Selbst wer kaum Englisch spricht, weiß in Deutschland sofort, was gemeint ist, wenn es heißt: "Heute Abend gibt es wieder ein Public Viewing zum Halbfinale der Fußball-EM.”
Ein voller Biergarten, Menschen mit frisch gezapften Halben, eine fünf mal drei Meter große Leinwand und ein Geräuschpegel, der an ein echtes Stadion erinnert. In dieser Atmosphäre fühlt sich ein Siegtreffer noch bedeutungsvoller und emotionaler an – und eine Niederlage wie das abrupte Ende eines Sommermärchens.
Obwohl mit diesem Ausdruck all diese Emotionen unmittelbar verknüpft sind, ist der Begriff selbst noch vergleichsweise jung – und kann sogar für Missverständnisse sorgen.
Public Viewing gibt es erst seit 2006
Denn erst zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde "Public Viewing" in Deutschland als Scheinanglizismus eingeführt – also ein vermeintlich englischer Ausdruck, den es so im Englischen gar nicht gibt. Zuvor sprach man meist von "Fanfesten" oder schlicht von "öffentlichen Übertragungen".
Mit der Heim-WM kam eine Initiative des Organisationskomitees (OK) ins Rollen, die es ermöglichte, Spiele aufgrund der begrenzten Zahl an Eintrittskarten öffentlich und kostenlos zu übertragen – sofern die Veranstaltungen unkommerziell blieben. Gleichzeitig erhielten lokale Veranstalter die Genehmigung, Speisen und Getränke wie Würstchen, Pommes und Bier zu verkaufen. Auf dieser Welle der öffentlichen Übertragungen sportlicher Großereignisse entstand der Begriff "Public Viewing", der 2007 sogar in den Duden aufgenommen wurde. 2011 wurde dort mit "Rudelgucken" ein eher kurios anmutendes Synonym ergänzt.
Auf Englisch bedeutet es etwas völlig anderes
Wer jedoch glaubt, diesen Begriff problemlos auch im Gespräch mit englischsprachigen Menschen verwenden zu können, tappt in eine klassische Übersetzungsfalle. Denn im Englischen heißt es nicht "to view a soccer game", sondern "to watch a soccer game". Ähnlich wie bei Beamer, Oldtimer oder No-Go handelt es sich hierbei um englische Begriffe, die es so nur im Deutschen und nicht im Englischen selbst gibt.
(Ein Beamer ist im Englischen übrigens ein "video projector", ein Oldtimer ein "classic car" oder "vintage car" und ein No-Go ist dort ein "no-no")
Englischkundige wissen: Der Ausdruck bezeichnet dort die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen – eine sogenannte public viewing, wie sie beispielsweise kürzlich im Petersdom bei Papst Franziskus stattfand. In den USA ist es üblich, dass Angehörige und Freund*innen bei einer solchen Zeremonie im Rahmen einer Trauerfeier Abschied nehmen können.
Im deutschsprachigen Raum ist dieses Ritual bei Privatpersonen weniger verbreitet. Dennoch stellte die Evangelische Kirche in Deutschland bereits 2004 fest, dass der Tod zunehmend enttabuisiert werde und daher das Interesse an traditionellen Formen wie Aufbahrung und Aussegnung wachse.
Ist der Begriff "Public Viewing" in Deutschland unangebracht?
Inzwischen ist der Ausdruck hierzulande fest etabliert, offiziell anerkannt und Teil des alltäglichen Sprachgebrauchs. Dennoch lohnt es sich, Begriffe hin und wieder zu hinterfragen – besonders dann, wenn sie kulturell oder historisch anders belegt sind. Schließlich verwenden wir ja auch keine Begriffe mit z.B. rassistischem Hintergrund, um niemanden zu verletzen oder herabzuwürdigen. Das Bewusstsein dafür ist entscheidend.
Im Gespräch mit englischsprachigen Personen empfiehlt es sich daher, stattdessen den neutralen und international verständlichen Begriff public screening zu verwenden – um Irritationen oder unangenehme Missverständnisse zu vermeiden.
Für den deutschen Sprachraum hingegen ist der Begriff wohl weiterhin unproblematisch. Wer sich dennoch – sei es aus Rücksicht auf religiöse Riten oder aus sprachlichem Feingefühl – gegen "Public Viewing" entscheidet, findet Alternativen: Der umstrittene Verein Deutsche Sprache schlägt Begriffe wie "Fußballkino" oder "Straßenkino" vor. Und auch das bereits erwähnte Duden-Synonym "Rudelgucken" steht zur Auswahl.