St. Ottilien am Ammersee, 1945. Noch in Häftlingskleidung versammelte sich vor achtzig Jahren eine kleine Gruppe an Musikerinnen und Musikern auf einer provisorisch errichteten Bühne vor dem Kloster.
Es waren erst drei Wochen vergangen, seit sie und die Menschen im Publikum von Soldaten der Alliierten aus den umliegenden Konzentrationslagern befreit wurden. Und jetzt gaben sie ihr eigenes Befreiungskonzert. Für das teils schwerkranke Publikum an Überlebenden, das im Hospital des Klosters untergebracht war, wurde diese Musik zu einer Feier des Lebens in dunklen Zeiten.
Liberation Concert 2025: Holocaust-Gedenken in der Klosterkirche St. Ottilien
80 Jahre später erinnert das "Liberation Concert" in der Klosterkirche St. Ottilien an das damalige Befreiungskonzert. Es bildet am 20. September den krönenden Abschluss der jährlichen Ammerseerenade – einem Klassikfestival mit Konzerten rund um den See südlich von München.
Vor sieben Jahren wurde das Gedenk-Konzert erstmals Teil des Programms am Ammersee. Was von den Initiatoren – dem Ehepaar Doris Pospischil und Hans-Joachim Scholz, Hauptorganisatoren des Klassikfestivals – zunächst als einmaliges Benefizkonzert gedacht war, wurde mit seiner bewegenden Kraft zu einem festen Bestandteil der Veranstaltung.
Seitdem begrüßt die Konzertreihe "Liberation Concert" jedes Jahr renommierte Orchester und Solisten. Sie soll ein Zeichen setzen – für die Werte Toleranz, Freiheit und Wahrheit und gegen das Vergessen.
Charlotte Knobloch: "Gerade heute, gerade jetzt – "
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ist Schirmherrin des "Liberation Concert". Wenn sie von ihrem Herzensprojekt spricht, spürt man bei jedem Wort wie verbunden sie mit dem Thema ist.
Knobloch, selbst Überlebende des Holocaust, mahnt zum Gedenken – "in einer Zeit mit immer weniger Zeitzeugen und angesichts einer immer mächtiger werdenden Lobby für das Vergessen." Sie betont: "Um dem entgegenzutreten braucht es ein wirksames Erinnern gerade auch im Lokalen. Eine Gedenkkultur die das sichtbar hält, was sonst früher oder später im Nebel der Geschichte verschwimmen würde."
Dr. h.c. Charlotte Knobloch
Charlotte Knobloch, 1932 in München als Tochter des Münchner Rechtsanwalts Fritz Neuland geboren, überlebte den Holocaust im Versteck auf dem Land.
1945 kehrte sie nach München zurück, wo sie seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist. In dieser Funktion begleitete sie unter anderem den Bau des neuen Jüdische Zentrum mit Gemeindezentrum und Synagoge für die wachsende Stadtgemeinde.
Als ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und "Commissioner for Holocaust Memory" des World Jewish Congress ist Knobloch Trägerin von einigen der höchsten staatlichen und universitären Auszeichnungen darunter der Bayerische Verdienstorden und das Große Bundesverdienstkreuz. Sie engagiert sich national und international in diversen ehrenamtlichen Tätigkeiten und ist Mitglied in verschiedenen jüdischen und nichtjüdischen Gremien.
(Quelle: Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern)
Musik gegen das Vergessen
In St. Ottilien wird nicht nur der schmerzhaften Erfahrungen der dort versorgten Überlebenden gedacht. Der Ort erinnert auch an ihre Hoffnung und ihre Selbstbehauptung. Musik war für sie der Ausdruck dieser Gefühle – Musik, die es ohne Worte schafft, Leid und Freude, Trauer und Hoffnung gleichzeitig abzubilden.
Das Ausmaß der Erfahrungen dieser Menschen kann einen heute sprachlos machen. Musik aber schafft die Brücke zur Gegenwart, indem sie Menschen bewegt, ohne zwingend Sprache zu brauchen.
Liberation Concert 2025 in St. Ottilien: Programm und Künstler
Am 20. September ist es wieder so weit: In St. Ottilien geben die Münchner Symphoniker unter der Leitung von Joseph Bastian dem Gedenkkonzert Gestalt. Mit der "Ouvertüre Don Giovanni" und der Jupiter-Symphonie von Wolfgang Amadeus Mozart setzen sie einen klassischen Schwerpunkt.
Das Geschwisterduo Alexandra und Kirill Troussov, die in diesem Jahr die künstlerische Leitung der Ammerseerenade übernommen haben, tritt mit Mendelssohns Doppelkonzert für Violine und Klavier auf. Den Rahmen bildet – wie schon in den vergangenen Jahren – der gregorianische Gesang der Benediktinermönche. In St. Ottilien wird so aus Musik ein eindringliches Zeichen gegen das Vergessen.
"Liberation Concert"
Samstag 20.09.2025 | Beginn 19 Uhr
Erzabtei St. Ottilien, Klosterkirche Herz-Jesu