Geschichte
Das Germanische Nationalmuseum blickt in der Ausstellung "Europa auf Kur" auf Davos. Kriege, Krisen, Kunst – die kleine schweizerische Gemeinde erlebte vor rund 150 Jahren einen Aufstieg zum Schmelztiegel der europäischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.
Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg vor dem Gemälde "Die Brücke bei Wiesen" (1926) von Ernst Ludwig Kirchner.
Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg vor dem Gemälde "Die Brücke bei Wiesen" (1926) von Ernst Ludwig Kirchner.

Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (GNM) ist Schweizer. Das ist aber sicher nicht der alleinige Grund für den Kunsthistoriker, sich seit sieben Jahren mit dem Weltkurort Davos zu befassen. "Wie sich Krisen, Hoffnungen und Entwicklungen unseres Kontinents zwischen 1870 und 1940 hier gebündelt und ihre Blüten entfalten haben, ist einzigartig", sagt Hess. Das GNM in Nürnberg zeichnet nun mit der Ausstellung "Europa auf Kur" die Verbindungslinien all dieser Facetten nach.

Ein schillerndes Kaleidoskop der Jahrhundertwende

In sieben Ausstellungszonen werden rund 300 Exponate aus der Medizin- und Kurgeschichte, dem Wintersport, Kunst, Literatur, Philosophie und Politik gezeigt. Herausgekommen ist ein schillerndes Kaleidoskop der Jahrhundertwende.

Handgeschriebene Notizen Thomas Manns werden in der Schau gezeigt. Denn Mann setzt dem Ort im Kanton Graubünden im "Zauberberg" ein literarisches Denkmal. Das wohltuende Höhenklima löst bei Robert Louis Stevenson die Schreibblockade. Mit der fertigen "Schatzinsel" verlässt er Davos wieder. Sir Arthur Conan Doyle begeistert sich während seines Aufenthalts so sehr für den Skisport, dass sein Romanheld Sherlock Holmes literarisch sterben muss, damit der Schöpfer sich ausgiebig den Brettern widmen kann.

21 Jahre lang genießt der von der Tuberkulose schwer angeschlagene, in Aschaffenburg geborene, Expressionist Ernst Ludwig Kirchner die malerische Alpenwelt. Die malt er in satten Farben, den Gemeinschaftssinn der Bauern und die Natur idealisierenden Bildern. Sein Grammophon ist ebenso Teil der Ausstellung wie die Pistole, mit der sich der mittlerweile in seiner deutschen Heimat als "entartet" geltende Künstler 1938 das Leben nahm.

"Wir wollen eben nicht nur die heile Welt zeigen, sondern auch deren Schattenseiten"

"Wir wollen eben nicht nur die heile Welt zeigen, sondern auch deren Schattenseiten", meint Daniel Hess. Die hatte auch Kirchners-Malerkollege Philipp Bauknecht in Davos gefunden. Seine Bilder zeigen die Einheimischen roh und derb, die Menschen in den Kurhäusern hässlich und dekadent, ihn selbst von der Tuberkulose gezeichnet.

Liegestühle wie im "Zauberberg"

Hygienekonzepte bestimmten schon in der Epoche des Fin de Siècle den Alltag - zumindest in öffentlichen Einrichtungen wie den Spitälern und Praxen auf Davos. Das GNM zeigt verschiedene Varianten des Taschenspucknapf-Fläschchens "Blauer Heinrich", das die Kranken mitführten. Nachdem 1895 Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdeckt hatte, gab es bereits 1909 27 Röntgeninstitute auf Davos. In der medizinischen Abteilung der Ausstellung sind Gerätschaften aus dieser Zeit ebenso zu sehen wie die für den Ort charakteristischen Liegestühle, wie sie Thomas Mann auch im "Zauberberg" beschreibt. "Der Tagesablauf eines Kranken war komplett durchstrukturiert, die Liegekuren waren ein wesentlicher Bestandteil", erklärt Hess.

Sport und Kunst

Wer nicht ernsthaft krank war oder seinen Besuchern etwas bieten wollte, der suchte die zahlreichen um die mondänen Kurhotels entstandenen Freizeiteinrichtungen auf und betätigte sich selbst sportlich. Neben Spaziergängen über meist verschneite Wege erfreute sich bald der von Pferden gezogene Schlitten großer Beliebtheit. Britische Gäste brachten Sportarten wie Curling, Eiskunstlauf, Bobschlitten oder Eishockey mit, Norweger ihre Skier.

Die Erfindung des Bügellifts war dann noch der fehlende Impuls, der Davos endgültig zum Mekka für Ski- und Schanzenspringer machte. Gäste gründeten Sportvereine und organisierten internationale Turniere. Von dieser Seite Davos' zeugen neben, aus heutigen Augen selbst zur Kunst gewordenen Werbeplakaten von Walther Koch, auch Pokale. So der, der  zu Ehren Alexander Spenglers geschaffen wurde, des Mediziners, der Davos ab Mitte des 19. Jahrhunderts berühmt gemacht hatte.

Davos als frühe Keimzelle der Bewegung

Die Blütezeit des Kurorts endete nach dem Ersten Weltkrieg. Zwar wollten intellektuelle Zirkel mit der Einladung von Berühmtheiten wie Albert Einstein, Hochschulkursen oder dem Start des bis heute in Davos tagenden Weltwirtschaftsforums wieder neue Impulse setzen. Diese Bemühungen konnten aber nicht verhindern, dass die Nazis rund um den Chef der Auslandsorganisation der NSDAP in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, hier Fuß fassten und den Ort zu einer frühen Keimzelle der Bewegung machten. Auch den neuen, gesellschaftlichen Geist und die Kriegsmobilmachung thematisiert das GNM, unter anderem mit originalen Plakaten oder der aus einer alten Soldatenkluft umgearbeiteten Kinderuniform.

Daniel Hess sieht durch das "Brennglas Davos" angesichts des Coronavirus oder des Klimawandels einige Parallelen zur Gegenwart, in der das Thema Gesundheit ebenso wie das Ringen um den richtigen Umgang mit den Herausforderungen der großen Fragen unserer Zeit drängen. Für den Museumsleiter steht also fest: "Schon vor 150 Jahren klafften die Wahrnehmung und die Antworten in Europa völlig auseinander."

 

 

Ausstellung "Europa auf Kur" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (GNM)
Ausstellung "Europa auf Kur" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (GNM)

Weitere Artikel zum Thema:

Museen in Nürnberg

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg Ausstellung Helden Märtyrer Heilige
Vom Studenten, der von der Spinne gebissen wurde, und dem Heiligen auf dem Rost. In einer Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums suchen Kinder nach den Spuren von Superhelden und Märtyrern - und entedecken dabei, welchen Einfluss die Starken des Mittelalters auf Ironman, Avatar oder Batman haben.

Ausstellung

Elisabeth Taube (links) und Katja Putzer
Wer eine alte Kirche betritt, achtet meist auf Altäre und Gemälde, nicht aber auf die oben hängenden Totenschilde. Zwölf Exemplare des Spätmittelalters und deren Geschichte präsentiert das Germanische Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg in einer Sonderausstellung in der Kartäuserkirche. Die Kuratorinnen Katja Putzer und Elisabeth Taube erklären, wieso es sich bei den Gedenktafeln nicht nur um makabre Kunstwerke handelt.

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*