Bayreuther Festspiele
Die Konflikte des Minnesängers Tannhäuser, die Richard Wagner in das Zentrum seiner Oper stellte, wurden wohl noch kaum so hintersinnig wie lustig inszeniert, wie Tobias Kratzer dies bei den Bayreuther Festspielen schafft.
Lise Davidsen (Elisabeth), Kyle Patrick (Le Gateau Chocolat), Ekatarina Gubanova (Venus), Manni Lautenbach (Oskar), Stephen Gould (Tannhäuser) im zweiten Aufzug von "Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen 2021.

Coronabedingt ist bei den ohnehin für ihre Überraschungsmomente auf und neben der Bühne berüchtigten Bayreuther Festspielen im Jahr 2021 alles noch einmal ganz anders: 1937 Plätze fasst das Festspielhaus, 911 dürfen wegen der aktuellen Hygiene-Bestimmungen rein, man sitzt mit ausreichend Abstand, aber mit Maske im Saal.

Mit der Ukrainerin Oksana Lyniv darf beim "Fliegenden Holländer" erstmals in 145 Jahren Festivalgeschichte eine Frau ans Pult. Und die wieder genesene Festspielchefin Katharina Wagner, die im vergangenen Jahr aufgrund einer schweren Erkrankung sogar im Koma lag, erscheint erstmals auf der Leinwand bei der aktuellen Tannhäuser-Inszenierung, in der Regisseur Tobias Kratzer schon während der Ouvertüre die Corona-Maßnahmen aufs Korn nimmt – nach der Premiere 2019 und der Corona-Pause im vergangenen Jahr, ist der Tannhäuser 2021 also noch einmal aktualisiert worden.

Richard Wagner war noch kein alter, weißer Mann

Selten hat man in Bayreuth gleich bei der Ouvertüre so gelacht, die diesmal nicht einfach so aus dem Orchestergraben steigt, sondern auf einer riesigen Leinwand im Film illuminiert wird: Ein Tannhäuser im Clowns-Kostüm (Stephen Gould) und die üppige, wollüstige Venus (Ekaterina Gubanova) sind mit einem Kleinbus, wie er auch aus seligen Hippie-Zeiten stammen könnte, unterwegs im Thüringer Wald, scheinen gerade die Wartburg verlassen zu haben.

Mit im Gepäck haben sie den Liliputaner Oskar (ja, den aus der "Blechtrommel"), dargestellt von Manni Laudenbach, sowie die Drag Queen Le Gateau Chocolat, die es in Wirklichkeit gibt, aus Gründen von Corona aber diesmal von Tänzer Kyle Patrick dargestellt wird. Ein bunter, hedonistischer Haufen, der so herrlich vor Lebensgier sprüht und dazu noch ganz divers und damit modern ist. Oder wie sich Tobias Kratzer den jungen Wagner zur Entstehungszeit des "Tannhäuser" ab 1842 vorstellt – da war dieser noch nicht der arrivierte alte, weiße Mann, noch nicht der kunstuniverselle Monolith, als den wir ihn heute kennen, sondern ein abgebrannter, gescheiterter Revolutionär Ende 20 inmitten einer Sturm-und-Drang-Phase.

Unterwegs muss die Truppe an einer Teststation vorbei und erhält den Aufkleber "Frisch (negativ) getestet". Als nächstes prellen die Anarchos die Zeche in einem Fast-Food-Restaurant, klauen Benzin im Parkhaus und schrecken sogar nicht davor zurück, einen Polizisten umzufahren. An dieser Stelle beginnt in Tannhäuser die Wandlung, wie sie auch Wagner in künstlerischer und politischer Hinsicht wohl in seinem Leben sah – Kunst wurde später bei ihm zu einem Religions- wie Politikersatz. Tannhäuser schwankt noch zwischen den Polen, sehnt sich nach Elisabeth (Lise Davidsen) zurück, die schon in der ursprünglichen Anlage des Wagner'schen Librettos als strenger Gegenpol zur freizügigen Venus galt.

See am Grünen Hügel in Bayreuth
Der See am Grünen Hügel in Bayreuth wird beim "Tannhäuser" zum Schauplatz für ein Pausenspiel.

Katharina Wagner ruft die Polizei

Wagner-Puristen und –Gralshüter werden sich versöhnt zeigen, wenn im zweiten Aufzug der Saal der Wartburg (die noch im ersten Akt mit dem Bayreuther Festspielhaus bildlich gleichgesetzt wurde) erscheint, in dem der Sängerkrieg ausgefochten wird. Venus und ihre Spießgesellen schleichen sich in den Singwettstreit, während dessen Tannhäuser zugibt, im Venusberg gewesen und sinnlichen Freuden gefrönt zu haben. Es beginnt Tumult, nicht nur wegen der Empörung der Sangeskollegen, sondern auch, weil plötzlich die Anarchisten die Szenerie stören. Diese waren vorher über eine Leiter auf den Balkon des Festspielhauses eingestiegen und haben ihr Motto auf einem Transparent gehisst: "Frei im Wollen! Frei im Thun! Frei im Genießen!" – Richard Wagners frühe Revolutionsdevise. Auf der Leinwand ruft Katharina Wagner die Polizei, die dann auch prompt erscheint und dem Spuk ein Ende bereitet.

Tannhäuser, der sich nach dem Chaos, das er mit seiner Zuwendung an die heidnische Venus und damit den Götzendienst angerichtet hatte, von seiner Schuld rein waschen will, zieht dann noch Rom, um dort vom Papst die Absolution zu erhalten. Was bekanntlich misslingt und letztlich in sein Verderben führt.

In Bayreuth anno 2021 – die neunte überhaupt in der Festivalgeschichte – erhalten die Figuren noch einige Schattierungen mit dazu: Während der Minnesänger zugeben muss, weder als cooler Skandalproduzent noch als Künstler alter Schule eine gute Figur zu machen, lockt die ach so keusche Elisabeth ihren Verehrer Wolfram von Eschenbach (Markus Eiche) sogar zum schnellen Sex auf dem Schrottplatz.  

Regenbogenfahne gehisst

Szenen, die ein Opernpublikum eigentlich aufhorchen lassen sollten, manche sogar verstören. Nicht aber in Bayreuth – dort ist man einiges an Schockmomenten und Aufregern gewohnt. So lockt es anno 2021 keinen Buhrufer mehr aus der Reserve, wenn ein dunkelhäutiger Transvestit eine Regenbogenfahne auf der Bühne hisst. Und wenn beim Zwischenspiel am See des Grünen Hügels – eine echte Bereicherung als Nebenschauplatz – die Tannhäuser-Themen in Heavy-Metal-Versionen aus den Boxen knallen, dann schüttelt mancher eher belustigt statt empört den Kopf.

Die große Akzeptanz auch dieser Tannhäuser-Inszenierung liegt sicherlich nicht nur am immer aufgeschlossener werdenden Publikum, sondern auch einfach daran, dass der Opernbesucher einiges geboten kriegt: Dirigent Axel Kober holt aus dem Orchestergraben alles heraus, was geht, auch mithilfe eingespielter Chorpassagen, nachdem wegen Corona nicht so viele Sängerinnen und Sänger wie gewohnt gleichzeitig auf der Bühne singen dürfen. Die Protagonisten singen um ihr Leben, holen alles aus sich heraus. Lise Davidsen als Elisabeth ist einfach fantastisch impulsiv und dynamisch, ragt auf dem hohen Niveau der Gesamtleistungen sogar noch ein Stück heraus. Manuel Braun schafft ausgeklügelte Videoeinspielungen, bei denen der Besucher live Aufnahmen hinter und neben der Bühne sieht und somit eine zweite Perspektive auf das Geschehen erhält. Die Dramaturgie, für die Konrad Kuhn verantwortlich zeichnet, ist kurzweilig und stimmig, lässt die Spannungskurve keine Sekunde abfallen und macht schnell vergessen, dass man fast vier Stunden (plus Pausen) mit Maske auf den bewusst wenig bequemen Stühlen in der Oper sitzt.

Blutverschmierte Elisabeth

Bleibt am Ende noch die Frage nach dem unbequemen Schluss: Zwar schließt das Werk mit dem Satz "Der Gnade Heil ist dem Büßer beschieden, er geht nun ein in der Seligen Frieden!" – aber gestorben ist in der aktuellen Bayreuther Inszenierung nicht Tannhäuser, sondern lediglich Elisabeth, die sich nach dem Liebesspiel mit Wolfram augenscheinlich das Leben genommen hat und nun blutverschmiert in den Armen des "Helden" liegt. Doch bevor zu viel Trauer über die nicht gewährte Erlösung aufkommt, fahren Tannhäuser und Elisabeth auf der Leinwand im selben Kleinbus, in dem er anfangs mit der Venustruppe unterwegs war, in den Sonnenuntergang. Ein Happy-End mit Nachwehen, aber ein lebensbejahendes. Und über dem echten Festspielhügel erschien nach dem zweiten Akt passend dazu sogar ein Regenbogen.

„Frei im Wollen! Frei im Thun! Frei im Genießen!“
„Frei im Wollen! Frei im Thun! Frei im Genießen!“ ist Richard Wagners frühe Revolutionsdevise. Das Festspielhaus wurde beim "Tannhäuser" von der Anarcho-Truppe um Venus gestürmt.

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*