein, hat eine symbolische Bedeutung. So wird der Tisch zum Altar. Die transluzide Wasserkaraffe und das festliche, elegant bestickte Tischtuch mit seinen straff aufgebundenen Knoten zeigen Leonardos hohe malerische Kunstfertigkeit. Die Tapisserien dienen ihrerseits als Fortsetzung der Geschichte: Sie zeigen den Olivenhain von Gethsemane, zu dem Jesus kurz nach seinem Abendmahl aufbrechen wird, und den Garten Eden als Metapher für das Paradies.

Rekonstruktion und Situation heute

Es ist kein Geheimnis, dass das Wandbild, wie wir es heute sehen, stark rekonstruiert werden musste. Leonardo hatte mit Temperafarbe auf Gips gemalt, weil er damit mehrmals übereinander malen konnte. Diese Technik – zusammen mit dem Raumklima – sorgte für einen raschen Verfall des Wandgemäldes. Es folgten verschiedene Restaurierungsarbeiten, die den Zustand zum Teil verschlimmerten. Was wir heute von Leonardos Abendmahl sehen, ist das Ergebnis der jüngsten Rekonstruktion, die zwischen 1978 und 1999 stattfand. Der ursprüngliche Glanz mag verschwunden sein – doch die Anziehungskraft dieses Gemäldes bleibt ungebrochen.

 

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