Das gibt ein Fest im Hundertsechzig-Morgen-Wald, wenn Pu der Bär mit Ferkel, Oile, I-Ah und sehr viel Honig Geburtstag feiert: Der Kinderbuch-Klassiker Winnie-the-Pooh wird 100 Jahre alt. Am 14. Oktober 1926 veröffentlichte Alan Alexander Milne (1882-1956) den ersten Geschichtenband über den "Bären von sehr geringem Verstand", der mit seinen Abenteuern, Missgeschicken und Nonsense-Reimen schnell die Herzen seiner kleinen und großen Leser eroberte. Noch heute bevölkert Pu die Kinderzimmer weltweit, als Stofftier, Schlüsselanhänger, Teetasse, T-Shirt, Bettwäsche, und natürlich auch in Film- und Buchform.
"Die Figur von Winnie-the-Pooh ist durch das Merchandising von Disney seit den 1960er-Jahren heute fast bekannter als durch die Originaltexte", stellt Emer O’Sullivan, Expertin für Kinderliteratur, fest. Allerdings habe in Deutschland die Neu-Übersetzung von 1987 durch den Autor und Sprachkünstler Harry Rowohlt für eine Pu-Renaissance gesorgt:
"Er hat die sprachlichen Eigenheiten, die Wiederholungen, den Small Talk und die übertriebene Höflichkeit, mit der sich Milne auf liebevolle Weise über typisch britische Eigenheiten lustig machte, herrlich ins Deutsche übertragen", sagt die emeritierte Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg.
Liebenswerte Stofftiertruppe
Die literarischen Vorbilder für die tollpatschige, altkluge, nörgelnde, besserwisserische und trotzdem liebenswerte Stofftiertruppe fand Milne im Kinderzimmer seines 1920 geborenen Sohns Christopher Robin, den er zugleich zum einzigen menschlichen Protagonisten der Pu-Bücher erhob. Der unfreiwillige Status als lebende Kinderbuchfigur war dem echten Christopher Robin allerdings zeitlebens verhasst. Der Erfolg seines Vaters habe darauf beruht, dass er "auf meine kindlichen Schultern kletterte, mir meinen guten Namen stahl und mich dann mit nichts weiter zurückließ als dem leeren Ruhm, sein Sohn zu sein", heißt es in seiner Autobiografie.
Dass Pu der Bär für Kinder im Smartphone-Zeitalter trotz seines langsamen Erzähltempos noch interessant ist, liege auch an den verschiedenen Ebenen, die Milne bediene, sagt Emer O’Sullivan. Kleinkinder liebten die Reime und die abgeschiedene Welt ohne Erziehungsperson, während Grundschulkinder bereits Vergnügen darin fänden, die Figuren zu durchschauen: "Oile zum Beispiel tut nur klug und belesen, schreibt aber dabei alles falsch", sagt die Expertin über Pus schlaue Freundin.
Zweckfreies Spiel in heiler Welt
Ähnlich sieht es Marina Klamt, bekennender Pu-Fan und Mitarbeiterin der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) München. "Pu braucht immer wieder Christopher Robins Hilfe, um aus einer komischen Situation herauszukommen", sagt sie. Ihrem Sohn habe das imponiert: Ein Kind als Retter in der Not! Für die erwachsenen Leser und Hörer wiederum stehe der nostalgische Blick auf eine ideale Kindheit im Vordergrund: zweckfreies Spiel in einer heilen Welt, in der jeder trotz seiner Macken akzeptiert bleibt.
Denn während der Esel I-Ah ein unverbesserlicher Pessimist ist, Känga die überfürsorgliche Mutter und Ferkel der stets nach Aufmerksamkeit heischende Winzling, bleibt der Honigtopf Pus schon fast existenzielle Schwachstelle, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Die Schicksalsfrage des Bären lautet deshalb in Harry Rowohlts unvergleichlich brummiger Hörspiel-Fassung: "Ich frage mich seit Jahr und Tag, / warum der Bär den Honig mag. / Summ! Summ! Summ! / Ich frage mich: warum?"
Königliches Teeservice und Hollywood-Stern
Nach A.A. Milnes Tod verkaufte dessen Witwe die Rechte an Winnie-the-Pooh 1961 dem US-Filmkonzern Walt Disney, der den Stoff aufgriff und in zahlreichen Serien, Büchern und Spielfilmen weiterspann. "Gerade die stark bebilderten Disney-Varianten für Kleinkinder werden in der Jugendbibliothek sehr gut ausgeliehen", sagt Marina Klamt von der IJB. Dem wollte der Schweizer Atrium Verlag zum 100. Geburtstag des Bären etwas entgegensetzen: Vier Pu-Vorleseausgaben, reich bebildert mit den Original-Illustrationen von Ernest Shepard, sind seit August im Handel, damit Kinder "gemeinsam mit ihren Eltern den Charme der Originaltexte" wiederentdecken könnten, so der Verlag.
Berühmt war Pu beinahe von Anfang an: Schon die verstorbene Queen Elizabeth II., wie Pu Jahrgang 1926, besaß als kleines Mädchen ein Teeservice mit Szenen aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald. Pu selbst ist auf dem Hollywood Walk of Fame mit einem Stern verewigt. Seiner Bodenständigkeit und bärigen Weisheit aber konnte all das in hundert Jahren nichts anhaben. "Wenn du morgens aufwachst, Pu, was sagst du dann als Erstes zu dir?" fragt Ferkel ihn am Ende des ersten Buchs. Und Pu antwortet: "Was gibt's zum Frühstück?"